18.01.2012 · Dieter Henrich zum 85. Geburtstag: Eine Münchner Tagung über Hölderlin betrachtete den Dichter auch außerhalb des literarischen Kontextes.
Von Jürgen KaubeHölderlin isch ed färrughd gwäh!“ So stand es 1982 in Tübingen an eine Häuserwand gesprayt. Für Fremdsprachler: das schwäbische „ed“, je nach Region auch „id“, ist die Negationspartikel (“Warum ischd etwas un id vielmär nix?“). Dass Friedrich Hölderlin nicht verrückt gewesen ist, hatte vier Jahre zuvor der Germanist Pierre Bertaux mit seiner These vom „edlen Simulanten“ behauptet. Der Dichter habe als Gesuchter in einem Hochverratsprozess 1805 Zerrüttung nur vorgespielt - 38 Jahre lang die Welt auf Distanz haltend, bis zum Tod 1843. Das entspricht nicht mehr dem Kenntnisstand; die 1993 publizierten Pflegschaftsakten Hölderlins beseitigten Zweifel an einer Krankheit. Doch als Versuch, auch die letzte Lebensperiode Hölderlins noch als Werk zu deuten, reihte jene These sich fugenlos in die Wirkungsgeschichte dieses Dichters ein.
Das war den Vorträgen des Symposions „Hölderlin in der Moderne“ zu entnehmen, das gerade in der Münchner Carl Friedrich von Siemens Stiftung zum 85. Geburtstag des Philosophen Dieter Henrich ausgerichtet wurde. Ob sie von der Hölderlin-Anbetung im George-Kreis handelten oder von Heideggers und Adornos Zugriffen auf ihn: nie war dieser Dichter nur ein Schriftsteller. Stets stand er für etwas jenseits von Literatur.
„Wenn der Jüngling auf und nieder ging unter den Genossen des Tübinger Stifts, war es, als schritte Apollon durch den Saal“, meinte schon Wilhelm Dilthey zu wissen, der 1906 in „Das Erlebnis und die Dichtung“ eine erste ausführliche Lebens- und Werkbeschreibung Hölderlins gab. An ihr zeichnete Friedrich Vollhardt (München) die anhaltende Schwierigkeit nach, das Außerordentliche zu psychologisieren. In ihr fällt auch das Wort „Seher“, das lange die Hölderlin-Kommentare bestimmte. „Seher sein ist ein echter Beruf“, zitierte Christoph Jamme (Lüneburg) den George-Germanisten Friedrich Gundolf, der stundenlang über Hölderlin reden konnte, ohne ein einziges Argument zu benutzen. Man schwärmte, wenngleich der Ton ziemlich eisern war. Ein Held, ein Halbgott, ein Führer, ein Dichter des geheimen Deutschland, für seine Zeit zu früh gekommen, darum unverstanden, aber auch zu spät, weil aus einer Epoche stammend, in der die Götter noch da waren, ein Rufer.
Der Philosoph Jamme (Lüneburg) wie der Germanist Gerhard Kurz (Gießen), der über Heideggers Hölderlin vortrug, zitierten das alles ellenlang, obschon es nicht gerade unbekannt ist, und fügten kaum ein Wort hinzu. Kurz erwähnte immerhin, was in Heideggers Deutung alles an Motiven entfallen musste: Liebe, Christentum, Vernunft, Revolution, die Teilhabe am Idealismus. Und Jamme unterstrich noch einmal die Bedeutung Norbert von Hellingraths, der die erste kritische Hölderlin-Ausgabe herausgegeben hatte und Hölderlin in seiner Dissertation einem fast strukturalistisch zu nennenden Studium unterzog. Doch dass die Einlassungen von Gundolf bis Heidegger in ihrer reinen Meinungshaftigkeit keinerlei Erkenntnis versprechen und nahe an unfreiwilliger Komik sind, dafür fand sich kein Wort.
Mit dem Diktum „Das Andenken ist ein Grüßen“ wurde Heidegger zitiert, aber auch: „Das Grüßen ist ein An-denken, dessen geheimnisvolle Strenge das Gegrüßte und den Grüßenden in die Ferne ihres eigenen Wesens zurückbringt.“ Leicht könnte man hiervon auch das Gegenteil behaupten, in Hölderlins Text steht von all dem sowieso nur die Wendung „grüße die Garonne“ sowie der Gedichttitel „Andenken“. Doch abgesehen davon, wieso nur ist die Strenge geheim, und wie vermag sie es, einen Fluss in was für ein Wesen denn zurückzubringen? Die Demographie der Tagung enthob die Vortragenden der Pflicht, ihre kunstreligiösen Zitate jungen Germanistinnen verständlich zu machen, aber es wäre wohl auch vergeblich gewesen. Auch mangels Thesen.
Einen Höhepunkt der Wirkungsforschung bot dann Liliane Weissberg (Philadelphia), die über Hannah Arendt und Hölderlin sprach. Im Gesamtwerk Arendts fällt nämlich der Name Hölderlins kein einziges Mal. Dafür in Briefen, die sie mit Martin Heidegger, ihrem Geliebten, wechselte, wo er allerdings zu jenem Einsatz kommt, der sich verliebten Akademikern - das Zitieren ist ein Anhimmeln - für Lyrik leicht aufdrängt. Außerdem hatte Weissberg noch Anstreichungen in den Hölderlin-Bänden Arendts gefunden, aus denen jedoch nichts folgte.
Dieter Henrich kommentierte das alles nobel. Es war daran erinnert worden, dass er, der Hölderlin zwei umfangreiche Bücher und ausgedehnte philologische Anstrengungen gewidmet hat, erst mit 37 begonnen hatte, über den Dichter zu schreiben. Das erklärte er damit, dass in seiner Jugend Hölderlins Ode „Der Tod fürs Vaterland“ einschlägig war und Passagen aus dem Roman „Hyperion“ in NSDAP-Versammlungen vorgetragen wurden. Noch Heideggers Vortrag „Hölderlins Erde und Himmel“, 1960 in Heidelberg und in jenem wenig analytischen Stil gehalten, so wusste Hans Friedrich Fulda, habe Henrich damals missfallen.
Als Henrich dann auf den Philosophen Hölderlin aufmerksam wurde und dessen Notiz „Urteil und Sein“ als Schlüsseltext in der Formationsphase des deutschen Idealismus entdeckte, meinte wiederum Hans-Georg Gadamer, wer wisse schon, woher Hölderlin das habe. Vielleicht habe er es ja irgendwo abgeschrieben. Hölderlin, das war eben ein Dichterseher, kein produktiver Denker, der sich mit Fichtes Problemen herumschlug. Henrich jedoch nahm den Philosophen im Dichter ernst. Die Forschung belohnte sein Gespür, unter anderem mit der Entdeckung von Manuskripten, die belegten, wie zentral Hölderlins Argumente eine Zeitlang im Kreis von Hegel und Schelling waren.
„Wie aber, wenn Dichten und Denken dasselbe wäre?“, hatte Heidegger gefragt. Hölderlin verkörpert für viele den Traum von der philosophischen Dichtung, einer intellektuellen Anschauung, die Wahrnehmung und Begriff verbindet. Der Altphilologe Oliver Primavesi (München) gab dem eine erfreulich konkrete Wendung. Er ging anhand des Dramenentwurfs „Der Tod des Empedokles“ der Frage nach, was Hölderlin über den griechischen Philosophen wusste, der am Ursprung der Tradition des Lehrgedichts steht. In detektivischer Puzzlearbeit zeichnet er nach, wie Hölderlin die Götterlehre des Vorsokratikers mit dessen Kosmologie kombinierte. Seine eigenen Hymnen mögen darin ein Vorbild gefunden haben: Dichtungen ohne Handlung, aber voller Dramatik.
Der andere Tagungsbeitrag mit einem Argument kam von Achim Vesper (Frankfurt). Er zeigte an Theodor W. Adornos Interpretation der Hymne „Mnemosyne“, wie in ihr der Anspruch zuletzt doch scheiterte, sich, anders als Heidegger, auf die poetischen Eigenschaften von Hölderlins Komposition einzulassen. Adorno unterschob aller großen Kunst einen Sinn, nämlich den, die Zwanghaftigkeit urteilender Sprache aufzudecken. Das zwang Adorno seinerseits zu waghalsigen Interpretationen gegen den manifesten Text, um in Hölderlin - Adorno zu finden.
In diesem Nachweis des projektiven Charakters der Heldenverehrung, sogar der negativ dialektischen bestand der Ertrag der Tagung. Das Licht der Opferkerzen erhellt den Text kaum, ihr Rauch macht ihn im Gegenteil dunkler. Gelingende Hermeneutik ist Tatsachenforschung. Dieter Henrich durfte sich hierdurch in seinen Studien zu Hölderlin mehr als bestätigt sehen.