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Max Weber : Ohne Entsagung keine Forschung

Das Streben nach Erkenntnis ist kein Job: Max Weber 1917 in Lauenstein. Bild: Picture-Alliance

Vor hundert Jahren hielt Max Weber in München seinen berühmten Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“. Die Fragen, die er aufwarf, verdienen auch heute noch eine überzeugende Antwort.

          Welche guten Gründe kann es für einen jungen Menschen geben, sich beruflich der Wissenschaft zuwenden zu wollen? Wer diese Frage beantworten möchte, könnte zunächst an die unterschiedlichen Arten von Wissenschaft denken. Die Motive, Meeresbiologin zu werden, Entzündungen zu bekämpfen oder Roboter zu bauen, unterscheiden sich von denen, Martials Epigramme zu studieren, den Zahlenraum, die Demokratie oder die Sterne. Der Beitrag zur Lösung von Menschheitsproblemen kann ebenso reizen wie Experimente, Rätsel oder fremde Welten.

          Entsprechend zieht die Forschung kontemplative Charaktere ebenso an wie konstruktive Bastler, einsame Leser wie Freunde der Feldarbeit. Aufgeschlossenheit für Argumente schadet nicht, aber in Gestalt von „Paradigmen“ halten einzelne Fächer auch Trostmittel für diejenigen bereit, die nicht über alles diskutieren wollen. Die Wissenschaft bietet also ganz unterschiedliche Möglichkeiten, sich in ihr zu bewegen. Hinzu kommt, dass derzeit, je nach Zählung, etwa die Hälfte eines Jahrganges ein Hochschulstudium aufnimmt und damit auf die eine oder andere Art in Berührung mit der Wissenschaft kommt. Die Hochschulen ihrerseits tun viel dafür, um Begabungen in die Wissenschaft zu ziehen. Das gelingt ihnen umso leichter, je mehr sie den Eindruck erwecken können, dass in der Professur Elemente einer attraktiven Berufstätigkeit gebündelt sind: freie Themenwahl, überschaubare Präsenzpflichten, Verbeamtung, lange Sommerferien.

          Als der Soziologe und Nationalökonom Max Weber am 7. November 1917 in einer Münchner Buchhandlung seinen berühmten Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“ hielt, waren viele dieser Voraussetzungen gegeben. Allerdings gerade eben erst. Webers hochschulpolitische Texte, die nun in der Gesamtausgabe seiner Schriften erschienen sind, belegen die damaligen Kämpfe um Lehr- und Forschungsfreiheit, insbesondere was Juden und Sozialdemokraten sowie das Hineinregieren von Ministerien in die Hochschulen anging.

          Max Weber: „Wissenschaft als Beruf“. Herausgegeben von Matthias Bormuth. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017, 188 S., br., 14,- €
          Max Weber: „Wissenschaft als Beruf“. Herausgegeben von Matthias Bormuth. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017, 188 S., br., 14,- € : Bild: Matthes & Seitz Berlin Verlag

          Außerdem sprach Weber zu einer äußerst exklusiven Elite. Die Zahl aller deutschen Studenten lag bei nicht einmal 90000 – heute studieren allein an den Universitäten Frankfurt und Bochum so viele. Zugleich galten die Universitäten, an denen damals kaum mehr als viertausend Professoren und Dozenten lehrten, seit dem Kaiserreich als weltweit vorbildliche Einrichtungen, die in der Physik wie in der Geschichte, in der Mathematik wie in den Philologien das Maß der Forschung darstellten. Das soziale Prestige von Professoren war beträchtlich.

          Webers Vortrag setzte mit Bemerkungen zur beruflichen Lage der Gelehrten ein, die hier einen Wandel anzeigten. Wissenschaft ist Spezialistentum mit unsicheren Karriereaussichten und wenig Idealisierungschancen, so könnte man seine Bilanz zusammenfassen. Sie galt Weber ausnahmslos für alle Disziplinen. Auf letzte Fragen gebe die Wissenschaft nirgendwo eine Antwort, die „Entzauberung der Welt“, an der sie durch Erklären, Berechnen und Technisieren arbeite, sei wie aller Fortschritt ein gemischter Segen. Wenn die Frage nach der Richtung des Fortschritts sich nicht beantworten lasse, bleibe auch die nach dem Sinn des Erkenntnisgewinns offen. Die Chemie hat das Chloroform und das Senfgas erfunden, die Psychologie dient der Therapie wie der Propaganda. Wer der Wissenschaft ausschließlich Attribute wie „kritisch“, „aufklärerisch“ oder „nützlich“ beilegt, bilanziert also sehr einseitig.

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