Home
http://www.faz.net/-gso-ohr4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Kleist oder Das verlorene Gleichgewicht

Konstruktion einer Waage: Ein Blick auf den Sternenhimmel der Dramen und Erzählungen

Vor dreißig Jahren deutete Katharina Mommsen das Titelbild der Zeitschrift "Phöbus" als astropolitisches Manifest eines jungen Dichters: "Über der Gestalt des Gottes wölbt sich ein Bogen, in dem fünf Zeichen des Tierkreises erscheinen. Die Anordnung ist aber so - und dies nun ist sehr auffällig -, daß das Zeichen der Waage genau über Phöbus schwebt. Es bildet mit dem Gott eine Einheit, nimmt zugleich die höchste Stelle des Tierkreis-Bogens ein wie überhaupt des ganzen Bilds. Die Waage aber ist das Zeichen des im Oktober geborenen Kleist." (Kleists Kampf mit Goethe, 1974) Die literaturpolitische Pointe glaubte Katharina Mommsen in der deutlich niedrigeren Stellung der beiden flankierenden Tierkreiszeichen zu erkennen: Die Jungfrau - Goethes Sternbild - und der Skorpion - das Zeichen Schillers - ergaben eine allegorische Lesart: "Kleist im Zenit nimmt den vornehmsten, ersten Platz ein. Ihm zunächst stehen, aber doch rangmäßig schon nachgeordnet, Goethe und Schiller."

Wenn man einmal annimmt, daß sich Kleists dichterisches Selbstbewußtsein tatsächlich das eigene Zeichen der Waage zum Bildprogramm wählte, dann muß es auffallen, mit welcher Häufigkeit die Waage im Werk wiederkehrt - und nicht nur die Selbst-, sondern auch die Weltdeutung bestimmt. Von Michael Kohlhaas etwa heißt es, sein Rechtsgefühl gleiche "einer Goldwaage". Der amerikanische Literaturtheoretiker J. Hillis Miller hat in einer soeben erschienenen Abhandlung diese Formulierung kommentiert: "Das Bild der empfindlichen Waage ist nicht zufällig, da sich die Geschichte um Kohlhaas' Forderung nach Gleichheit und Entschädigung dreht." (J. Hillis Miller, "Die Festlegung des Gesetzes in der Literatur - am Beispiel Kleists", in: Kleist lesen. Hrsg. von Marianne Schuller und Nikolaus Müller-Schöll, Transcript-Verlag, Bielefeld 2003).

Aber selbst wenn man von der naheliegenden Justizia-Symbolik absieht, auch von dem von Kleist seinem Protagonisten zugeschriebenen Namen Michael, der auf den Engel der Gerechtigkeit verweist, der häufig mit einer Waage dargestelt wird, findet man Gleichgewichtsprobleme oft im Zentrum der Texte. Mit der Konstruktion einer Waage hatte Kleist als Schriftsteller begonnen: Um 1799 schrieb er den "Aufsatz, den sicheren Weg des Glücks zu finden, und ungestört, auch unter den größten Drangsalen des Lebens, ihn zu genießen!" Dort ist, im Rückgriff auf Homer, von den schicksalhaften "Behältnissen" die Rede, "das eine mit Genuß, das andere mit Entbehrung gefüllt. Wem die Götter, so spricht Homer, aus beiden Fässern mit gleichem Maße messen, der ist der Glücklichste; wem sie ungleich messen, der ist unglücklich, doch am unglücklichsten der, dem sie nur allein aus einem Fasse zumessen." Es scheine, so Kleist weiter, "als ob die Summe der glücklichen und der unglücklichen Zufälle im ganzen für jeden Menschen gleichbleibe." Polykrates, der Tyrann von Syrakus, war bei allen seinen Unternehmungen geradezu im Übermaß vom Glück begleitet - so sehr, daß er einen Ring als Opfergabe ins Meer warf, weil ihm das eigene Glück unheimlich zu werden begann. Aber auch dieser Ring kehrte zu ihm zurück. "So hatte die Schale seines Glücks sich tief gesenkt", schreibt Kleist, "aber das Schicksal setzte es dafür auch mit einem Schlage wieder ins Gleichgewicht und ließ ihn am Galgen sterben."

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studentenrekord zum Wintersemester Hessens Hochschulen so voll wie nie

Zum Wintersemester sind in Hessen so viele Studenten eingeschrieben wie nie. Die Hochschulen beteuern, gut vorbereitet zu sein - und hoffen dennoch auf mehr Geld von Bund und Land. Mehr Von Sasche Zoske

11.10.2014, 11:00 Uhr | Rhein-Main
Glückliche Dänen

Warum sind die Menschen im Norden glücklicher als andere? - Weil sie eine genetische Mutation haben, sagen britische Forscher. Zahlreiche Studien und Untersuchungen legen die Vermutung nahe, das Länder, die weit weg sind von Dänemark, auch weiter weg sind vom Glück. Mehr

14.10.2014, 16:42 Uhr | Gesellschaft
1000zeichen.de Zehn Texte aus 1000 Zeichen

Die Buchmesse liegt in den letzten Zügen. Im Internet erscheint Literatur rund um die Uhr – auf 1000zeichen.de ist Kürze die einzige Regel. Eine kleine Auswahl veröffentlichter Texte. Mehr

10.10.2014, 19:07 Uhr | Gesellschaft
Mann bei Stierhatz in Pamplona aufgespießt

Sie ist nach wie vor umstritten: die traditionelle Stierhatz in Pamplona. Beim Auftakt des neuntägigen Festes wurde gleich ein Mann von einem Stier aufgespießt. Die Verletzungen sind zum Glück nicht lebensgefährlich. Mehr

08.07.2014, 15:45 Uhr | Gesellschaft
Kunst im Büroturm Guten Morgen, Bankfurt!

Überraschung zwischen den Hochhäusern: Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst gibt es jetzt auch im Taunusturm - aus seiner Platznot hat es eine Tugend gemacht. Die Premiere gehört den Künstlerinnen. Mehr Von Julia Voss

22.10.2014, 11:16 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2004, 21:46 Uhr

Eine sichere Bank des Landes

Von Andreas Rossmann

Welche Bedeutung haben die Warhol-Bilder für Nordrhein-Westfalen? Der Kulturausschuss diskutiert die Irrungen und Wirrungen des geplanten Verkaufs an diesem Donnerstag. In einer aktuellen Viertelstunde. Mehr 4 12