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Kunst und Recht : Du sollst dir ein Bild machen

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Als Meister unter den Pflanzenmalern galt Joseph Prestle: hier sein „Red Astrachan Apple“ von 1849 Bild: Archiv

Schöner, besser, höher: Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Daniel J. Kevles erzählt die Geschichte, wie das Patentrecht Künstler im neunzehnten Jahrhundert zu Hochleistungen anspornte.

          In der Kunstgeschichte gibt es immer Künstler, die erst nach ihrem Tod zu Ruhm kamen und zu Lebzeiten nie damit gerechnet hätten. Wir alle kennen das Beispiel von Vincent van Gogh, der zwar nicht ganz so unerfolgreich war wie häufig angenommen, aber doch nie hätte ahnen können, dass er zu einem der weltweit bekanntesten Maler aufsteigen würde. Auch Frida Kahlo bewarb sich noch 1940 brav am New Yorker Guggenheim Museum für ein Stipendium und wurde abgelehnt, eine Entscheidung, die heute, nachdem auch sie zu Weltruhm gekommen ist, völlig unerklärlich scheint. Manchmal übertrifft der Nachruhm allerdings nicht nur die Erwartungen der Künstler oder ihrer Zeitgenossen, sondern schafft eine völlig neue Perspektive: Dieser Fall trat auf der letzten Documenta ein, als die Zeichnungen von Korbinian Aigner, genannt „der Apfelpfarrer“, ausgestellt und damit zur Kunst erklärt wurden. Hätte Aigner darauf kommen können? Mit Sicherheit nicht.

          Wie kamen also die Äpfel auf die Documenta 13? Und warum hätte Aigner es wohl überrascht, sie in einer Kunstausstellung zu sehen? Zur ersten Frage: Von der Kunstwelt gefeiert wurde Korbinian Aigner für seine postkartengroßen Bilder von Äpfeln, die er geradezu besessen anfertigte. Wegen seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus war der katholische Pfarrer von 1941 an bis fast zum Kriegsende im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und arbeitete dort als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft. Während seiner Haft züchtete Aigner vier Apfelsorten, denen er die Namen KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 gab, einer davon wurde später in „Korbiniansapfel“ umbenannt. Als Aigner 1966 im Alter von einundachtzig Jahren starb, hinterließ er rund 900 Zeichnungen von Äpfeln und Birnen; fast ein halbes Jahrhundert hatte er Woche für Woche ein Obststillleben gezeichnet.

          Jeden Tag ein Apfel

          Im Begleitbuch der Documenta heißt es, Aigners Werk ähnele „dem eines Konzeptkünstlers, der unbeirrbar über Jahrzehnte demselben ästhetischen Dogma folgt“. Aigner verfuhr tatsächlich fast immer nach einem Schema: Er zeichnete Früchte, und diese als Paare, Sorte für Sorte. Wiederholung, Beharrlichkeit, die strenge Befolgung eines visuellen Musters, all das kennen Kunsthistoriker von Konzeptkünstlern wie etwa Hanne Darboven oder Daniel Buren.

          Warum hätte es also Aigner überrascht, seine Äpfel auf einer Kunstausstellung zu finden? Und was sah er in seinen Bildern? Wer darauf eine Antwort sucht und verstehen möchte, was nicht nur Aigner, sondern bereits eine Vielzahl von Menschen zuvor dazu brachte, tagtäglich Äpfel - oder auch Birnen, Trauben oder Kirschen - zu zeichnen, der liest am besten den ebenso kurzen wie aufschlussreichen Aufsatz des amerikanischen Wissenschaftshistorikers Daniel J. Kevles „Cultivating Art“ (in: Smithsonian Magazine, Jg. 42, Heft 4, 2011). Kevles’ glänzendes Buch „In the Name of Eugenics“ gilt als Standardwerk der Biologiegeschichte, in dem jüngeren Aufsatz widmet er sich nun einem weiteren Kapitel der Biotechnologie: der Patentierung von Organismen.

          Pomona, römische Göttin der Baumfrüchte

          Die Frage, ob gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere oder sogar isolierte Gensequenzen patentiert werden dürfen, löste im zwanzigsten Jahrhundert eine heftige Diskussion aus, die, wie Kevles zeigt, ihren Anfang im neunzehnten Jahrhundert nahm, bei den Obstzüchtern an der amerikanischen Ostküste. Die Schwierigkeiten, mit denen die Obstbauern zu kämpfen hatten, liegen auf der Hand: Um eine neue oder importierte Sorte zu kultivieren, benötigte man Zeit, Geduld und vor allem Geld; die Investitionen drohten sich jedoch nicht auszuzahlen, da minderwertige Obstsorten häufig unter falschem Namen angeboten wurden, eine betrügerische Praxis, die sowohl Setzlinge als auch Früchte betraf. Wohlschmeckende und ertragreiche Sorten wurden noch dazu häufig gestohlen und als Eigenzüchtungen ausgegeben, so dass sie unter einem neuen Namen zirkulierten. Kurzum: Im Pflanzenreich gab es Plagiate und Raubkopien, die das Geschäft ruinierten.

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