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Mediengespür

20.02.2007 ·  Die Geistesgeschichte ist reich an Schlagworten, die sich von ihren Schöpfern unabhängig gemacht haben. Dieses Schicksal ereilte auch Marshall McLuhan, den kanadischen Wegbereiter der noch immer jungen ...

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Die Geistesgeschichte ist reich an Schlagworten, die sich von ihren Schöpfern unabhängig gemacht haben. Dieses Schicksal ereilte auch Marshall McLuhan, den kanadischen Wegbereiter der noch immer jungen akademischen Disziplin "Medienwissenschaften", auf den die Formel "The medium is the message" zurückgeht und der die Rede vom "globalen Dorf" populär gemacht hat. Dass McLuhan zwischenzeitlich dem Vergessen anheimgefallen ist, darf nicht verwundern. Er war ein erklärter Antiakademiker ohne universitäre Hausmacht, der sich in Fernsehstudios wohler fühlte als an seinem Schreibtisch. Während ihn die flapsige Popkultur der sechziger und frühen siebziger Jahre wegen seines aphoristischen Stils liebte, wurde er von der seriösen Wissenschaft wegen seiner assoziativen Methode, seines systematisch-unsystematischen Vorgehens bestenfalls als Außenseiter behandelt.

Mit der Popkultur verging auch das breitgefächerte Interesse an McLuhan. Vielleicht war das die Voraussetzung dafür, dass sich nun, sechsundzwanzig Jahre nach seinem Tod, die Wissenschaft wieder um ihn bemüht. Darauf deutet auch eine Tagung hin, die in der vergangenen Woche von der Universität Bayreuth veranstaltet wurde. Im oberfränkischen Schloss Thurnau hatte sich eine Reihe renommierter Wissenschaftler aus dem In- und Ausland versammelt, um im Licht des medial-technischen Fortschritts der Frage nachzugehen, was uns McLuhan heute noch zu sagen hat.

Dafür war jedoch zunächst zu klären, ob McLuhan überhaupt je etwas zu sagen hatte: Er inszenierte sich gerne als Nachfolger der griechischen Sophisten, die aus prinzipiellen und finanziellen Erwägungen keinen eigenen Standpunkt hatten, aber je nach Bedarf und Auftraggeber virtuos einen solchen einzunehmen verstanden. Nicht das "Was", sondern das "Wie" war McLuhan wichtig. Dass auch dies ein Teil seiner gekonnten Selbstinszenierung war, hat die Tagung deutlich gemacht. Zwar konnte sich McLuhan bis zur Albernheit selbst destruieren, sein Werk - vor allem seine beiden wichtigsten Bücher "The Gutenberg Galaxy" und "Understanding Media" - behandelt aber gleichwohl eine der großen Fragen der neuzeitlichen Geisteswissenschaften: Welches sind die Bedingungen des modernen menschlichen Zusammenlebens?

McLuhan sah die entscheidende historische Zäsur in der massenhaften Alphabetisierung des Menschen durch die Erfindung des Buchdrucks. War der Weltzugang zuvor akustisch oder synästhetisch, so wurde die Kommunikation nun in ein lineares System der Visualität gezwängt, das sich in allen Lebensbereichen durchsetzen sollte. Die Zeichen, Buchstaben wie Zahlen, verlieren dadurch ihren Bezug zur außersprachlichen oder außermathematischen Realität. Ganz im Sinn des cartesianischen "Cogito, ergo sum" wird die Welt zur Vorstellung jedes Einzelnen. Die Folge ist die Individualisierung des Menschen bis hin zu seiner Isolation und Atomisierung. Nach McLuhan ändert sich dies erst im Zeitalter der Elektrizität: Strom überwindet Zeit und Raum und führt den Menschen zurück in eine Stammeskultur, in der er wieder Teil eines Kollektivbewusstseins wird. Das Fernsehen, das nach McLuhan alle Sinne erfasst und alle Menschen gleichzeitig am Gleichen teilhaben lässt, spielt dabei die entscheidende Rolle.

McLuhans kosmologische Vorstellungen waren von unterschiedlicher Seite inspiriert. Dieter Mersch wies darauf hin, dass sich in seiner "Medienteleologie" hegelianische Denkfiguren wiederfinden. Hartmut Winkler sah den Katholiken McLuhan angeregt durch den Einheitstheologen Teilhard de Chardin. John Durham Peters interpretierte McLuhan als einen Surrealisten im Fahrwasser von James Joyces "Finnegans Wake". Wolfgang Hagen schließlich verortete McLuhan in der Tradition der Vortizisten um Ezra Pound und vor allem Wyndham Lewis. Ohne Zweifel muss McLuhans Werk als nachavantgardistisches Echo auf die Krise der Moderne in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts gelesen werden. In der Technik und vor allem in den neuen Massenmedien sah er dabei das Instrument, das aus dieser Krise heraus- und möglicherweise in eine neue hineinführt: Im globalen Dorf kann es nach McLuhan sehr ungemütlich sein. Allein für diese Einschätzung möchte man ihm prophetische Fähigkeiten attestieren.

Hat er darüber hinaus mit seiner Diagnose von der Entindividualisierung auch das Zeitalter des Internets vorweggenommen? Claus Pias zeigte, dass McLuhan dem Personal Computer wenig Aufmerksamkeit schenkte, obwohl im Jahr der Veröffentlichung von "Understanding Media" die Programmiersprache Basic entwickelt und die erste Computermaus marktreif wurde. Auch Wolfgang Ernst führte aus, dass McLuhan dem Zeitalter der Elektrizität verhaftet blieb und die Elektronik, die Vereinigung von Logos und Elektrizität, noch nicht auf der Rechnung hatte. Dennoch habe er ein "Gespür" für die Fragen gehabt, die uns heute das Zeitalter des Internets aufgibt.

Wegweisend war dabei vor allem McLuhans Analyse der Medien als einer Macht, die in fundamentaler Weise die Umwelt verändert. Er sah, inspiriert durch die Kybernetik, in den Medien eine Ausweitung und zugleich eine Amputation des menschlichen Zentralnervensystems: Das Medium ist Teil des Menschen, und der Mensch ist Teil des Mediums. Computerspiele, die heute längst die Grenzen zwischen dem realen und dem virtuellen Raum, zwischen leibhaftigen Menschen und Avataren niedergerissen haben, lassen keinen Zweifel daran, dass McLuhan auch hier das richtige Gespür hatte. Timo Frasch

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