Home
http://www.faz.net/-gso-u9le
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Liebesbotschaften, Pflichtschokolade

Ein durchschnittlicher japanischer Haushalt vergibt im Jahr dreihundert Geschenke. Angestellte erhalten in der Geschenksaison zu Jahresmitte (ochugen) und Jahresende (oseibo) ein Bonusgehalt. Das hochritualisierte, ...

Ein durchschnittlicher japanischer Haushalt vergibt im Jahr dreihundert Geschenke. Angestellte erhalten in der Geschenksaison zu Jahresmitte (ochugen) und Jahresende (oseibo) ein Bonusgehalt. Das hochritualisierte, institutionalisierte Geben und Nehmen, von dem Nippons Geschenkindustrie profitiert, ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Iis P. Tussyadiah erkennt in ihrer Studie zur Soziologie des Schenkens rationalisierte Rituale und eine allmähliche Ökonomisierung der Gefälligkeit ("Gift Giving behavior on imported western holidays in Japan", in: Japanizing. The Structure of Culture and Thinking in Japan, hrsg. von Peter Lutum, LIT Verlag, Berlin 2006).

In Japan sind die äußere Form, die Kunst der Verhüllung, Präsentation und Übermittlung des Geschenks strikt normiert. Begleitet von einer Verbeugung, wird das Geschenk mit beiden Händen und den Worten "Es ist nur eine Kleinigkeit" überreicht. Schon die Verpackungstechnik transportiert dezente Botschaften. So werden bei formellen Anlässen Bänder mit kunstvollen Knoten (mizuhiki) verwendet. Die Färbung der Bänder bis hin zur Weise des Knotens ist mit Bedeutung geladen. Bei freudigen Ereignissen fungiert ein gefaltetes Papierornament (noshi) am rechten oberen Rand als Geschenkverzierung. Die persönliche Übergabe wird heute oft durch die Auslieferung durch Kaufhäuser ersetzt. Beliebte Präsente sind Konfekt, Qualitätstee oder Likör, tabu sind Scheren, Brieföffner und andere Dinge mit scharfen Kanten, welche eine Verschlechterung der Beziehung symbolisieren.

Von zentraler Bedeutung ist das Konzept des "giri", der sozialen Verpflichtung. Der Wert eines Geschenks wird durch freundschaftliche und geographische Nähe, status- und geschlechtsbedingte Unterschiede bestimmt. Der Beschenkte zeigt sich mit einem ebenso genau kodierten und wohlkalkulierten Gegengeschenk (okaeshi) erkenntlich.

Bei der Einführung westlicher Feiertage kam es schließlich zu Übersetzungsfehlern und zu Verschiebungen in der Bedeutung und Kulturpraxis des Schenkens. So meint das japanische Weihnachten weniger den christlichen Gedanken der Liebe als ein konsumorientiertes Zusammensein der Liebespaare. Am Valentinstag hingegen, dem Tag der Verliebten in der westlichen Tradition, schenken in Japan nur Frauen ihren Angebeteten Schachteln mit Schokolade. Dieser Brauch geht auf eine Werbekampagne einer japanischen Schokoladenfirma aus dem Jahr 1958 zurück, die den Valentinstag zum "Tag, an dem eine Frau einem Mann ihre Liebe durch ein Schokoladengeschenk gesteht", erklärte. Parallel zur Schokolade für den Auserwählten (honmei choko) wurde in der japanischen Anverwandlung des Valentinstags die sogenannte "Pflichtschokolade" (giri choco) eingeführt, die weibliche Angestellte ihren Vorgesetzten und männlichen Kollegen als Zeichen der Dankbarkeit überreichen.

Den Männern wurde mit der erfundenen Tradition des japanischen Feiertags "White Day" am 14. März die Gelegenheit gegeben, sich mit Süßwaren, Blumen oder Taschentüchern zu revanchieren, wobei das männliche Gegengeschenk etwas teurer sein sollte als das weibliche Valentinstaggeschenk einen Monat zuvor. In Japans Postmoderne kam es infolge der Adaptierung westlicher Kultur zur Versachlichung des Schenkens und zum Paradigmenwechsel vom Liebesbeweis zur Pflichtübung. STEFFEN GNAM

Quelle:

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ukraine-Konflikt Russland stoppt Einfuhr ukrainischer Süßigkeiten

Falsche Etiketten sollen der Grund sein: Nach dem Einfuhrverbot von Milchwaren, Fruchtsäften und Bier dürfen jetzt auch keine ukrainischen Süßwaren mehr importiert werden. Mehr

05.09.2014, 09:06 Uhr | Wirtschaft
Matteo Lamandini ist der Designer for Tomorrow

Mit der Trophäe werden auf der Berliner Fashion Week junge Talente ausgezeichnet. Den Preis überreichte der renommierte amerikanische Designer Tommy Hilfiger. Mehr

14.07.2014, 16:12 Uhr | Lebensstil
Das gibt Ärger Luxusuhren für Funktionäre

Der brasilianische Fußball-Verband soll während der WM teure Uhren an Fifa-Funktionäre verschenkt haben. Der Weltverband hat bereits interne Ermittlungen aufgenommen. Mehr

13.09.2014, 19:23 Uhr | Sport
Danke für die Daten!

Was ist peinlicher – seine Privatsphäre verschenken oder zugeben müssen, dass man keine Ahnung hat, was Facebook alles über uns weiß? Mehr

07.07.2014, 14:56 Uhr | Feuilleton
Privates GULag-Museum Goldrausch auf Stalins Blocksberg

Wo in Ostsibirien einst Zwangsarbeiter litten, steht heute Russlands einziges privates GULag-Museum: An die zweitausend Fotos schmücken die Wände der Zweizimmerwohnung. Eine tapfere Initiative - wohl nur für kurze Zeit. Mehr

08.09.2014, 22:40 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2007, 13:43 Uhr

Deutsche Messe mit dem Nachbarn

Von Jürg Altwegg

Frankreich als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2017 sei willkommen! Die Einladung an das französische Kulturministerium blieb bisher aber unbeantwortet - zum Ärgernis der Literaturszene. Mehr 1