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Hochschulpolitik in Russland : Das Denken im Straflager begreifen

Zentrales Staatsexamen geschafft: Studenten in Moskau. Bild: PhotoXPress / VISUM

Russland durchlebt eine ernste Hochschulkrise. Doch Philosophen kommen deshalb nicht gleich auf den Gedanken, das Land zu verlassen.

          Wer nach Russland fährt, von wo die besser Gebildeten in Scharen emigrieren, fragt sich jedes Mal, wer von den verbliebenen Bekannten wohl in Kürze die Koffer packt. Die Gründe werden nur mehr. Zu den neueren gehört die Ernennung der konservativen Historikerin Olga Wassiljewa, die über die orthodoxe Kirche im Zweiten Weltkrieg publiziert hat, zur russischen Bildungsministerin. Wassiljewa, eine gläubige Christin, hat erklärt, sie wolle Patriotismus und spirituelle Werte bei der jüngeren Generation stärken. Außerdem bezeichnete sie die Förderung der Lehrer, die zu Recht über ihre materielle Lage klagen, als ihre oberste Priorität.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Heute haben wir Kinder, morgen ein Volk, sagte die Ministerin, was man kaum anders verstehen kann, als dass nicht die Förderung individueller Begabungen, sondern das Schmieden eines Kollektivs Haupterziehungsziel sein soll. Liberale Kommentatoren, die um den säkularen Charakter des Bildungssystems bangen, vergleichen Wassiljewa mit dem zaristischen Bildungsminister Sergej Uwarow, der die Propagandaformel „Orthodoxie – Autokratie – Volkstümlichkeit“ prägte.

          Dem Dekan der philosophischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität, Wladimir Mironow, der mit einer deutschen Philosophiedozentin verheiratet ist, gefällt unsere Emigrationsfrage gar nicht. Mironows erwachsene Söhne leben in Deutschland. Doch die Alarmrufe wegen Wassiljewa hält er für abwegig. Sie sei eine Funktionärin mit begrenztem Handlungsspielraum, sagt Mironow. Ja, das russische Bildungswesen stecke in der Krise, aber die sei vor allem Folge der vom Bologna-Prozess inspirierten Reformbemühungen.

          „Fruchtbare Zusammenarbeit“

          Besonders verhängnisvoll finden Mironow und viele seiner Kollegen das sogenannte Einheitliche Staatsexamen, durch das seit 2009 Schüler der Gymnasialstufe im ganzen Land die Hochschulreife erwerben. Diese Prüfung, die zum großen Teil im Ankreuzen von Antworten besteht, was dann ein Computer auswertet, um Chancengleichheit zu garantieren und Korruption auszuschalten, zerstöre die Lernmotivation und führe dazu, dass Absolventen ihre Studiengänge nicht nach Neigung, sondern nach Punktezahl wählen. Weshalb Elitehochschulen wie die Moskauer Universität sich das Privileg erstritten, Studenten nicht allein aufgrund ihres Examensergebnisses aufzunehmen. Es spreche für Wassiljewa, so Mironow, dass sie das bloße Staatsexamenstraining in vielen Abschlussklassen kritisiere und den Test um mündliche Zusatzprüfungen ergänzen wolle.

          Was die Funktionalisierung von Bildung, den Abbau von Inhalten, die immer kleinteiligere Kosten-Nutzen-Kontrolle des Lehr- wie auch des Forschungsbetriebs betreffe, so seien die Prozesse in Russland Teil der globalen Entwicklung, versichert Mironow. Sein Heidelberger Kollege Hans-Peter Schütt habe gesagt, im neuen Universitätssystem regiere nicht der Professor, sondern der Finanzinspektor. Trotz Verschulung und Niveauverlust hält der Russe den europäischen Bologna-Prozess jedoch für legitim. Angesichts von immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund habe man in Westeuropa Massenuniversitäten schaffen müssen. In Russland hingegen sei wegen des demographischen Einbruchs ein Rückbau der Bildungsanstalten objektiv geboten. Fatal findet es der Dekan aber, dass für immer mehr Studienplätze nach angelsächsischem Vorbild hohe Gebühren bezahlt werden müssen. Das laufe kontinentaleuropäischen Standards zuwider, werfe Russland zurück und halte ausländische Studenten fern.

          Doch die akademischen Kontakte zumal zu deutschen Universitäten intensivieren sich eher, trotz der politischen Eiszeit. Soeben fand an der Staatsuniversität der zweite russisch-deutsche Hochschuldialog statt, bei dem Probleme der heutigen Universitätsausbildung und Erfahrungen des akademischen Austauschs diskutiert wurden. Auch der Philosophiehistoriker Alexei Krouglov, ein Kant-Spezialist, lobt die fruchtbare Zusammenarbeit und prophezeit der interdisziplinären Arbeit mit Historikern und Philologen an deutschen Universitäten eine fruchtbare Zukunft. Sein Verhältnis zu den Kollegen in Trier, wo er als Gastdozent lehrte, sei offen und freundschaftlich gewesen, erinnert sich Krouglov, auch zu den dortigen ukrainischen Studenten. Nur die ideologisch verbohrten deutschen Fernsehnachrichten habe er nicht ertragen.

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