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Hungerplan „Viele zehn Millionen Menschen werden überflüssig“

Gab es einen Hungerplan oder eine logistische Katastrophe? Eine Kontroverse zwischen Stefan Scheil und Alex J. Kay über die Wehrmacht im Russlandfeldzug.

Die Kontroverse um das Ausmaß der Planung der NS-Staats- und -Militärführung für die Hungerpolitik in der Sowjetunion ist mit dem Beitrag von Stefan Scheil (F.A.Z. vom 16. Mai) in die zweite und hoffentlich letzte Runde gegangen. Vorweg: Scheil behauptet, ich hätte in meinem Artikel in der F.A.Z. vom 14. Februar „eingeräumt“, es hätte „keinen Hungerplan gegen die sowjetische Zivilbevölkerung“ gegeben. Hierbei handelt es sich um eine bewusste Verdrehung meiner Aussage, es habe „keine detaillierte Ausführungsplanung“ gegeben.

Kein noch so dreister Griff in die sprachliche Trickkiste kann aber verbergen, dass es 1941 einen Beschluss der deutschen Staats- und Militärführung gab, eine Hungerpolitik in den zu besetzenden sowjetischen Gebieten zu verfolgen, dem auch schon ein Konzept, also zumindest eine Grobplanung, zugrunde lag, und dass ich dies in Übereinstimmung mit den ausgewiesenen Experten in diesem Bereich schon immer so vertreten habe.


Blockadefestigkeit untergraben?


Wehrmachtführung und Ministerialbürokratie stellten, wie wir wissen, schon vor Beginn des Russland-Feldzuges fest, dass bei dem deutschen Überfall „zweifellos zig Millionen Menschen verhungern“ würden. Durchgeführt werden sollte diese Strategie der Vernichtung durch Hunger durch die Abriegelung der sogenannten „Zuschussgebiete“ (das heißt Nord- und Mittelrussland, zusammen mit den darin liegenden Millionenstädten Moskau und Leningrad/St. Petersburg) von den sogenannten „Überschussgebieten“ (das heißt der Ukraine und Südrussland). Dass dieses Verhungernlassen entgegen der Behauptung Scheils willkürlich herbeigeführt werden sollte, geht sowohl aus dem oben zitierten Protokoll der Staatssekretärsbesprechung vom 2. Mai 1941 als auch aus den wirtschaftspolitischen Richtlinien des für die ökonomische Planung zuständigen Wirtschaftsstabs Ost vom 23. Mai 1941 hervor: „Viele 10 Millionen Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen. Versuche, die Bevölkerung dort vor dem Hungertode zu retten, können nur auf Kosten der Versorgung Europas gehen. Sie unterbinden die Durchhaltemöglichkeit Deutschlands im Kriege, sie unterbinden die Blockadefestigkeit Deutschlands und Europas. Darüber muss absolute Klarheit herrschen.“ Eine deutlichere Sprache kann man kaum sprechen.

Auch die Militärführung war – obwohl Scheil dies nicht wahrhaben möchte – in die Strategie des absichtlich herbeigeführten Massenhungertodes tief verwickelt. Einige Beispiele: Erster Chef des oben erwähnten Wirtschaftsstabes Ost war der Generalleutnant Dr. Wilhelm Schubert; sein Vorgesetzter war der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) General Georg Thomas, der beim übergeordneten Wirtschaftsführungsstab Ost federführend war. Dessen Vorgesetzter, Chef des OKWs Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, war es, der die Einleitung des offiziellen wirtschaftlichen Handbuches der Besatzungstruppen, genannt Grüne Mappe, schrieb.

Problem der „Menschenbehandlung“

In der Grünen Mappe steht: „Die erste Aufgabe ist es, sobald wie möglich zu erreichen, dass die deutschen Truppen restlos aus dem besetzten Gebiet verpflegt werden, um so die Verpflegungslage Europas zu erleichtern und die Verkehrswege zu entlasten. Das Gebiet Moskau und östlich bildet in der Menschenbehandlung ein ebenso schwieriges Problem wie Leningrad, besonders da die Millionenstadt starken Verpflegungszuschuss braucht.“

Bezüglich der Behandlung von Großstädten wie Moskau und Leningrad/St. Petersburg war der Generalquartiermeister des Heeres, Eduard Wagner, dementsprechend der folgenden Meinung: „Zunächst muss man ja Petersburg schmoren lassen, was sollen wir mit einer 3½ Mill. Stadt, die sich nur auf unser Verpflegungsportemonnaie legt. Sentimentalitäten gibt’s dabei nicht.“ Die Belagerung dieser Stadt zwischen 1941 und 1943 kostete das Leben von weit über einer halben Million Einwohnern.

Hinsichtlich der Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen: Scheil argumentiert, dass die in deutscher Hand gestorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen einer „logistischen Katastrophe“ zum Opfer fielen. Einen Tag vor dem Angriffsbeginn schrieb Generalmajor Walter Warlimont, Chef der Abteilung Landesverteidigung im OKW, an die Propagandaabteilung im Wehrmachtsführungsstab: „Der Gegner ist mit der Masse seiner Kräfte in den Grenzzonen aufmarschiert und kommt hierdurch den deutschen Absichten entgegen.“ Die Militärführung wusste, in welchen Riesenmengen die Rotarmisten gefangengenommen werden würden, traf aber absichtlich keine ausreichenden Vorbereitungen, die Gefangenen unterzubringen und zu ernähren. Worin die „logistische Katastrophe“, von der Scheil spricht, zu Beginn des Krieges oder in den Grenzgebieten bestanden haben sollte, ist nicht ersichtlich.

Dennoch kam es hier bereits zu einem Massenverhungern. Dies wird verständlich vor dem Hintergrund der Aussage Hermann Görings bei einer Besprechung mit ganz überwiegend Wehrmachtsangehörigen im September 1941: „Grundsätzlich sollen in den besetzten Gebieten nur diejenigen in der entsprechenden Ernährung gesichert werden, die für uns arbeiten.“

Der oben erwähnte Wagner zu den Kriegsgefangenen: „Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern.“ Mit Ausnahme von Göring, den man – trotz seiner hohen Wehrmachtsstellung – wohl eher der politischen NS-Führung zuordnen würde, zählten sämtliche der oben genannten Männer zu den führenden Offizieren der Wehrmacht beziehungsweise des Heeres, die wichtige Positionen bezüglich des deutschen Vorgehens in der Sowjetunion innehatten und bei der Entwicklung und Billigung der Hungerpolitik entscheidend mitwirkten. Alex J. Kay

Quelle: F.A.Z.

 
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