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Honneth contra Sloterdijk : Der Vermögensverwalter

Philosophischer Klassenkampf von unten und oben: Peter Sloterdijk geißelt den Sozialstaat als institutionalisierte Kleptokratie, Axel Honneth schießt mit moralischer Munition zurück. Der eine betreibt Theorie auf eigene Rechnung, der andere Kritik mit ungedeckter Währung.

          Axel Honneth attackiert Peter Sloterdijk in der „Zeit“. Der Vorwurf: Sloterdijk habe in einem Beitrag für die F.A.Z. (siehe Die Revolution der gebenden Hand) das politische Bedürfnis nach Umverteilung zu Unrecht auf Ressentiment und Gier zurückgeführt. Zu behaupten, der Sozialstaat bringe eine institutionalisierte Kleptokratie hervor, sei, als Forderung nach einem Steuerstreik, aberwitziger „Klassenkampf von oben“.

          Demgegenüber hält Honneth den von unten für „moralisch legitim“. Schließlich beruhe das Geldvermögen „von Teilen der bürgerlichen Klasse“ nur in geringem Umfang auf Leistung, sondern viel mehr auf Erbschaften und auf „Erträgen aus unproduktivem Eigentum“; Honneth denkt hier an „finanzielle Spekulation“ im Gegensatz zu „produktiver Arbeit“ derjenigen Schichten, die „tagtäglich zur Erhöhung des Volkseinkommens“ beitragen. Außerdem habe das Bürgertum durch seine Verfassungen jedem die gleichen Chancen zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben eingeräumt. Also, könnte man Honneths Apologie kräftiger Umverteilung zuspitzen, ist Sozialdemokratie nichts als der Versuch, mit den Phrasen des Liberalismus Ernst zu machen.

          Kritik als Phrase

          Doch eben weil es Ideen sind und nicht Tatsachen, ja nicht einmal Theorien, sondern nur Werteindrücke, die man sich hier gegenseitig vorhält, wird der Streit zu nichts führen. Woran sich erkennen ließe, dass soziale Chancengleichheit vorliegt, vermag Honneth nicht anzugeben. Die Bedingung dafür, diese Phrase vollständig zu realisieren, nämlich den Einfluss der Familien auf die Kinder zu unterbinden, dürfte er wohl scheuen. Was ein gerechter Steuersatz wäre, kann der Philosoph genau so wenig wissen wie sein Kontrahent, welche Lohn- oder Abgabenstruktur als ressentimentfrei gelten dürfte. Sloterdijk meinte damals, eine Handvoll Leistungsträger bestritten inzwischen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets. Honneth setzt auf diese einfallsreiche Behauptung mit der Unterscheidung von produktiver Arbeit und unproduktivem Zinseinkommen anderthalb.

          Zwei Philosophen stellen sich Wirtschaft und Gesellschaft vor. Von der Klugheit des John Maynard Keynes und der nachfolgenden Makroökonomik, die Umverteilung unter funktionalen Aspekten zu betrachten, also nicht zu fragen, ob sie moralisch ist, sondern, wozu sie führt und ob sie funktioniert, sind beide weit entfernt. Von einer politischen Soziologie des Wohlfahrtsstaates auch. Sie sind wie die Lilien auf dem Felde: Sie forschen nicht, sie bilden sich nicht weiter, doch das Gerücht, man komme auch so zu sinnvoller Kritik, ernährt sie doch. Man könnte, im riskanten Vokabular Honneths, fast von einem Fall unproduktiven geistigen Eigentums sprechen.

          Theorie auf eigene Rechnung

          An dieser Stelle ist allerdings ein Unterschied zwischen Honneth und Sloterdijk festzuhalten. Letzterer denkt auf eigene Rechnung, was leicht schiefgehen kann und auch die Vorteile von Spezialisierung unterschätzt. Und die Nachteile einer Sprache, die man nur selber spricht. Honneth hingegen, der ihm vorwirft, er koche nur längst Widerlegtes wieder auf und kenne auch die neuere Forschungsliteratur zu seinen Themen nicht, muss sich einen etwas anderen Maßstab gefallen lassen. Der führt zur Frage, was die Kritische Theorie denn im Angebot hat, um die gegenwärtige Gesellschaft nicht nur zu bewerten, sondern erst einmal zu begreifen?

          Im Zentrum ihrer Theorie des gesellschaftlichen Missstands (früher: Unheils) steht seit je der Kapitalismus. Er ist die große Ungleichheitsmaschine: ungleicher Tausch, ungleicher Lohn, ungleiche Chancen. Aber dieselbe Theorie war auch seit je und bis heute eine Theorie ohne Ökonomen. Das Gleiche gilt für den zentralen gesellschaftliche Konflikt zwischen der „bürgerlichen Klasse“ und den Schlechtergestellten. Was für eine bürgerliche Klasse denn? Die Angestellten in „allen erdenklichen Machtpositionen“ in Banken und Werbeagenturen, die Honneth als Milieu von Sloterdijk-Lesern anspricht? Um eine Soziologie der sozialen Schichtung hat sich die Kritische Theorie noch nie gekümmert. Also muss sie sich solche Schichten ausdenken. Wenn Sloterdijk über die Gesellschaft phantasiert, ist das die Sache eines Autors. Wenn Honneth die Gesellschaft umgeht, um sich nur bei Moralfragen und allen erdenklichen Normen aufzuhalten, ist das ein Konkursantrag.

          Quelle: F.A.Z.

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