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Mythos Canossa : Wir sollten die Legende vergessen

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Die Kirchenruine der Burg Canossa Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Was war Canossa? Ein Schlüsselereignis der europäischen Geschichte? Der Moment, in dem sich Staat und Kirche trennten? König Heinrich auf den Knien vor dem Papst? Alles falsch, sagt der Historiker Johannes Fried. Neue Quellenfunde zeichnen ein ganz anderes Bild des Ereignisses Canossa.

          Es war Januar des Jahres 1077 und kalt. Da stand er, der König Heinrich IV., im Schnee, ohne Krone, barhäuptig und barfuß, das härene Büßergewand eng um den Leib geschlungen, die Rechte zur Faust geballt, grimmigen Blicks, ohnmächtig in seinem Zorn, stand vor der Burg Canossa, derweil feindselige Krieger ihm den Eingang verwehrten, von oben herab der Papst Gregor mit dem Finger auf ihn zeigte und die Markgräfin Mathilde mit inniger Bittgeste für den Vetter um Gnade flehte. Wieder und wieder wurde die Szene imaginiert. Das beschriebene Bild hatte der in München tätige Historienmaler Eduard Schwoiser aus Mährisch-Trübau im Jahr 1862 gemalt. Er folgte der Tradition, die seit dem sechzehnten Jahrhundert das Geschick dieses Königs beklagte.

          Eindringlich beschrieb der bedeutende Historiker Wilhelm Giesebrecht das Drama in seiner vielgelesenen „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“. In Heinrichs Buße von Canossa erkannten die Deutschen die tiefste Demütigung ihrer Könige, eine unvergessene Katastrophe. „Canossa“ war geradezu ein nationales Trauma.

          Motto im Kulturkampf

          Gewiss, man kam darüber hinweg. Ironisch hatte Heinrich Heine schon 1839 den Büßer murmeln lassen: „Du mein liebes, treues Deutschland, / Du wirst auch den Mann gebären, / Der die Schlange meiner Qualen / Niederschmettert mit der Streitaxt.“ In der Tat: „Nach Canossa gehn wir nicht, weder körperlich noch geistig!“ So versicherte der Eiserne Kanzler Bismarck während des Kulturkampfes den Reichstag, als er päpstliche Einmischung in seine Außenpolitik scharf zurückwies. Tageszeitungen und Journale kolportierten den Satz hundertfach; in Stein gemeißelt steht er auf der „Canossa-Säule“, die eifrige Patrioten auf der Harzburg bei Goslar errichteten, dort, wo in gewisser Weise das ganze Elend begonnen hatte, das den „armen König“ Heinrich einst zum Gang nach Canossa zwang, um sich dem Papst zu unterwerfen.

          Ein aufrechter Büßerkönig: Heinrichs Canossagang auf dem Gemälde Eduard Schwoisers

          „Nicht nach Canossa“ propagierte eine Bismarck gewidmete Medaille. Dieses verpönte Canossa, nach dem „wir“ nicht gehen, war nun der Inbegriff trutziger Stärke des eben gegründeten Deutschen Reiches, jedenfalls seiner Protestanten, während ein katholischer Karikaturist jenen Kanzler vergebens die „Canossa-Säule“ zur Ruhmeshalle schleppen ließ.

          Universalität des Wandels

          So erstand in „Canossa“ ein deutscher Gedächtnisort, der trotz sinkender Geschichtskenntnisse bis heute überdauert: Demütigung und Selbstbehauptung, Herausforderung und säkulare Wendemarke in einem. Der Canossagang wurde zum Zeichen einer Neubesinnung der Kirche auf ihre Überordnung über alles Weltliche, zum Symbol der Trennung von Staat und Kirche. Und so findet sich dieser Gedächtnisort als „Wende von Canossa“ noch immer in den historischen Hand- und in den Schulbüchern; so wurde er im Jahr 2006 mit reicher Ausstellung einem breiten Publikum als „Erschütterung der Welt“ vor Augen geführt und kürzlich in aufwendiger Fernsehproduktion in Szene gesetzt, Millionen zur Belehrung leibhaftig ins Haus gesendet mit dem um Gnade flehenden Heinrich im Schnee.

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