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: Machtvertikale

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Als vor anderthalb Jahrzehnten die Sowjetunion zusammenbrach, war naturgemäß auch die Zeit des Marxismus-Leninismus als Staatsideologie vorbei. Doch ohne eine solche Ideologie glaubten die nachrückenden Machthaber der Russländischen Föderation nicht auskommen zu können.

          Als vor anderthalb Jahrzehnten die Sowjetunion zusammenbrach, war naturgemäß auch die Zeit des Marxismus-Leninismus als Staatsideologie vorbei. Doch ohne eine solche Ideologie glaubten die nachrückenden Machthaber der Russländischen Föderation nicht auskommen zu können. Die Aktionsprogramme und die Zukunftsvorstellungen der damaligen liberalen Reformkräfte waren allerdings zu stark von Wirtschaftsinteressen geprägt und zu ausschließlich an westlichen Vorbildern orientiert, als dass sie sich zu einer neuen politischen Doktrin "für ganz Russland" hätten festschreiben lassen.

          Man mag sich fragen, weshalb und wozu ein Staatswesen heute eine allgemeinverbindliche ideologische Leitlinie überhaupt braucht. Mehrfach wurde jedenfalls in den vergangenen Jahren die russische Intelligenz von offizieller Seite zur Ausarbeitung einer neuen Staatsidee aufgerufen. Die Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin haben sich eigens dafür eingesetzt, es gab sogar einen allrussischen Ideenwettbewerb, dennoch blieben die Bemühungen ohne greifbares Resultat. Zwar wurden Entwürfe aller Art zuhauf eingebracht, doch deren Bündelung zu einer kohärenten Ideologie gelang nicht.

          Diesem Defizit soll nun abgeholfen werden durch den Rückgriff auf einen bisher kaum beachteten Staats- und Rechtsphilosophen russischer Herkunft, der den Großteil seines Lebens im deutschen und schweizerischen Exil verbracht hat. Es handelt sich um den 1883 in Moskau geborenen, 1954 in Zollikon bei Zürich verstorbenen Iwan Iljin, der 1922 als "weißer Konterrevolutionär" von den Bolschewiki zwangsexiliert wurde, danach als Dozent und Publizist in Berlin wirkte, bis er 1938 Deutschland verlassen und in der Schweiz Zuflucht suchen musste.

          Iljin, dessen brillante akademische Karriere aus rein politischen Gründen frühzeitig geknickt wurde, engagierte sich in der Emigration als ebenso eigensinniger wie konsequenter Einzelkämpfer wider den Kommunismus und das Sowjetregime. Unter prekärsten Existenzbedingungen verfasste er ein halbes Hundert Bücher und Broschüren, veröffentlichte überdies - meist an entlegener Stelle - zahllose tagespolitische Artikel und religiöse Traktate, hielt rastlos Vorträge in christlichen Vereinen und städtischen Volkshochschulen, stets bemüht, seine Fundamentalkritik am stalinistischen Totalitarismus zu verbinden mit der Vision einer lichten postsowjetischen Zukunft für Russland.

          Diese Zukunft sollte dem Land von neuem die Monarchie ("das Glück, einen Zaren zu haben") bescheren, sie sollte die Dominanz einer politischen Elite, die geistige Reinigung der Intelligenz, die Erstarkung der Orthodoxie, die soziale Akzeptanz der Armee, die Garantie des Privateigentums, vor allem aber die Wiederherstellung der "organischen Ganzheitlichkeit und Harmonie" von Staat und Gesellschaft mit sich bringen. Dieser durchaus widersprüchliche Wunsch- oder Forderungskatalog trug Iljin selbst unter seinen exilrussischen Zeitgenossen den Ruf eines unversöhnlichen kalten Kriegers und nostalgischen Reaktionärs ein.

          Wenn Iwan Iljin neuerdings vom russischen Präsidenten, von führenden Vertretern der Regierung, der Justiz wie auch der Kirche als wegweisender Vordenker einer angeblich neuen Staatsideologie zitiert und damit auch legitimiert wird, so findet diese singuläre Vereinnahmung eines ehemaligen "Staatsfeindes" ihre Erklärung darin, dass bei ihm in bündiger Formulierung sämtliche Argumente zu finden sind, die den von Putin propagierten "starken Staat" rechtfertigen - die "Diktatur des Gesetzes" ebenso wie die "Vertikale der Macht", eine elitäre gesellschaftliche "Rangordnung" ebenso wie den Großmachtanspruch der Russländischen Föderation.

          Solange die Russen noch nicht demokratiefähig seien, benötigten sie eine vertrauenswürdige zentrale Führung, heißt es in einem dezidierten Statement Iljins "Über die Staatsform", und diese Führung müsse "eine nationale, patriotische, keineswegs totalitäre, jedoch autoritäre - zugleich erzieherische und auferweckende - Diktatur" sein. Ein "großes Volk" sei groß nur kraft der "großen Führer und Schöpfer", die ihm den Weg weisen und ein Ziel setzen. Dass Iljin auch eine Reihe von heute akuten politischen Konflikten (etwa das Verhältnis Russlands zur Ukraine oder zu den Völkerschaften des Kaukasus) schon vor Jahrzehnten genau beschrieben hat, verleiht ihm eine geradezu prophetische Aura und macht ihn für die derzeitige Kreml-Führung postum zu der geistigen Autorität, die er stets gewesen wäre.

          Iwan Iljins definitive Adelung als Meisterdenker und "Künder des kommenden Russland" wird beglaubigt durch eine zwölfbändige Werkausgabe, die laufend durch Ergänzungsbände erweitert wird und heute bereits auf den doppelten Umfang angewachsen ist. Seine neue Stellung wird überdies dadurch untermauert, dass nicht nur sein umfangreiches Archiv, sondern auch (was sonst nur königlichen Hoheiten zuteil wird) seine sterblichen Überreste aus dem Exil in die russische Heimat übergeführt wurden. Präsident Putin persönlich hatte sich dafür eingesetzt, und der milliardenschwere Oligarch Wiktor Wekselberg finanzierte den kostspieligen Transfer. FELIX PHILIPP INGOLD

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