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Im Schatten der O : Subregister

Dominique Aury alias Pauline Réage alias Anne Desclos auf einem Cocktail-Empfang der „Guilde du Livre“, wohl 1956. Bild: Droits reservés

Als Albert Camus falsch lag: Erinnerung an ein berühmtes, wenn auch vermutlich selten gelesenes Buch, aus Anlass eines aktuellen internationalen Bestsellers.

          Zu den schönsten Geschichten darüber, was es heißt, einen Autor wirklich zu kennen, gehört diese aus dem Jahr 1954. Gerade erst war in Paris ein Buch erschienen mit dem Titel „Geschichte der O“. Der Verleger, Jean-Jacques Pauvert, war bekannt für seine Neigung zum Érotisme in allen Spielarten, überdies erschien bei ihm eine große Ausgabe de Sades. Deshalb verwunderte es nicht, diese Geschichte einer jungen Frau, die sich einem Regime aus Martern und bedingungsloser sexueller Verfügbarkeit unterwirft, in seinem Programm zu finden.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber man rätselte in den literarisch-intellektuellen Kreisen, wer sich hinter dem pseudonymen Autornamen Pauline Réage verbarg. Einige Vorschläge wurden vergeblich aufgebracht, darunter auch der Name Jean Paulhans, der das Vorwort mit dem provokanten Titel „Vom Glück in der Versklavung“ beigesteuert hatte. Albert Camus hielt fest, dass jedenfalls sicher keine Frau ein solches Buch geschrieben haben könne.

          Ein genauer Leser

          Womit er falsch lag. Obwohl sich die Autorin erst Jahrzehnte später zu ihrem schnell berühmt gewordenen Buch bekannte, dem sie 1969 mit „Retour à Roissy“ noch eine Fortsetzung hatte folgen lassen. Und erst in einem Gesprächsband, der ein Jahr nach ihrem Tod 1998 erschien, konnte man nachlesen, dass Dominique Aury - mit bürgerlichem Namen eigentlich Anne Desclos - nach dem Erscheinen der „Geschichte der O“ zumindest von einem ihrer Leser, der keinen anderen Hinweis als ihre Texte selbst hatte, als Autorin überführt worden war.

          Dieser Leser war Gilbert Lély, Kenner, Herausgeber und Biograph de Sades. Lély kannte wohl Dominique Aurys Anthologie französischer Texte zur religiösen Lyrik, vor allem aber ihren Essay zu Fénelon, der später in der Sammlung „Lecture pour tous“ erschien. Der Befund, den er Dominique Aury brieflich mitteilte, war für ihn ganz klar: Die Autorin der „Geschichte der O“ könne gar keine andere sein als jene, die so über die Hingabe an Gott bei Fénelon geschrieben hatte.

          Im Kontrast:der neue „Erotik-Bestseller“

          Der Reiz dieser spät preisgegebenen Anekdote liegt auch in Lélys Einsicht, dass die Art der Unterwerfung, welche in der „Geschichte der O“ erzählt wird, im theologisch-religiösen Register vorgeprägt ist: im Anschluss an eine Tradition, in welcher die religiöse Hingabe erotisch aufgeladen und umgekehrt Erotik religiös überhöht wurde. In der „Geschichte der O“ geschieht dies auf dem schwarzen Grund einer Erotik, die auf Selbstvergessenheit und Tod zuläuft, was freilich nichts mit Sado-Maso-Séancen - oder moderner BDSM - zu tun hat, dafür aber mit einer Passion, für deren Beschreibung das mitlaufende religiöse Register unumgänglich wird.

          Der große Erfolg der Trilogie „Shades of Grey“ - allein im deutschsprachigen Raum wurden innerhalb eines knappen Jahres 7,5 Millionen Exemplare abgesetzt, international 83 Millionen in 52 Übersetzungen - lädt zur Kontrastierung mit der „Geschichte der O“ ein. Auch Eva Illouz nimmt diese Entgegensetzung an einer Stelle ihres gerade erschienenen Büchleins über den aktuellen Bestseller vor. Dort verliebt sich ein eher blasses unerfahrenes Entlein in einen attraktiven, reichen, in jeder Hinsicht potenten Mann, der freilich, wie sich später herausstellt, arge seelische Verletzungen mit sich schleppt. Weshalb vorerst nur dominanter Sex in den von ihm entworfenen Szenarien mit ihr als „Sub“ ansteht, diese Erziehung aber zu einer erfüllten Liebesbeziehung des therapierten Mannes mit einer aufgeblühten selbstbewussten Frau führt und das glückliche Paar noch dazu weiterhin aufregenden Sex hat.

          Unausweichlich, der Film

          Dass man in den großen Filmstudios trotz einiger Schritte in die richtige Richtung nicht selbst auf diesen Dreh gekommen ist, bleibt eine kulturindustrielle Blamage. Aber kommen wird er ja, der Film, dessen Regisseurin uns gerade verraten wurde: Sam Taylor-Johnson, die auch gleich wissen ließ, dass sie die „Kraft des Buches“ zu ehren beabsichtige. Schwierig ist ihre Aufgabe nicht. Der Text kann durch jede Bearbeitung nur gewinnen; das einzig Pornographische an ihm ist die sprachliche Hilflosigkeit, von der er durchweg Zeugnis ablegt.

          Was natürlich nur eine Facette des Gegensatzes zur oft genannten und vermutlich selten gelesenen „Geschichte der O“ ist, deren phantasierte Erotik so gar nichts Therapeutisches an sich hat - oder nur im extremen und wahrhaft skandalösen, eben auch theologisch eingefärbten Sinn. Georges Bataille schrieb ja auch keine Ratgeber. Pornographisch ist sie so wenig wie der Bestseller aus dem Massenmarktsegment der „romance novels“. Und eine Liebesgeschichte ist sie nur in dem verstörenden Sinn, dass O.s Geschichte darauf hinausläuft, die Liebe hinter sich zu lassen, um zuletzt noch vom ihrem Herrn verstoßen zu werden und - nicht als Opfer, sondern in einem letzten Akt ihrer nie in Frage gestellten souveränen Selbstbestimmung - den Tod zu suchen.

          Verfilmt wurde auch das Buch von Dominique Aury. In diesem Fall kam es, wie es kommen musste. Aus einem irritierenden, literarisch gar nicht naiven Text wurde eine Softporno-Schmonzette. Was ungefähr so angemessen war wie die erste Publikation von Nabokovs „Lolita“ in der für schlüpfrige Literatur bekannten „Olympia Press“ - wo dann prompt auch die englische Übersetzung der „Geschichte der O“ erschien. Solche Missverständnisse und Abstürze sind beim Erotik-Bestseller dieser Tage nicht zu befürchten: Er wird auf Leinwand und Bildschirmen mit ziemlicher Sicherheit nichts von seinem Reiz verlieren.

          Quelle: F.A.Z.

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