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Interview mit Klaus-Michael Bogdal : Europa erfindet die Zigeuner, um sie zu verachten

Plötzlich waren sie da - und wurden mangels eines eigenen Territoriums durch Europa getrieben: „Zigeunerlager“ in England 1930. Bild: INTERFOTO

Seit zwanzig Jahren forscht Klaus-Michael Bogdal über das Bild der Roma in der Literatur. Der Zigeuner erweist sich als das hartnäckigste europäische Klischee. Welche Mechanismen sind hier am Werk?

          Der Begriff „Zigeuner“ gilt heute als unkorrekt. Was wissen wir über seine Herkunft - und wie verwenden Sie ihn in Ihrem Buch?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bezeichnung „Zigeuner“ ist eine von mehreren konkurrierenden Fremdbezeichnungen, neben „Tatare“ oder „gypsies“. Eine sehr frühe deutsche Quelle für „Zigeuner“ stammt aus dem Jahr 1427. Die etymologische Herkunft konnte meiner Ansicht nach bisher aber nicht überzeugend geklärt werden. Die plausibelsten Versuche führen das Wort auf das byzantinische Griechisch zurück. Die häufigste Erklärung in den ersten Jahrhunderten nach der Einwanderung war die: Es bedeute „ziehender Gauner“. Der Begriff wurde stets in diskriminierender Absicht gebraucht, auch der Kontext ist durchweg negativ: Zigeunerwirtschaft, zigeunern und so weiter. Der Nationalsozialismus hat die Diskriminierung dann auf die Spitze getrieben, „auf Zigeunerart leben“ hieß es da etwa. In meinem Buch verwende ich den Begriff, um die Konstruktion des Fremdbildes deutlich zu machen. Wichtig ist mir, dass die europäischen Gesellschaften nur bei diesem Volk eine Selbstbezeichnung nicht anerkannten, obwohl Wörter wie „Sinti“, „Roma“ oder „Kalderasch“ schon seit einigen Jahrhunderten bekannt sind. Wenn heute darüber diskutiert wird, ob man „Zigeuner“ nicht doch verwenden dürfe, kommt mir das absurd vor. Wir diskutieren doch auch nicht ernsthaft die Berechtigung von Begriffen wie „Krauts“ oder „Kaasköppe“.

          Am Schluss Ihres Buches „Europa erfindet die Zigeuner“ prognostizieren Sie, dass die Ausgrenzungsgeschichte der Roma noch längst nicht abgeschlossen ist. Derzeit sind die Roma wieder im Zentrum der politischen Debatte, diesmal bei der Armutseinwanderung. Welche in Ihrem Buch analysierten Mechanismen und Fremdbilder erkennen Sie wieder?

          Ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt in der derzeitigen Diskussion ist, dass die Rom-Völker aus dem Osten kommen. Damit haben sich seit je Vorurteile verbunden, schon sehr früh sind sie die Spione der Türken, sie werden in Skandinavien „Tataren“ genannt, man bringt sie mit den nach Nordwesten vordringenden Mongolen in Verbindung. Im Moment ist die Reaktion ähnlich. In der massiven Abwehr dieser Gruppen, die ja aus EU-Bürgern besteht, zeigt sich zunächst ein Ressentiment gegenüber Rumänen und Bulgaren, den unerwünschten Beitrittskandidaten. Die Rhetorik hat sich noch nicht entschieden zwischen einer populistischen Variante, die auf Zigeunerfeindschaft setzt und einem Euro-Ressentiment gegen die vermeintlich korrupten und unfähigen Länder Rumänien und Bulgarien. Diese Vorurteilsmischung gibt es schon lange. Bei Ernst Jünger in den dreißiger Jahren, ich glaube im „Arbeiter“, heißt es schon: „Wieso behandeln wir die Bulgaren jetzt schon wie ein Volk?“ Als handle es sich um eine Ethnie, die keine Staatlichkeit besitze oder verdiene. Das Ganze potenziert sich dann immer hinsichtlich der Roma.

          Wie alt sind die gängigsten Vorurteile?

          Die Standardvorurteile lassen sich bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen, schon damals gab es eine große Armutswanderung, die Roma wurden als Bettler, als Kindesräuber, als Prostituierte dargestellt, Grimmelshausens „Courage“ zum Beispiel ist ja eine Zigeunerfürstin. Zigeuner werden dem kriminellen Milieu zugerechnet. Wie ein Krebsschaden ziehen sie übers Land, so das Bild, und machen sich parasitär überall breit, nehmen den Menschen das saure Brot weg, das sie sich mühsam verdient haben. Hinzu kommt immer wieder der Vorwurf eines niederen Zivilisationsgrades, was festgemacht wird am Umgang mit Körperhygiene, an Ess- und Kleidungsgewohnheiten. Das sind dann jene Vorurteile, die vor Ort immer als erste auftreten. So wird der herumliegende Müll zum Stein des Anstoßes - Müll, der für Menschen, die auf Müllhalden gelebt haben, möglicherweise ein wertvoller Rohstoff ist. Solche unterschiedlichen Sichtweisen kollidieren auch heute wieder.

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