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Wer sind wir noch? : Neueste Nachrichten von der Ich-Front

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Wie viele Identitäten bekommen wir zusammen – abseits von sozialen Netzwerken und mittendrin? Über die Erfindung des einheitlichen Bewusstseins im europäischen Roman und über sein Ende in den Zeiten des Internets.

          Die „Süddeutsche Zeitung“ vermeldet, dass bei Facebook unter „Geschlecht“ jetzt neben „Frau“ und „Mann“ fünfzig Möglichkeiten von Identität abgebildet werden. Das muss man sich mal vorstellen! Die Amerikaner trauen sich zu, mit so vielen unterschiedlichen Identitätswahrnehmungen klarzukommen, und bei uns sind die Chefs schon durch zwei überfordert. „Überfordert“ meint, dass die Chefs bei der Frauenquote nicht bis zwei zählen könnten, konkret: der ehemalige Chefredakteur des „Spiegels“, Wolfgang Büchner. Der habe sich für fifty-fifty in der Redaktionsleitung ausgesprochen, dann aber „eine Chefetage mit fünf Männern und einer Frau“ installiert.

          Jüngste einschlägige Zeitungsschlagzeilen legen sowieso nahe, von der Frau-Mann-Dichotomie abzusehen. Tatsächlich (womöglich) noch existierende Zweierbeziehungen firmieren in solchen Texten eher unter Krankheiten. Modernes Viel-Ich, gesundes Viel-Ich schläft längst mit allen Geschlechtern. Zwischenzeitlich hat Facebook erhöht auf mehr als siebzig.

          Das Gespenst der Schizophrenien und der Paranoia

          „Ihr seid wie Gespenster, jongliert eine Vielzahl eurer Ichs durch den Lärm - das Ich, das ihr auf Facebook seid, auf Twitter, Tumblr, Tinder, wo auch immer - in eurem Job, den ihr nachts macht, in eurem Hobby, eurer Beziehung, eurer Sexfreundschaft, eurer erstaunlichen Palette an außerschulischen Aktivitäten“, schreibt der britische Ökonom Umair Haque, Direktor der Havas Media Labs in London, gerichtet an seine sich elektronisch vervielfältigenden Schüler.

          Nicht dass solche Aufspaltungen ganz neu wären: Das „Multitalent“ oder die besonders „vielseitige Person“ sind alte Bekannte. Aber niemand wäre noch vor einem Jahrzehnt auf die Idee gekommen, von einer „Vielzahl eurer Ichs“ zu sprechen, die man durchs moderne Leben „jongliert“, wenn es sich bloß um den Betätigungswechsel etwa von Twitter zu Facebook handelt.

          Daran ist zuerst abzulesen, wie psychische Spaltungen - und ihr Ausgleich untereinander - in der Entwicklung des euroasiatischen sowie des euroamerikanischen Menschentyps im Lauf der jüngeren Geschichte immer sozialverträglicher geworden sind; psychiatrisch nicht auffällig und kein Gegenstand von Ängsten. Um 1900 dagegen bezeichnete das Wort „Spaltung“ (bezogen auf „Spaltungen des Bewusstseins“) einen zentralen pathologischen (drohenden oder tatsächlichen) Zustand der betroffenen Menschen. Das Gespenst der Schizophrenien und der Paranoia hing über den Häuptern sowohl der adligen wie der bürgerlichen herrschenden Kasten und Klassen; „Persönlichkeitsspaltung“ und „Doppelgängerwesen“ bestimmten die Literatenängste und Schreibmoden vor und nach dem Ersten Weltkrieg wie auch Teile des frühen Kinos. Objekt einer Ich-Spaltung zu sein war ein angstbesetzter Befund; gekoppelt mit Panik und vorgebracht unter höchstem Leidensdruck.

          Die normale Ich-Vielheit

          Auch für Sigmund Freud bestand kein Zweifel am pathologischen Charakter der Spaltungs-Phänomene, bestimmt von „Abwehr“ und von „Verdrängung“, zwei psychischen Mechanismen, die er begrifflich zu diesem Zeitpunkt ungefähr gleichsetzte. Und das galt so ähnlich um 1920, 1940, und noch 1960. Die Spaltung grenzte jeweils ans Irrenhaus oder ans Gefängnis.

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