14.01.2010 · Immer wieder berichten Philosophen, Forscher und Dichter, wie ihnen die wichtigste Erkenntnis ihres Lebens in Form einer plötzlichen Einsicht zustieß. Unsere Serie zu intellektuellen Erleuchtungserlebnissen beginnt mit den Träumen des René Descartes.
Von Henning RitterDescartes war dreiundzwanzig Jahre alt, als er in der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 drei Träume hatte. Von dieser Nacht der Träume her datierte er jene geistige Revolution, aus der seine Philosophie hervorging, die durch einen absoluten Neuanfang gekennzeichnet war. Alles, was ihn bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. Dies ereignete sich, als Descartes im Dienst der bayerischen Armee stand und an der militärischen Kampagne von 1619 in Deutschland teilnahm. Im Winterlager in Ulm 1619/20 fasste er, wie Paul Valéry schreibt, den Entschluss, sich selbst als Quelle und Bürgen allen Wertes in Fragen der Erkenntnis zu nehmen. Das berühmte „Cogito, ergo sum“, Ich denke, also bin ich, soll in diesem Winter zur Grundlage seiner Philosophie geworden sein.
Zwanzig Jahre später schildert Descartes, wie er damals in Deutschland ins Winterquartier der Armee zurückkehrte, wider Erwarten festgehalten wurde und wie es ihm an Ablenkung und Unterhaltung fehlte. Aus dem Abstand von zwanzig Jahren erzählt er, dass er damals ohne Sorgen und frei von Leidenschaften gewesen sei, die ihn hätten stören können. So schloss er sich den ganzen Tag über in seinem Kaminzimmer ein, wo er alle Muße hatte, sich mit seinen Gedanken zu beschäftigen.
Evidenz des Traums
Über diese Gedanken und Gedankenreihen spricht er im „Discours de la méthode“, ohne die Träume der Nacht vom 10. auf den 11. November zu erwähnen: „Doch wie ein Mensch, der allein und in der Dunkelheit geht, entschloß ich mich, so langsam zu gehen und in allen Dingen so viel Umsicht walten zu lassen, daß ich, wenn ich auch nur langsam vorankam, mich vorsah, jedenfalls nicht zu fallen.“ Ein solcher Mann, der in Gefahr ist zu stürzen, ist er auch in seinen Träumen, über die Descartes später nicht mehr gesprochen hat, deren Aufzeichnungen aber durch seinen Biographen Baillet überliefert sind.
Über Descartes' innere Verfassung im Jahr 1619 teilt Baillet mit, er habe damals nicht getrunken und sich seit ein paar Tagen in einem Zustand des Enthusiasmus befunden, der sein Gehirn erhitzte. Der Geist, der, wie Descartes glaubte, für seinen Enthusiasmus verantwortlich war, hatte ihm angekündigt, dass er einen bedeutsamen Traum haben werde. Da Descartes unmittelbar zuvor eine philosophische Entdeckung gemacht zu haben glaubte, erwartete er eine Traumbestätigung - nach den vielen Enttäuschungen, die er mit solchen Entdeckungen bisher gemacht hatte. Es war ein sogenannter Traum von oben, der nicht durch körperliche Zustände während des Schlafens veranlasst ist. In dieser Nacht träumte Descartes dreimal hintereinander.
Immer ruhigere Träume
Der erste Traum war ein Angsttraum. Es erscheinen ihm Geister, die ihn sehr erschrecken, er läuft durch Straßen und kann sich kaum aufrecht halten. Ein heftiger Sturm wirbelt ihn herum. Er fürchtet bei jedem Schritt hinzufallen, bis er eine Schule entdeckt, in deren Kapelle er Zuflucht sucht, um zu beten. Als er merkt, dass er an einem Mann, den er kennt, ohne Gruß vorübergegangen ist, will er umkehren, wird aber von dem Sturm zurückgeworfen. Auf dem Schulhof sieht er eine andere Person, die ihn höflich mit Namen anredet und ihm einen Kürbis anbietet, von dem der Träumende annimmt, dass er aus einem fremden Land gebracht wurde. Es beunruhigt ihn, dass die Personen in seinem Traum fest auf ihren Füßen stehen, während er selbst noch immer Schwierigkeiten hat, sich aufrecht zu halten. Als er aufwacht, spürt er Schmerzen und fürchtet, dass alles das Werk eines bösen Geistes gewesen sein könnte. Er betet zu Gott und bittet ihn, dass er ihn vor den schlimmen Folgen des Traumes und allem Übel, das ihm als Strafe für seine Sünden droht, bewahren möge.
Im zweiten Traum glaubt Descartes, einen Donnerschlag zu hören, der ihn sofort erwachen lässt. Als er die Augen öffnet, bemerkt er überall in seinem Zimmer Feuerfunken. Das war, wie Baillet weiß, schon häufiger vorgekommen. Denn es war nicht ungewöhnlich, dass er in der Nacht aufwachte und seine Augen so funkelten, dass er die Dinge in seiner Nähe sehen konnte. Diesmal hängt er philosophischen Gedanken nach und ist beruhigt über den Zustand seines Geistes. Seine Beängstigung verschwindet von allein, und er schläft wieder ein, offenbar dessen gewiss, dass der Traum nicht von einem bösen Geist veranlasst wurde.
Der dritte Traum ist überhaupt nicht furchterregend. Descartes findet auf seinem Tisch ein Buch. Er weiß nicht, wer es dorthin gelegt hat. Er schlägt es auf und sieht, dass es ein Wörterbuch ist. Im selben Augenblick findet er noch ein anderes Buch, von dem er nicht weiß, woher es gekommen ist. Es ist eine Sammlung von Gedichten verschiedener Verfasser mit dem Titel „Corpus poetarum etc.“. Als er darin liest, stößt er auf den Vers „Quod vitae sectabor iter?“, welchen Weg werde ich einschlagen? Er bemerkt einen Unbekannten, der ihm einen anderen Vers zeigt, der mit „Est & Non“, Ja und Nein, beginnt. Der Unbekannte preist das Gedicht. Descartes sagt ihm, er kenne es, es sei eine der Idyllen des Ausonius und sei in der großen Gedichtsammlung auf dem Tisch enthalten. Während er nach der Stelle sucht, fragt ihn der Mann, woher er das Buch habe, und Descartes sagt, dass er es nicht wisse, er habe eben noch ein anderes Buch in Händen gehabt, das nun verschwunden sei. Im selben Augenblick sieht er das Buch am anderen Tischende wiederauftauchen. Aber das Wörterbuch ist nicht mehr vollständig. Schließlich findet er die Gedichte des Ausonius in der Gedichtsammlung, die er durchblättert.
Traum oder Vision?
Als er aber das Gedicht, das mit „Est & Non“ beginnt, nicht finden kann, sagt er dem Mann, er kenne ein anderes Gedicht desselben Dichters, das noch besser sei und dessen Anfang laute: „Quod vitae sectabor iter?“ Der Mann will es sehen. Descartes sucht es und stößt dabei auf eine Reihe kleiner Kupferstichporträts. Sie veranlassen ihn zu der Bemerkung, das Buch sei recht hübsch, aber es sei nicht die Ausgabe, die er kenne. Dann verschwinden die Bücher und der Mann, und Descartes fragt sich im Traum, ob das, was er gesehen hat, Traum oder Vision sei. Im Traum entscheidet er, dass es ein Traum war, und deutet ihn, bevor er aufwacht.
Danach setzt er die im Schlaf begonnene Traumdeutung fort. Die Gedichtsammlung, in der er geblättert hat, macht ihm Hoffnung, des dichterischen Enthusiasmus teilhaftig zu werden. Das Versstück „Est & Non“ deutet er als Wahrheit und Falschheit im menschlichen Wissen. Er glaubt, alles zu seinen Gunsten deuten zu können, und ist nun davon überzeugt, dass der Geist der Wahrheit ihm durch den Traum die Schätze aller Wissenschaften öffnen will. Bleiben noch die kleinen Kupferstichporträts. Aber auch diese Frage erledigt sich, als ihn am nächsten Tag ein italienischer Maler besucht.
Der letzte Traum, der nur Angenehmes und Verheißungsvolles enthielt, bedeutete für Descartes die Zukunft und handelte von dem, was sein weiteres Leben ihm bringen würde. Die beiden vorhergehenden Träume dagegen enthielten Warnungen wegen seines früheren Lebens, und seine Angst im Traum erschien ihm als Ausdruck von Zerknirschung und Gewissensbissen wegen seiner Sünden. Aber nicht alles Erschreckende ist schrecklich: Den Donnerschlag im zweiten Traum deutet Descartes als ein Zeichen des Geistes der Wahrheit, der herabgestiegen sei, um von ihm Besitz zu ergreifen.
Schwellenbewusstsein eines Philosophen
Wie immer man die Träume im Einzelnen deuten mag, ihr Thema ist offenbar der Wille zu einer Lebensentscheidung. Die drei Träume teilen das Leben in ein Vorher und Nachher. Und in ihr Ergebnis, die Wendung zu einer auf sich selbst begründeten rationalen Wissenschaft, ist in nicht zu übersehender Weise die Poesie verstrickt. Es sind Verse römischer Dichter, mit denen Descartes vertraut ist, die die wegweisenden Stichworte geben: „Est et non“ und „Quod vitae sectabor iter?“ Am Anfang der neuen Philosophie steht die Dichtung. Hätte Descartes aufgrund seiner Träume nicht auch den Weg der Poesie wählen können?
Sein Biograph Baillet berichtet, dass Descartes nach der Nacht der Träume überlegte, welchen Weg er einschlagen solle. Offenbar war die Auskunft der von ihm gedeuteten Träume nicht klar genug. Descartes betete, dass Gott ihn erleuchten und bei der Suche nach Wahrheit leiten möge. Er wandte sich an die Heilige Jungfrau und gelobte, auf einer Reise nach Italien, die er wenig später antreten wollte, eine Pilgerfahrt zur Madonna von Loreto zu machen. Er wollte sogar zu Fuß von Venedig nach Loreto pilgern, hat das Gelübde der Pilgerreise aber nie erfüllt. Nach einigen Tagen ließ sein Enthusiasmus nach. Er kehrte zu seiner normalen Verfassung zurück, erklärt Baillet, blieb in seinem Kaminzimmer und begann, um nicht untätig zu sein, einen Traktat zu verfassen, den er vor Ostern beenden wollte, der aber wohl nie abgeschlossen wurde.
In den „Cogitationes privatae“ findet sich auch die berühmte Devise von Descartes: „Larvatus prodeo“, „Ich trete mit einer Maske auf.“ Er schreibt: „Wie die Schauspieler, damit nicht die Schamröte auf ihrem Gesicht erscheine, eine Maske anlegen, so betrete ich dieses Welttheater, bei dem ich bisher nur Zuschauer war, mit einer Maske.“ Eine solche Maske können Träume sein, denn sie verkleiden, was, offen ausgesprochen, vielleicht beschämend wäre. Und so wird auch die neue Wissenschaft zunächst verhüllt, um nicht Gefahr zu laufen, vorzeitig widerlegt oder missverstanden zu werden. Diese Notiz, die auf den 1. Januar 1619 datiert ist, handelt von der Angreifbarkeit des Neuen - nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Poesie. Das Neue muss sich überall die Maske vorhalten.
Hat Descartes die Maske abgelegt, als er seine neue Einsicht des „Cogito ergo sum“ in die Öffentlichkeit trug und mit ihr einen so beispiellosen Erfolg errang, dass er fortan als Begründer neuzeitlicher Wissenschaft galt?