21.01.2009 · Wer „nach Canossa geht“, der tritt nach herkömmlichem Verständnis den Gang zu Buße und Unterwerfung an. Doch nun erschüttert der Mediävist Johannes Fried mit einer ganz anderen Interpretation den Mythos vom Kampf der politisch-theologischen Giganten im Jahre 1077.
Von Oliver JungenJohannes Fried, Frankfurter Mediävist und Erfinder der historischen Memorik, wurde vor kurzem die Ehrendoktorwürde der Aachener Philosophischen Fakultät verliehen. Der Geehrte wusste den Anlass zu nutzen, um seine soeben erschienene, sensationelle Abhandlung über den Gang Heinrichs IV. nach Canossa im Jahre 1077: „Der Pakt von Canossa“ vorzustellen. In Frieds ebenfalls vor kurzem publizierte Darstellung des Mittelalters ist die neue Canossa-Deutung bereits eingegangen, ohne aber die Argumentation im Detail aufzuführen. In Aachen stand er nun den Canossa-Experten Rudolf Schieffer, München, und Stefan Weinfurter, Heidelberg, sowie einem großen Publikum Rede und Antwort.
Nur wenige Ereignisse aus der deutschen Geschichte haben sich nachträglich so sehr mit symbolischer Bedeutung angereichert wie diese Unterwerfung des gebannten Königs unter den Papst. Bis heute erzählt man den Titanenkampf gerne in der, so Fried, „geifernden“ Version des Lampert von Hersfeld, eines dezidierten Gegners des salischen Königs. Auch als vor zwei Jahren das Jubiläum des Ereignisses begangen wurde, bezog man die berühmten Worte des Chronisten Bonizo von Sutri von der „Erschütterung der Welt“ meist auf den folgenreichen Kniefall statt auf das eigentlich gemeinte Ereignis, die unerhörte Suspension des Kaisers. Gleichwohl hatte die Forschung immer wieder Neues beizutragen. Gerd Althoff etwa hat herausgearbeitet, dass es weniger der Kirchenbuße als dem weltlichen Unterwerfungsritual der „Deditio“ entspreche, wenn der König drei Tage barfuß und im Büßergewand vor der Burg stehe.
Keine Unterwerfung, sondern ein gemeinsam geplanter Friedensvertrag
Johannes Fried hat dagegen durch Berechnung der Reisezeiten herausgefunden, dass das auf den Aussagen der deutschen Chronisten beruhende und seit dem Standardwerk von Gerald Meyer von Knonau (1894) tradierte Zeitgerüst nicht stimmen kann. Verfolgt man dagegen eine Spur, die von einer früheren, aber erst seit 1906 bekannten Quelle, dem „Königsberger Fragment“, ausgeht, gerät bald das gesamte kanonische Canossa-Bild ins Wanken. Fried geht noch weiter und entwirft eine neue, in sich stimmigere Version des Geschehens, in der statt Unterwerfungsritus ein partnerschaftlicher Friedensvertrag im Mittelpunkt steht.
Bislang ging man stets davon aus, dass die Fürstenversammlung von Tribur Anfang November 1076 eine Gesandtschaft an die Kurie geschickt habe, um den Gehorsam des Kaisers zuzusichern und den Papst für den 2. Februar 1077 nach Augsburg zu einem Kolloquium einzuladen, auf dem er über den König entscheiden solle. Doch es gibt, so Fried, allen Grund zur Annahme, dass Papst Gregor VII. die Reise nach Deutschland schon lange zuvor geplant und angekündigt haben muss. Von Tribur aus machten die Fürsten lediglich einen Terminvorschlag. Bis nach Augsburg kam der Papst allerdings nicht, weil ihn Heinrich IV. bekanntlich unterwegs abpasste.
Eine verzerrte Darstellung im kollektiven Gedächtnis
Weshalb aber war der Papst überhaupt auf die Idee der Reise gekommen? Hier helfe der zeit- und ortsnahe Bericht des Arnulf von Mailand weiter, dessen Wert bis heute unterschätzt werde. Demnach ging lange vor Tribur die Initiative für ein Versöhnungskolloquium auf deutschem Boden von drei königsnahen Persönlichkeiten aus. Heinrichs Pate, Hugo von Cluny, seine Mutter, Kaiserin Agnes, sowie die enge Verwandte Mathilde von Tuszien sollen demnach König und Papst zum Friedensschluss im Rahmen eines Kolloquiums - also zum gemeinsamen Vorgehen - überredet haben. Weil aber auf deutschem Boden das ganze Projekt zu scheitern drohte, sah sich der Salier gezwungen, dem Papst entgegenzuziehen.
Dieser war auch sofort bereit, die Bannlösung (nach rein formal nötigem Bußritual) sowie die Friedensverhandlungen vorzuziehen. Der Vertrag kam laut Fried am 25. (nicht 28.) Januar 1077 in Canossa zustande. Über seinen Inhalt ist wohl deshalb nichts bekannt, weil er nie zum Tragen kam. Von den lombardischen Gegnern Gregors und den sächsischen Gegnern Heinrichs sabotiert, war der Pakt schon nach wenigen Wochen hinfällig. Ins kollektive Gedächtnis schaffte es nur die verzerrende Darstellung der Opposition. Als Wende lässt sich Canossa nun allerdings keineswegs mehr bezeichnen, sondern allenfalls als gescheitertes kaiserlich-päpstliches Deeskalationsunternehmen. Nicht nach Canossa zu gehen hieße also, sich diplomatischen Lösungen von Konflikten zu verweigern.
Vom Umgang mit Gerdächtnisorten
Damit hat Fried eine vermeintliche Zentralepisode der deutschen Geschichte vollkommen umgeschrieben. Wie reagierten die beiden Fachkollegen darauf? Mit einem „Summa cum laude“. Rudolf Schieffer sekundierte mit einem Koreferat, das aufzeigte, wie sehr Canossa ein Phänomen der deutschen Geschichtsschreibung blieb, in Westeuropa also kaum beachtet wurde. Stefan Weinfurter, der die Umwertung ebenfalls akzeptierte, wollte Canossa wenigstens „als Chiffre“ für die Kirchenreform gerettet wissen. Für Weinfurter steht einiges auf dem Spiel, schließlich hat er in seinem Canossa-Buch (2006) die These der „Entzauberung der Welt“ vertreten: Erste Impulse, weltliche Lebensordnungen zu konzipieren und die Kirche als eigene Institution zu definieren, seien von dem Ereignis ausgegangen. Fried aber widersprach scharf. Diese historisch eben nicht gedeckte Chiffre sei ihm viel zu protestantisch und kulturkämpferisch.
Auch in Frieds Dankesrede für die Verleihung des Ehrendoktorats ging es schließlich um propagandistische genutzte Gedächtnisorte: Einen eklatanten Fall machte Fried in der jüngsten, auch den Canossa-Gang behandelnden „Die Deutschen“-Historienreihe des ZDF aus: Ein reaktionäres Geschichtsbild werde da implantiert, eine fast nationalsozialistische Heldenverehrung betrieben im „Land des Nichtkönnens und Nichtwissens, der Rückständigkeit und Unbelehrbarkeit“. Ein kleines Beispiel für die Instabilität des Gedächtnisses bot der Geehrte dann in seinen letzten Worten aber doch noch: „Ich danke für diesen Preis, ähm, die Ehrenpromotion.“