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Hume trifft Rousseau Auge in Auge

08.05.2011 ·  Unter den Gipfelgesprächen zwischen Philosophen dürfte das zwischen David Hume und Jean-Jacques Rousseau das merkwürdigste gewesen sein. Gesprochen wurde kaum, dafür gab es ein Duell der Blicke und Temperamente.

Von Henning Ritter
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David Hume berichtet von einer merkwürdigen Begegnung, die er am 18. März 1766 mit Jean-Jacques Rousseau hatte. Bei einer Aussprache über einige Misshelligkeiten hätten sie beide verdrießlich und stumm dagesessen. Seine, Humes, Bemühungen, das Gespräch wiederzubeleben, seien vergeblich geblieben. Rousseau habe nur einsilbig geantwortet. Nach einer Stunde stand er auf und ging im Zimmer auf und ab.

Doch plötzlich ließ er sich auf Humes Knien nieder: „Er legte seine Hände um meinen Hals, küsste mich mit der größten Wärme, netzte mein Gesicht mit Tränen und rief aus: ,Ist es möglich, dass Sie mir je vergeben, mein lieber Freund? Alle Zeichen der Zuneigung, die ich von Ihnen erhalten habe, entgelte ich mit Irrsinn und schlechtem Betragen. Doch trotz allem habe ich ein Herz, das Ihrer Freundschaft wert ist: Ich liebe Sie, ich achte Sie, und kein Deut Ihrer Freundlichkeit ist an mich verschwendet.“

In einem langen, zwanzigseitigen Brief an Hume (der darin in der dritten Person auftritt) schildert Rousseau am 11. Juli dieselbe Situation: „Nach dem Abendessen, als wir beide still an einem Kamin saßen, merke ich, dass er mich fixiert, wie er es oft tat und in einer Weise, deren Sinn schwer wiederzugeben ist. Diesmal war sein trockener, brennender, höhnischer und anhaltender Blick mehr als beunruhigend. Um mich von ihm zu lösen, versuchte ich ihn meinerseits zu fixieren, doch als ich meine Augen auf den seinen ruhen ließ, spüre ich ein unerklärliches Zittern und bin bald genötigt, die Augen zu senken. Die Physiognomie und der Ton des guten David sind die eines Biedermanns, aber woher, großer Gott, nimmt dieser gute Mann die Augen, mit denen er seine Freunde fixiert?“

Der Verdacht ist unerbittlich

Aus dem verlegenen und schweigenden Herumsitzen der beiden Philosophen ist ein Austausch von feindseligen, höhnischen Blicken geworden. Die beiden fixieren einander, wobei die Augen Humes sich als die stärkeren erweisen: „Der Eindruck dieses Blicks lässt mich nicht los und beunruhigt mich, meine Verwirrung steigert sich bis zur Bestürzung. Wenn nicht die Herzensergießung gefolgt wäre, wäre ich erstickt. Bald überkam mich starke Reue, ich bin erzürnt über mich selbst und werfe mich schließlich in einer Aufwallung, an die ich mich noch mit Wonne erinnere, ihm um den Hals und drücke ihn kräftig. Von Schluchzen erstickt, tränenüberströmt, rufe ich mit gebrochener Stimme: ,Nein, nein David Hume ist kein Verräter; wenn er nicht der beste der Menschen wäre, müsste er der schlimmste sein.' David Hume erwidert meine Umarmungen höflich und während er mir mit kleinen Schlägen auf den Rücken klopft, wiederholt er mehrmals in ruhigem Ton: ,Wie! Mein lieber Herr! Wie denn! Mein lieber Herr, wie denn!'“

Unter den Begegnungen, den Gipfelgesprächen zwischen Philosophen dürfte dies die merkwürdigste sein. Nicht Philosophen treffen aufeinander, sondern allenfalls zwei Temperamente, die mit ihrer Philosophie zusammenhängen. Auf der einen Seite sehen wir Humes Phlegma, seinen Kult des Mittelmaßes im Einklang mit seiner skeptischen Philosophie, die starke Gefühle und Gewissheiten zu vermeiden lehrt. Und auf der anderen Rousseaus Kult des Herzens, dessen Sprache in ungetrübter Reinheit vernommen werden will. Aber diese Sprache wird offenbar entstellt von einem mächtigeren Impuls: dem Verdacht. Der Verdacht ist unerbittlich. Überall findet er Stoff für seine Konstruktionen. Hatte Hume ihm nicht über die Schulter geblickt, als er einen Brief ins Couvert steckte? Hatte er sich dann nicht erboten, den Brief zur Postkutsche zu tragen, hatte er vielleicht das Siegel gebrochen und ihn gelesen? Der Verdacht ergreift das kleinste Detail, vergrößert es, formt es um. Es fügt sich nun in ein Netz von ebenso aussagekräftigen Details, die insgesamt durchsichtig werden auf ein verdecktes Geschehen, das mit zwingender Logik freigelegt wird. Hume erzählt, Rousseau dagegen will etwas beweisen, das sich hinter einer Vielzahl von Indizien verbirgt. Was will er beweisen?

Das Geheimnis des Genies

Jean-Jacques Rousseau war der berühmteste und umstrittenste Literat seiner Zeit. Sein „Émile“ und sein „Gesellschaftsvertrag“ waren in der Schweiz und in Frankreich verboten und verbrannt worden. Für ihn selbst wurde es immer schwieriger, irgendwo ein Bleiberecht zu bekommen. Zuletzt hatte er in der Schweiz, in Môtiers und am Bieler See, gelebt. Auf der Suche nach einer neuen Zuflucht, hatte man ihm Hume empfohlen, der ihn nach England begleiten und ihm bei der Suche noch einer Unterkunft behilflich sein würde.

Man traf sich in Paris, wo Rousseau sich für befristete Zeit aufhalten durfte. Tausende Neugierige liefen zusammen, wenn der „Eremit“, der sich seit Jahren dem öffentlichen Leben entzogen hatte, im Jardin du Luxembourg auftauchte. Unvorstellbar, schreibt Hume an einen schottischen Freund, sei die Begeisterung, von der die Pariser bei Rousseaus Ankunft ergriffen wurden. Hätte er für ihn eine Sammlung veranstaltet, er hätte ohne weiteres fünfzigtausend Pfund am Abend zusammengebracht. Hume selbst war von dem Bad in der Menge, von der Berühmtheit seines Schutzbefohlenen hingerissen. Das kannte er aus England nicht. Auch er selbst wurde in Paris mehr gefeiert, als er bis dahin erlebt hatte.

Besser konnte das Bündnis zwischen Rousseau und Hume nicht beginnen. Die „philosophes“, in deren Salons Hume aus- und einging, feierten ihn als einen der ihren. Nur wenige ausländische Denker waren bisher so wie er ins Zentrum der radikalen Aufklärung vorgedrungen. Ihre Protagonisten waren auch einmal die Freunde Rousseaus, er hatte sich vor Jahren mit ihnen entzweit. Sie waren zu seinen Feinden geworden und warnten Hume eindringlich vor Rousseaus Verschlagenheit und Unberechenbarkeit. Aber Hume nannte ihn seinen Freund und studierte ihn, als wäre er eine eigene Spezies. Er glaubte, in ihm das Geheimnis des Genies aufspüren zu können.

Masochismus des Verfolgten

Als beide in London eintrafen, war auch dort die Begeisterung des Publikums zunächst grenzenlos. Die Zeitungen berichteten über jeden Schritt des merkwürdigen Gastes, der in seinem sonderbaren armenischen Gewand mit der berühmten Pelzmütze gekommen war. So wurde er von dem berühmten Porträtmaler Ramsay gemalt, so wurde er in den Zeitungen glossiert. Aber die Stimmung schlug bald um, von einem Tag auf den anderen weckte Rousseau Misstrauen und Ablehnung. In den Zeitungen wurde von einem Brief berichtet, den Friedrich der Große an ihn geschrieben hatte. Offenbar handelte es sich, wie Rousseau sofort erkannte, weil der preußische König ihm soeben noch Schutz angeboten hatte, um eine Fälschung.

Der Brief, den die Zeitungen abdruckten, schildert in zweideutigen Worten das Unglück Rousseaus, um dann in böser Ironie auf seine Schwächen einzugehen, seine Träumereien und den nur selten anzutreffenden gesunden Menschenverstand. Schließlich geht der Brief in Drohungen über: „Meine Staaten bieten Ihnen eine friedliche Zuflucht. Doch wenn Sie sich sträuben und meine Hilfe verschmähen, dann sehen Sie sich vor, dass ich es niemandem sage. Wenn Sie darauf beharren, sich den Kopf zu zermartern, um neues Unglück zu finden, so wählen Sie, was Sie wollen. Ich bin König, ich kann Ihnen nach Belieben besorgen, was Sie wünschen . . .“ Die Analyse des Masochismus des Verfolgten stammte von dem Literaten Horace Walpole und wurde im Kreis der Pariser Philosophen redigiert. Hume soll eine Zeile hinzugefügt haben.

Man kann dem Rousseauschen Verdacht bis in alle seine Verzweigungen folgen. Allein in dem angeblichen Brief Friedrichs des Großen und seiner öffentlichen Verbreitung stellt sich das Klima der Zeit deutlich genug dar. Die Spur der Feindschaft zwischen den Pariser Philosophen und Rousseau ist deutlich genug, vor allem, dass sich alles um Verfolgung drehte. Selbst in gewisser Weise verfolgt und bedroht, duldeten die Philosophen keinen Abtrünnigen. Rousseau mochte seinen Verdacht daraus nähren: Würden seine Feinde Hume erlauben, Rousseaus Freund zu sein?

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Jahrgang 1943, freier Autor im Feuilleton.

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