http://www.faz.net/-gqz-u9le
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2007, 13:43 Uhr

Liebesbotschaften, Pflichtschokolade

Ein durchschnittlicher japanischer Haushalt vergibt im Jahr dreihundert Geschenke. Angestellte erhalten in der Geschenksaison zu Jahresmitte (ochugen) und Jahresende (oseibo) ein Bonusgehalt. Das hochritualisierte, ...

Ein durchschnittlicher japanischer Haushalt vergibt im Jahr dreihundert Geschenke. Angestellte erhalten in der Geschenksaison zu Jahresmitte (ochugen) und Jahresende (oseibo) ein Bonusgehalt. Das hochritualisierte, institutionalisierte Geben und Nehmen, von dem Nippons Geschenkindustrie profitiert, ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Iis P. Tussyadiah erkennt in ihrer Studie zur Soziologie des Schenkens rationalisierte Rituale und eine allmähliche Ökonomisierung der Gefälligkeit ("Gift Giving behavior on imported western holidays in Japan", in: Japanizing. The Structure of Culture and Thinking in Japan, hrsg. von Peter Lutum, LIT Verlag, Berlin 2006).

In Japan sind die äußere Form, die Kunst der Verhüllung, Präsentation und Übermittlung des Geschenks strikt normiert. Begleitet von einer Verbeugung, wird das Geschenk mit beiden Händen und den Worten "Es ist nur eine Kleinigkeit" überreicht. Schon die Verpackungstechnik transportiert dezente Botschaften. So werden bei formellen Anlässen Bänder mit kunstvollen Knoten (mizuhiki) verwendet. Die Färbung der Bänder bis hin zur Weise des Knotens ist mit Bedeutung geladen. Bei freudigen Ereignissen fungiert ein gefaltetes Papierornament (noshi) am rechten oberen Rand als Geschenkverzierung. Die persönliche Übergabe wird heute oft durch die Auslieferung durch Kaufhäuser ersetzt. Beliebte Präsente sind Konfekt, Qualitätstee oder Likör, tabu sind Scheren, Brieföffner und andere Dinge mit scharfen Kanten, welche eine Verschlechterung der Beziehung symbolisieren.

Von zentraler Bedeutung ist das Konzept des "giri", der sozialen Verpflichtung. Der Wert eines Geschenks wird durch freundschaftliche und geographische Nähe, status- und geschlechtsbedingte Unterschiede bestimmt. Der Beschenkte zeigt sich mit einem ebenso genau kodierten und wohlkalkulierten Gegengeschenk (okaeshi) erkenntlich.

Bei der Einführung westlicher Feiertage kam es schließlich zu Übersetzungsfehlern und zu Verschiebungen in der Bedeutung und Kulturpraxis des Schenkens. So meint das japanische Weihnachten weniger den christlichen Gedanken der Liebe als ein konsumorientiertes Zusammensein der Liebespaare. Am Valentinstag hingegen, dem Tag der Verliebten in der westlichen Tradition, schenken in Japan nur Frauen ihren Angebeteten Schachteln mit Schokolade. Dieser Brauch geht auf eine Werbekampagne einer japanischen Schokoladenfirma aus dem Jahr 1958 zurück, die den Valentinstag zum "Tag, an dem eine Frau einem Mann ihre Liebe durch ein Schokoladengeschenk gesteht", erklärte. Parallel zur Schokolade für den Auserwählten (honmei choko) wurde in der japanischen Anverwandlung des Valentinstags die sogenannte "Pflichtschokolade" (giri choco) eingeführt, die weibliche Angestellte ihren Vorgesetzten und männlichen Kollegen als Zeichen der Dankbarkeit überreichen.

Den Männern wurde mit der erfundenen Tradition des japanischen Feiertags "White Day" am 14. März die Gelegenheit gegeben, sich mit Süßwaren, Blumen oder Taschentüchern zu revanchieren, wobei das männliche Gegengeschenk etwas teurer sein sollte als das weibliche Valentinstaggeschenk einen Monat zuvor. In Japans Postmoderne kam es infolge der Adaptierung westlicher Kultur zur Versachlichung des Schenkens und zum Paradigmenwechsel vom Liebesbeweis zur Pflichtübung. STEFFEN GNAM

Quelle:

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Geldpolitik Wo Helikopter-Geld am ehesten vom Himmel fällt

Ökonomen in vielen Ländern diskutieren gerade über Helikoptergeld. Vor allem in Japan gibt es Spekulationen über weitere Geldexperimente. Mehr Von Philip Plickert und Patrick Welter

21.04.2016, 07:09 Uhr | Wirtschaft
Viele Tote und Verletzte Erneut schweres Erdbeben im Süden Japans

Japan ist in der Nacht von Freitag auf Samstag erneut von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Laut Medienberichten starben mehrere Personen. Fast 800 Verletzte wurden in Krankenhäusern behandelt. Das Beben hatte der japanischen meteorologischen Agentur zufolge eine Stärke von 7,3. Mehr

16.04.2016, 10:32 Uhr | Gesellschaft
Angesagt altmodisch Ein Füller für Freundin Nr.6

Was bedeuten hochwertige Schreibgeräte schon in digitalen Zeiten wie diesen? Wer sich auf Geburtstagen und Abschiedsfeiern umhört, erfährt: sehr viel. Über ein Gruppengeschenk. Mehr Von Jennifer Wiebking

28.04.2016, 16:38 Uhr | Gesellschaft
Japan John Kerry besucht Mahnmal in Hiroshima

An der Seite der anderen Außenminister der sieben führenden Industriestaaten und an der Seite seines japanischen Amtskollegen legte der amerikanische Außenminister John Kerry in Hiroshima einen Kranz an der Gedenkstätte für die Opfer der Atombombe nieder. Das hatte hier zuvor noch kein amerikanischer Außenminister getan. Mehr

11.04.2016, 14:23 Uhr | Politik
Stomatologie Wie finde ich meinen Zahnarzt?

An Zahnmedizinern fehlt es nicht in Deutschland. Doch man kann schon mal an den falschen geraten. Die Leidensgeschichte eines Gebisses. Mehr Von Jörg Albrecht

30.04.2016, 11:32 Uhr | Wissen
Glosse

Schöner Scheitern

Von Felix Simon

Ein Professor stellt einen alternativen Lebenslauf ins Netz, sein „CV of failure“. Darin aufgeführt: die Rückschläge der eigenen Karriere. Aufmunternd ist das für Leidensgenossen jedoch nicht. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“