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Karl der Große : Der Mann, der Europa aufräumte

Goldkaiser: Die Kaiserbüste aus der Domschatzkammer in Aachen Bild: dpa

Es ist „Karlsjahr“: Überall erinnern Ausstellungen an den Frankenkaiser. Aber haben wir nichts Besseres zu tun? Was verbindet uns mit einem Mann, der vor zwölfhundert Jahren starb?

          Jetzt feiern sie wieder. Ein „Karlsjahr“ ist ausgerufen, nach dem Schillerjahr, dem Kleistjahr, dem Friedrich-der-Große-Jahr, und der Kulturbetrieb eilt zu den Fahnen. Die Beiräte haben getagt, die Kuratoren gesammelt, die Minister ihre Einladungen erhalten, und jetzt regnet es Karls-Ausstellungen: in Aachen, der alten Kaiserstadt, in der auch der unvermeidliche Karlspreis verliehen wird - in diesem Jahr bekommt ihn Ex-EU-Ratspräsident Van Rompuy -, geht es vom Rathaus („Orte der Macht“) über das neue „Centre Charlemagne“ („Karls Kunst“) bis zur Domschatzkammer („Verlorene Schätze“); dazu gibt es noch mal drei Museums-Events im rheinischen Pfalzstädtchen Ingelheim, unter den Stichworten „Prachtort“, „Pfalzansichten“ und „Personenkult“ und natürlich mit „Originalfunden aus der Karolingerzeit“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Deutsche Historische Museum in Berlin, dessen Karls-Ausstellungsprojekt irgendwann im Planungsstadium erstickt ist, präsentiert Ende Februar einen von den Kuratoren ersatzweise zusammengepuzzelten Essayband namens „Kaiser und Kalifen. Karl der Große und die Mächte am Mittelmeer um 800“, und in Zürich geht am kommenden Sonntag die Themenschau „Karl der Große und die Schweiz“ zu Ende.

          Dafür wird in Graubünden weitergefeiert, wo im Kloster Müstair ein dem heiligen Karl gewidmetes Chorwerk aufgeführt und in einer Freilichtinszenierung am Ufer des Silvaplanersees seiner wagemutigen Überquerung des Umbrailpasses im Winter 774 gedacht werden soll. Eine Sonderausstellung über die Geburt des Schweizer Käses aus dem Geist der karolingischen Reformpolitik wurde in letzter Minute abgesagt.

          Die Karolinger, eine Sippe von Schlächtern und Ehebrechern

          Was soll das alles? Brauchen wir das? Müssen wir uns an Karl den Großen erinnern, nur weil er am 28. Januar vor zwölfhundert Jahren im damals biblischen Alter von sechsundsechzig starb? Haben wir nichts Besseres zu tun, als bei „Europa“ immer noch an die Karolinger zu denken, diese Sippe von Schlächtern und Ehebrechern, die sich aus der Hefe des nachrömischen Landadels zu Herrschern des Frankenreichs aufschwang, die alten Merowingerkönige ins Kloster schickte und irgendwann nach 900, von Auszehrung und Familienhader gebeutelt, ruhmlos erlosch? Was haben wir mit Karl am Hut, wenn uns schon Bismarck und der Alte Fritz mittlerweile wie versteinerte Großechsen eines vordigitalen, unmotorisierten, präkambrischen Erdzeitalters erscheinen?

          Fangen wir mit dem Einfachsten an. Wir, hier im Westen, leben seit Jahrhunderten (und nicht erst seit Anbruch der Moderne) in Groß- und Kleinstädten, die von Stadträten (und nicht von Agas, Muftis, Mandarinen, Emiren, Metropoliten) regiert werden und durch Handelswege verbunden sind; Kirche und Rathaus liegen darin weit auseinander. So wie auf dem ganzen Kontinent: hier die christliche Hauptstadt Rom, dort die Metropolen der Staaten. Hier Kaiser (Kanzler, Premier, Präsident), da Papst.

          Unser Wissen wird in Bibliotheken und Archiven aufbewahrt, deren älteste auf die Klöster des Mittelalters zurückgehen; unsere Bildung, wenn auch im Verblassen, reicht bis in die griechisch-römische Antike zurück. Unsere Vorstellungen von Politik, Gesellschaft, res publica stammen aus dem römischen Staatsrecht, das von fleißigen Mönchshänden abgeschrieben und vor dem Verschwinden bewahrt wurde.

          Nacht herrscht im Abendland

          Und nun schauen wir in die Mitte des achten Jahrhunderts nach Christus. Das Imperium der Römer ist verschwunden, an seiner Stelle breiten sich im Westen das fränkische und im Osten das verkleinerte byzantinische Reich aus. Dazwischen eine Menge Wildwuchs: Baiern (sic!), Thüringer, Langobarden, Awaren, Bulgaren. Der Norden, Skandinavien und Russland, ist heidnisch, der ganze Süden, von den Pyrenäen bis zum Indischen Ozean, mohammedanisch. In der Zone dazwischen, die noch nicht „Europa“ heißt, ist das antike Wissen teils erstarrt (Byzanz), teils vergessen.

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