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Super-Recognizer : Sie nannten ihn „Orakel“

  • -Aktualisiert am

Von der Überwachungskamera festgehalten: Angriff auf einen Mann im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße. Der Täter wurde identifiziert. Bild: dpa

Die Kölner Polizei leiht sich „Super-Recognizer“ von Scotland Yard, um die Übergriffe der Silvesternacht aufzuklären. Kognitionsforscher wissen über diese Menschen, die Gesichter überall wiedererkennen, noch viel zu wenig.

          Für den Londoner Polizisten Gary Collins ist heute, mit fast fünfzig, endlich klar, wie er das, was ihn von anderen unterscheidet, nennen sollte. Er spricht jetzt offen von seiner „Gabe“, von einem Talent. Das war nicht immer so: Collins war ein schlechter Schüler. Dass er sich das Gesicht jedes Passanten merken konnte und denjenigen dann in jeder neuen Situation wiedererkannte, hielt er als Junge nicht für etwas Besonderes. „Als Kind weiß man nicht, dass man eine Begabung hat, man glaubt, dass jeder wie man selbst ist“, sagte der Polizist vor einem halben Jahr der „New York Times“, die ihn und seine herausragende Fähigkeit porträtierte.

          Collins ist ein „Super-Recognizer“, jemand, der sich Gesichter auf Anhieb merken kann und sie dann auch nach Jahren noch wiedererkennt. Im Polizeidienst in London wird seine Fähigkeit bewusst genutzt, er arbeitet in einer Abteilung, die für die Identifizierung von Straftätern, etwa anhand von Aufnahmen von Überwachungskameras, zuständig ist. Das Phänomen Super-Recognizing geht seit Januar auch durch die deutschen Medien, weil sich die Kölner Polizei von Scotland Yards Super-Recognizern Unterstützung geholt hat, um die Übergriffe in der Silvesternacht aufklären zu können.

          Die Briten sichten Videoaufnahmen aus Köln, etwa von Handys, in denen Menschenmengen zu sehen sind. Gesichter von Personen, die in diesen Filmen sichtbar kriminelle Handlungen begehen, werden dann mit Datenbanken von bekannten Straftätern abgeglichen. Teilweise flanieren die britischen Super-Recognizer auch durch die Straßen Kölns, weil sie hoffen, hier spontan auf Menschen aus den Videos zu treffen – deren Gesichter sie dann sofort wiedererkennen würden. Auch in den Reihen der Kölner Polizei habe man einige Kollegen „ausgeguckt“, bei denen man der Meinung sei, sie hätten diese Fähigkeit, sagte der Leiter der Ermittlungsgruppe „Neujahr“ einem Fernsehsender. Ob es sich um echte Ausnahmeerscheinungen wie Gary Collins handelt, ist damit allerdings noch nicht klar.

          Freunde nennen ihn „Yoda“, „das Orakel“ oder „Rain Man“

          In seinem Freundeskreis gilt seine Fähigkeit als so außergewöhnlich, dass Collins „Yoda“, „das Orakel“ oder sogar „Rain Man“ genannt wird – eine Anspielung auf den Kinofilm mit Dustin Hoffman, der darin einen Autisten mit extremer Inselbegabung darstellt. Ob das Super-Recognizing aber tatsächlich eine Spezialbegabung oder etwas anderes ist – Wissenschaftler wollen und können sich in dieser Hinsicht noch gar nicht festlegen. „Ich denke, dass wir uns die Fähigkeit der Gesichtserkennung als Kontinuum vorstellen müssen“, sagt die Neurowissenschaftlerin Meike Ramon von der Universität Fribourg in der Schweiz. „Super-Recognizer würden sich dann am oberen Ende des Spektrums befinden, die am unteren Ende wären Menschen mit Gesichtsblindheit.“ Mit solchen Menschen, die unter angeborener oder durch Hirnschädigungen erworbener „Prosopagnosie“ leiden, beschäftigt sich Frau Ramon als Wissenschaftlerin. Die Gesichtsblinden haben Schwierigkeiten, Menschen anhand von deren Gesichtern wiederzuerkennen, selbst bei Familienangehörigen; sie müssen sich oft an Frisuren oder anderen Merkmalen orientieren.

          Über das Gegenteil – „Super-Recognizing“ – spricht Ramon nur vorsichtig. „Seit 2009 sind fünf wissenschaftliche Artikel zu dem Thema erschienen – drei davon erst in den vergangenen Monaten“, erklärt sie. „Das heißt: Wir wissen viel zu wenig darüber.“ Die erste Veröffentlichung zum Thema Super-Recognizer stammt aus Harvard. Im April 2009 veröffentlichten Richard Russell und Ken Nakayama von der Harvard University und Brad Duchaine vom University College London eine Studie im Fachmagazin „Psychonomic Bulletin&Review“, für die sie vier Menschen untersucht hatten, die zuvor an sie herangetreten waren und überzeugend von sich behauptet hatten, dass sie sich besser als andere Gesichter merken könnten. Tatsächlich schnitten die vier Probanden in verschiedenen Tests zur Gesichtserkennung – etwa einem, in dem man Kinderfotos von Prominenten den Erwachsenen zuordnen muss – weit besser ab als eine Gruppe von „normalen“ Kontrollpersonen.

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