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KZ-Aufseherinnen Wie Polen die Peiniger strafte

Unbekannte polnische Nachkriegs-Justiz: Die Historikerin Andrea Rudorff blickt auf die Sonderstrafverfahren gegenüber deutschen KZ-Aufseherinnen.

© Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Häftlinge bei der Arbeit in der Schneiderei des Frauen-KZ Ravensbrück

Die Forschung über die Strafverfolgung von NS-Verbrechen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Nicht nur länder- wie geschlechtsspezifische Aspekte finden mittlerweile mehr Berücksichtigung, sondern auch die juristischen und öffentlichen Diskurse, die die NS-Prozesse begleiteten. Dennoch sind, wie die junge deutsche Historikerin Andrea Rudorff feststellt, die Strafverfolgungsbemühungen der polnischen Justiz bislang nur wenig bekannt („Die Strafverfolgung von KZ-Aufseherinnen in Polen“, in: (Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 61, Heft 4, Metropol-Verlag, Berlin 2013). Selbst in Polen, wo man von den Verbrechen des NS-Regimes besonders betroffen war, habe das Forschungsinteresse stetig nachgelassen.

Die Bestrafung von Angehörigen des Personals der Konzentrationslager setzte im von der deutschen Besatzung befreiten Teil Polens nicht nur schon lange vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein, sondern gestaltete sich anfangs auch denkbar spektakulär. Der erste Gerichtsprozess gegen Lager-Wachmannschaften wurde vom 27. November bis 2. Dezember 1944 in Lublin geführt. Schon einen Tag nach Prozessende erfolgte die öffentliche Hinrichtung von fünf Verurteilten, die auf dem Gelände des einstigen Lagers von Majdanek stattfand und der Tausende Lubliner beiwohnten. KZ-Aufseherinnen wurden erst im Mai 1946 von einem polnischen Sonderstrafgericht in Gdansk im sogenannten ersten Stutthof-Prozess verurteilt - fünf von ihnen zum Tode, eine sechste zu einer fünfjährigen Haftstrafe.

Kaum Verurteilungen von KZ-Aufseherinnen

Auch hier noch, im Juli 1946, wurden die Todesurteile - Hinrichtung durch den Strang auf dem Danziger Hügel Biskupia Górka - öffentlich vollstreckt. Als Henker fungierten elf ehemalige Stutthof-Häftlinge, darunter eine Frau, die in KZ-Häftlingskleidung erschienen. Allerdings war die Praxis der öffentlichen Hinrichtung damals schon sehr umstritten und wurde auch nur wenige Monate später beendet. Die letzte von insgesamt zwölf zum Tode verurteilten KZ-Aufseherinnen wurde in Polen am 8. Januar 1949 hingerichtet.

Der Anteil der hingerichteten KZ-Wächterinnen - legt man die Einschätzung der Autorin zugrunde, dass sich in Polen nur etwa 95 ehemalige Aufseherinnen überhaupt vor Gericht verantworten mussten - von über zehn Prozent mag zunächst hoch erscheinen. Relativiert aber wird diese Zahl durch den insgesamt geringen Umfang der Verurteilungsfälle, waren in den Konzentrationslagern in Polen doch immerhin rund 3500 Frauen als Aufseherinnen eingesetzt.

Polnisches Dekret zu „hitlerfaschistischen Verbrechern“

Als juristische Grundlage für ihre Strafverfolgung in Polen diente das „Dekret über das Strafmaß für die hitlerfaschistischen Verbrecher, die der Tötung und Misshandlung von Zivilbevölkerung und Kriegsgefangenen schuldig sind, sowie für die Verräter der polnischen Nation“. Erlassen wurde es Ende August 1944 vom „Polnischen Komitee der nationalen Befreiung“, das kurz zuvor in Lublin unter sowjetischer Ägide gebildet worden war. Hatte dieses sogenannte Augustdekret in seiner ersten Fassung durch vage Formulierungen die Anwendung der Todesstrafe zunächst relativ leichtgemacht, war diese nach einer zweifachen Novellierung in den Jahren 1945 und 1946 nur noch für Straftaten mit Todesfolge erlaubt.

Gleichzeitig aber war mit der neuen Version des Dekrets, die eine dreijährige Mindesthaftstrafe für Angehörige verbrecherischer Organisationen wie der SS vorsah, der Weg frei für eine gerichtliche Verurteilung so gut wie aller KZ-Aufseherinnen. Obwohl sie sich lediglich vertraglich für den Dienst in der SS verpflichtet hatten und somit keine SS-Mitglieder waren, wurden sie von der Rechtsprechung als solche definiert und konnten, auch wenn weitere Straftatbestände nicht erfüllt waren, ohne Weiteres verurteilt werden.

Begrenzte Ressourcen der Nachkriegsjustiz

Dass es trotz dieser Gesetzesgrundlage nur zu wenigen Verurteilungen kam, erklärt sich für die Autorin durch die großen Schwierigkeiten, mit denen die Justizbehörden im Nachkriegspolen konfrontiert waren. Nicht nur deren begrenzte Ressourcen erwiesen sich damals als Hindernis. Auch konnten sich viele der Aufseherinnen durch die noch vor dem Einmarsch der Roten Armee durchgeführten Evakuierungen von Lagern wie Auschwitz und Majdanek einer eventuellen Verhaftung entziehen.

Greifbar für die Polen hingegen waren jene, die in Konzentrationslagern wie dem niederschlesischen Groß-Rosen eingesetzt worden waren, wo sie die SS aus nahe gelegenen Ortschaften rekrutiert hatte. In der Regel kehrten sie denn auch dorthin zurück und wurden immer wieder von befreiten Häftlingen als ehemalige Peinigerinnen identifiziert, die dann bei den Behörden Anzeige gegen sie erstatteten. Wie dies im Einzelnen vor sich ging, ist allerdings ebenso wenig geklärt wie die Frage, ob und wie viele der KZ-Aufseherinnen in jenen polnischen Internierungslagern verschwanden, in denen in den ersten Nachkriegsjahren zahlreiche Deutsche, ohne dass ihnen je der Prozess gemacht wurde, vor sich hin vegetierten und durch Hunger, Misshandlungen und Epidemien starben.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 09.09.2013, 16:18 Uhr

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