27.09.2011 · Er erfand die Geisteswissenschaften und ist heute fast ungelesen: Wilhelm Dilthey
Es ist still geworden um Wilhelm Dilthey. Der Philosoph hatte der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die folgenreichste methodische Grundlegung der Geisteswissenschaften vorgelegt. Ohne ihn kam lange Zeit kaum eine Grundlagenreflexion der Geisteswissenschaften aus. In den aktuellen Theoriedebatten aber hat er kaum noch einen Ort. Sozialwissenschaftler fühlen sich von seinem weiten Begriff der Geisteswissenschaften vereinnahmt. Kulturwissenschaftler werfen ihm vor, Kultur nur in Texten und Erlebnissen mit Texten gefunden zu haben. Den Versuchen zur Annäherung zwischen Natur und Kultur ist sein Dualismus von Erklären und Verstehen ein Hindernis. Schließlich der Standardvorwurf: Er habe einem gefühligen Subjektivismus das Wort geredet, der dem, was er erreichen wollte, mit allen Mitteln den Weg verstellt habe, dem Wissenschaftsanspruch der geistigen Studien.
Die Berliner Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er war, widmete Dilthey nun an seinem hundertsten Todestag eine Tagung. Sie war kein Versuch, ihm den verlorenen Rang zurückzuerstatten. Man verteidigte ihn aber gegen die gröbsten Verzerrungen einer Rezeption, die, so Axel Horstmann, auf die Substanz seines Denkens oft kaum mehr Bezug nimmt.
Der Ausgangspunkt dieses Denkens ist die Einsicht in die Geschichtlichkeit aller Dinge. Dilthey teilte die Grunderfahrung seines Jahrhunderts, dass auch Erkenntnis einen Zeitkern hat. Er handelte sich damit das Problem ein, wie sich im Fluss des Historischen überhaupt noch allgemeingültige Erkenntnis behaupten lässt. Christophe Bouton (Bordeaux) skizzierte einen Ausweg: In der Möglichkeit, das Denken und die Taten der Vergangenheit zu verstehen, sei die Idee der Allgemeinheit bei Dilthey aufgehoben.
Der zweite Anker gegen den Sturz in den Skeptizismus war der Satz von der Phänomenalität. Dass wir ein Bewusstsein der Phänomene haben, ist die Tatsache, die für Dilthey auch nach dem Bruch mit der Metaphysik außer Zweifel steht. Das gilt auch für die Naturwissenschaften. Auch sie haben es mit "geistigen Tatsachen" und nicht unmittelbar mit den Gegenständen zu tun. Dilthey entwickelte seine Theorie der Geisteswissenschaften daher nicht in prinzipieller Abgrenzung zu den exakten Disziplinen, sondern er suchte den Punkt, der vor der Unterscheidung von Innen und Außen liegt und hinter den objektiven Blick zurückzugreift.
Er fand ihn im Leben. Das Erlebnis ist der letzte Grund aller Erkenntnis und der Boden, auf dem auch die exakten Wissenschaften ihre ersten Schritte tun. Dilthey warf den Naturwissenschaften jedoch einen verkürzten Erfahrungsbegriff vor. Der ursprüngliche Modus des Erlebens sei das Innewerden der Gegebenheiten. Die Geisteswissenschaften seien deshalb auf die Basis der inneren Erfahrung zu stellen. "In den Adern des erkennenden Subjekts, das Locke, Hume und Kant konstruierten", lautet einer seiner bekanntesten Sätze, "rinnt nicht wirkliches Blut, sondern der verdünnte Saft von Vernunft als bloßer Denktätigkeit." Dem stellt er eine Erkenntnistheorie des ganzen Menschen gegenüber, die auch Wollen, Fühlen, Vorstellen umgreift.
Dilthey ging es immer auch um den Wissenschaftsanspruch für die Geisteswissenschaften, um objektive Erkenntnis. Seine Lebensfrage war, wie man nach der Ausdifferenzierung der Disziplinen noch Wissenschaftler und Virtuose zugleich sein konnte. Mit dem Sammelbegriff "Geisteswissenschaften" versuchte er den aufstrebenden empirischen Einzelwissenschaften eine überwölbende Perspektive zu geben, damit sie sich nicht im philologischen Detail und im Positivismus verlieren. Geisteswissenschaften waren für ihn keine bloß beschreibenden, ins Einzelne versenkten Disziplinen.
Er hatte dann jedoch große Not, seinen weiten, psychologisch grundierten Erkenntnisbegriff zu theoretisieren. Welche Evidenz lässt sich aus dem unmittelbaren Erleben gewinnen? Es sollte klar sein, dass es nicht um die unverbindliche subjektive Interpretation und das bloße Nacherleben von Eindrücken gehen konnte, sondern um einen Verstehenshorizont, in dem das Einzelne im Lebens- und Wirkungszusammenhang erst seine Bedeutung erhält und diesen Zusammenhang wiederum bereichert, dass Napoleon verstehen nicht heißt, sich in seine Gedanken einzunisten, sondern auch die Umstände zu betrachten, die sein Verhalten in einen Verstehenshorizont einrücken.
Die Gefahr, sich in der Innenperspektive zu verstricken, konnte Dilthey aber nie ganz ausräumen. Die "Einleitung in die Geisteswissenschaften" von 1883, die sein theoretisches Projekt fundierte, wurde zum Schicksalsbuch. Der erste Band beschränkte sich auf die historische Herleitung. Mit dem zweiten Band, der die Systematik der Geisteswissenschaften hätte liefern sollen, quälte er sich dreißig Jahre lang ab. Er blieb unvollendet. Dilthey wich auf die Geschichte aus, bevor er die theoretischen Grundlagen für ihre Erfassung geklärt hatte. In seinem Spätwerk verschob er die Akzente und setzte nicht mehr beim kaum fassbaren Erleben an, sondern bei den Artefakten, die daraus hervorgehen und die wir verstehen können. Die Aporien bei der Grundlegung der Geisteswissenschaften ändern nichts daran, dass er einen Horizont der Bedeutsamkeit freilegte, den der analytische Blick nicht auffängt. Die Ironie liegt darin, dass es inzwischen manchmal Naturwissenschaftler sind, die auf die Bedeutung seiner Hermeneutik hinweisen.
Es gibt zwei Bilder von Dilthey. Das eine vom virtuosen Geistesgeschichtler und Interpreten, das zu seiner Lebenszeit eine große öffentliche Wirkung hatte. "Schwingendes Gespräch, rastloses Vorwärts, kluges freudiges Aufblitzen altersloser Augen", so hat ihn Hugo von Hofmannsthal beschrieben. "Fernes, Fernstes, zum Greifen nahe, das Nahe vergeistigt und wie verklärt. Alles steht da, leuchtet, lebt." Das andere vom Systematiker der Geisteswissenschaften, der seinem heroischen Anspruch unterlag und seine Ideen nicht zu letzter Klarheit brachte. Im Keller der Berliner Akademie stapeln sich dreizehn Aktenmeter unveröffentlichter Manuskripte. Sein Nachlassverwalter Fridtjof Rodi gestand, zunächst ratlos vor den ungeordneten Papieren gestanden zu haben. Allmählich habe er jedoch eine verblüffende Einheit im scheinbar Disparaten erkannt.
Thomas Thiel