Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts konnte man sich internationalen Sport für behinderte Körper eigentlich nur als Sport von Weltkriegsveteranen vorstellen, so wie auch Prothesen ganz selbstverständlich zum Phänomenhorizont der Kriegsfolgen gehörten. Bis dann seit den olympischen Spielen von 1960 in Rom eine sich selbst als Teil von Aufklärung und Moderne verstehende Programmatik gesellschaftlicher Inklusion in Bewegung kam. Das Sichtbarwerden des lange so genannten Behindertensports wie seine fortschreitende Synchronisierung mit den etablierten Verbänden und Ritualen war anschließend fünzig Jahre lang vor allem das Projekt eines zur Selbstfeier neigenden guten humanitären Willens.
Wer die Berichterstattung der Medien zu den vor wenigen Tagen beendeten paralympischen Spielen von London verfolgt hat oder auch ganz zufällig eine Gruppe von Zuschauern am Fernsehschirm den einen oder anderen Wettbewerb begleiten sah, der konnte - davon war bald immer wieder die Rede - eine qualitative Veränderung und eine quantitative Intensivierung des Interesses feststellen. Möglicherweise ist jetzt an die Stelle des so gut gemeinten (aber auch unvermeidlich herablassenden und tautologischen) guten Willens eine ästhetische Faszination getreten, für die uns deshalb noch die Worte fehlen, weil wir nicht recht wissen, ob sie uns peinlich sein soll als eine Art von öffentlichem Voyeurismus.
Für eine neue Kunstlehre der positivierten Groteske
Dass sich eine einschneidende Veränderung vollzogen haben muss, zeigen viele Statistiken. Die Gesamt-Zuschauerzahl der paralympischen Spiele von London lag bei 2,7 Millionen, was seit Peking 2008 eine Verdoppelung und seit Athen 2004 (800 000 Zuschauer) eine Verdreifachung bedeutet; auf den einschlägigen Websites soll die Zahl der Klicks in den vergangenen vier Jahren um sage und schreibe das Zehnfache gestiegen sein. Aber mehr noch als solche Zahlen fällt mir eine neue Tonlage des Interesses auf.
Die - „für einen Behinderten erstaunlichen“ - Sprint-Rekorde des südafrikanischen Prothesenläufers Oscar Pistorious und die Entschlossenheit seines am Ende erfolgreichen Kampfs, allein aufgrund seiner Leistungen zum olympischen Wettbewerb über vierhundert Meter zugelassen zu werden, haben wir noch mit der aufgeklärten Sympathie für Benachteiligte verfolgt; als nun in London der Brasilianer Alan Oliveira in einem phänomenalen Finish über zweihundert Meter Pistorius besiegte, wurde er von seinen Landsleuten mit einer Begeisterung gefeiert, die sie ihren hinter die Weltspitze zurückgefallenen Fußballern längst nicht mehr gönnen, während Pistorius wegen skeptischer Bemerkungen über die Prothesen-Technologie des Rivalen mit einem Mal zum Anti-Helden der neuen Weltszene geworden war - worin eine geradezu triumphale Normalisierung lag.
Den freundlichen Egalitarismus brechen
Aber was genau ist es, das uns auf einmal so in Bann schlägt am paralympischen Sport? Um absolute, scheinbar unüberbietbare Spitzenleistungen kann es nicht gehen - denn die Sieger-Zeit von Oliveira zum Beispiel lag gute zwei Sekunden über der 200-Meter-Zeit von Usain Bolt, und zahlreiche einschlägige Wettbewerbe sind noch von einer Diffusität der Teilnahmekriterien und der Leistungsniveaus gekennzeichnet. Ebensowenig helfen jene Begriffsrepertoires aus den Traditionen des apollinischen Schönen und der Anmut weiter, mit denen bisher ab und an (aber meist eigenartig lustlos) über die Ästhetik der voll funktionalen Körper geschrieben wurde.
Wer intellektuell Ernst machen will in dieser sich plötzlich öffnenden Dimension neuer Phänomene, der muss wohl die Tabus eines freundlichen Egalitarismus brechen und auf die (in ihrem historischen Ursprung romantische) Ästhetik des Grotesken zurückgreifen, deren Grundmotiv darin liegt, eine vertraute Gestalt (zum Beispiel den Körper eines Leichtathleten) als ganz oder teilweise von ungewohnten Gegenständen (zum Beispiel Unterschenkelprothesen) ausgefüllt wahrzunehmen.
Die ganz andere Verführungskraft
Für die erotische Anziehungskraft solch partialer Ersetzung oder solcher Markierung fehlender Körperteile gibt es vielfache historische Beispiele. Als attraktivste Frau der austeren und wohl gerade deshalb von der Spannung sexueller Begierde aufgeladenen spanischen Hofwelt Philipps II. galt Ana de Mendoza, die Prinzessin von Eboli, deren rechtes Auge stets von einer schwarzen Klappe bedeckt war. Ob darunter eine leere Augenhöhle lag, weil die Prinzessin - so die offizielle Version - in der Jugend ihr Auge bei einem Fecht-Unfall verloren hatte, oder ob sie nur mit der Wirkung spielte, dass ein partiell versehrter Körper seine eigene Fleischlichkeit in besonderer Weise hervorkehren kann, werden wir nie wissen.
Doch die Übertragung dieses geschichtlichen Falls auf die Diskussion über paralympische Faszinationen unserer Gegenwart scheint, bezüglich vieler Beobachtungen zumindest, plausibel: Sportler wie Alan Oliveira und Oscar Pistorius sind nicht mehr allein Embleme eines klassisch-existentialistischen Willens, der dem Schicksal trotzt - mit einem Mal scheint in ihnen vexierbildhaft auch die ganz andere Verführungskraft beschädigter Körperlichkeit auf.
Eine drastische und rauschhafte Erinnerung an die Körperlichkeit
Wenn nach Nietzsches berühmter Unterscheidung die Aura von ikonischen Gestalten der Sportgeschichte, wie Wilma Rudolph, Nadia Comaneci oder Steffi Graf, wie Jesse Owens, Pelé oder Muhammad Ali vor allem aus der apollinischen Schönheit der Gestalten und Bewegungen hervorging, dann liegt nun, am Beginn einer anderen Diskussion die Frage nahe, ob es eine Affinität der paralympischen Körper mit dem Horizont des Dionysischen (und vielleicht auch - mehr als mit Schönheit - mit der überwältigenden Wirkung des Erhabenen) gibt. Damit erschließen sich komplexe und überraschend beziehungsreiche Assoziations-Horizonte, weil ja die dionysische Ästhetik eine zur Zerstückelung der Körper führende und schließlich in Anthropophagie mündende Ekstase einschließt.
Wann immer sich solche Perspektiven ergeben, hat der von ihnen erschlossene neue Blick - etwa auf die strukturelle Zerstückelung eines Athleten-Körpers, der sich erst durch Prothesen vervollständigt - etwas potentiell Erschreckendes, eben weil dieser neue Blick nicht mehr auf der Freundlichkeits-Wellenlänge des aufklärerisch Humanitären liegt. Andererseits kann mich niemand überzeugen, dass die Stimmung im ausverkauften Stadion bei der Abschlussfeier der Londoner Paralympischen Spiele bloß eine weitere Apotheose der Ethik von Toleranz und Egalitarismus war. Veranstaltungen dieser Art versammeln bestenfalls Politiker und Pastoren zu Sekt mit Orangensaft-Toasts am Sonntagmorgen - 80 000 Anwesende in den kollektiven Körper eines nächtlichen Rauschs versetzen können sie nicht.
Teile unserer Existenz
Eine Phänomenologie und Ästhetik des paralympischen Sports müsste auch zurückführen zu einer gegenwartsdiagnostischen Reflexion über die Gründe des so überraschend einsetzenden Interesses, ja der Leidenschaft, welche uns, die Mehrheit der Nichtbehinderten erfasst hat. Man könnte spekulieren, dass die paralympischen Körper sehr drastisch erlebbar machen, was sich zum ersten Mal abzeichnete, als vor etwa zwei Jahrzehnten Teenager auch dann unbedingt Zahnspangen wollten, wenn die aus Gesundheits-Gründen gar nicht nötig waren, und was nun im Zeitalter von Apps und iPhone, wo jedermann die ganze Welt elektronisch in der Hand hält, zum Kern des Alltags geworden ist: nämlich die irreversibel gewordene Verfugung unserer Körper mit der jeweils fortgeschrittensten Technik.
Und in dem Maß, wie diese Technik, die die Funktionen unserer Körper zunehmend auf den Status bloßer Halterungen (für Apps und iPhones) reduziert, genießen wir es wohl auch immer mehr, daran erinnert zu werden, dass Fleisch, Knochen, Knorpel und Schwellkörper bis auf weiteres Teile unserer Existenz bleiben werden. Je drastischer diese Erinnerung ausfällt, desto lieber haben wir sie.
Welche Schönheit hat ein Inneres, genannt Hirn?
Herold Binsack (Devin08)
- 19.09.2012, 15:53 Uhr