Home
http://www.faz.net/-gso-74hbt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Hochschulpolitik Erkenntnisgewinn wird stark überschätzt

Im Konflikt um die britischen Universitäten folgt die englische Hochschulpolitik derzeit dem Rat Machiavellis.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Den prestigereichen englischen Universitäten wie Oxford gehen wegen der hohen Studiengebühren die Studenten aus.

Der Hochschulkonflikt in England dauert an und bleibt ein Drama, das man nicht aus den Augen verlieren darf. Am 13. November brachte er eine neue Institution hervor, den als gemeinnützige Gesellschaft eingetragenen „Rat für die Verteidigung der Britischen Universitäten“. Dieser Zusammenschluss äußerst angesehener Repräsentanten von Bildung und Wissenschaft, der sich selbst strikte Unabhängigkeit von parteipolitischen Ausrichtungen verordnet hat, will den Widerstand gegen den fortdauernden Prozess der Unterwerfung der Universitäten unter das Diktat kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen und überbordender bürokratischer Kontrollen anregen und koordinieren.

Er sucht dabei die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten, sowohl im Vereinigten Königreich (also unter den weitaus weniger betroffenen Schotten, Nordiren und Walisern) als auch weltweit. Denn wenn auch der Umbruch der Hochschulpolitik in England besonders krass erscheint, kann er doch nur als besonders radikaler Ausdruck einer überall fühlbaren anhaltenden und machtvollen Tendenz gelten. Lord Martin Rees, Astrophysiker aus Cambridge und Astronom Ihrer Majestät, hat die Öffentlichkeit daran erinnert, dass es ja überhaupt erst der Ausbau der britischen Universitäten durch die öffentliche Hand war, der seit den sechziger Jahren ihre Blüte und ihr internationales Ansehen begründete. Die Erfolge ihrer Forschung gingen auf ihre Autonomie zurück und nicht auf bürokratisch-ökonomische Lenkungsbestrebungen und seien daher jetzt gefährdet. Diese Mahnung kann man getrost auf das gesamte Hochschulwesen der westlichen Welt übertragen, die ausgerechnet gleichzeitig mit einer hausgemachten Wirtschaftskrise eine hausgemachte Bildungskrise durchlebt.

Studiengebühren lassen Studentenzahl sinken

Als Schrift an der Wand für die anderen erweist sich hier das Schicksal des Vorreiters Kalifornien. Hier führten drastische Einsparungen bei den öffentlichen Hochschulen und das Unvermögen des privaten Hochschulsektors zu einem fühlbaren Rückgang des Bildungsstandes. Nach einem Bericht des „Economist“ vom August gehen Bildungsforscher inzwischen davon aus, dass zum ersten Male in der neueren Geschichte dieses wichtigen amerikanischen Bundesstaates nicht die junge Generation den besten Bildungsstand hat, sondern die dem Pensionsalter entgegenreifende. Für die Heimat von Silicon Valley eine Hiobsbotschaft und eine Warnung für alle, die in einem Mix aus schrumpfenden öffentlichen und expandierenden privaten Hochschulen die Zukunft sehen.

Die Anhänger eben dieser Politik auf den Britischen Inseln haben in dem Jahr, das nun zu Ende geht, Federn lassen müssen. Sowohl mehrere Hauptstadtblätter, von der Boulevardzeitung „Daily Mail“ über den „Daily Telegraph“ zum „Guardian“, als auch die BBC machten unabhängig voneinander deutlich, dass es entgegen anderslautenden Beteuerungen der Regierung doch einen Zusammenhang zwischen drastisch auf neuntausend Pfund erhöhten Studiengebühren - die in Deutschland erhobenen Beträge wirken dagegen niedlich - und einem auffälligen Rückgang der Zahl der Studienanfänger in England geben muss. Immerhin verminderte sich diese im Lande der astronomischen Campus-Maut bereits im ersten Jahr ihrer Erhebung um rund zehn Prozent.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Studentische Wohnungsnot Zehn Minuten vom Feldbett zum Waschraum

Der Frankfurter Uni-AStA hat wohnungssuchende Studenten vorübergehend bei sich einquartiert - die meisten haben jetzt eine Bleibe. Mehr Von Frederik von Castell

14.10.2014, 18:03 Uhr | Rhein-Main
Entscheidung wird eine wirtschaftliche

Wofür werden sich die Schotten entscheiden? Für die Unabhängigkeit oder für Großbritannien. Der Politikwissenschaftler Jan Eichhorn von der Universität in Edinburgh ist der Meinung, dass die Menschen ihre Entscheidung von wirtschaftlichen Faktoren abhängig machen. Mehr

18.09.2014, 09:26 Uhr | Politik
Studentenrekord zum Wintersemester Hessens Hochschulen so voll wie nie

Zum Wintersemester sind in Hessen so viele Studenten eingeschrieben wie nie. Die Hochschulen beteuern, gut vorbereitet zu sein - und hoffen dennoch auf mehr Geld von Bund und Land. Mehr Von Sasche Zoske

11.10.2014, 11:00 Uhr | Rhein-Main
Angst vor dem Schotten-Referendum

Die britischen Parteichefs haben einen Schottland-Tag eingelegt. Sie wollen nichts unversucht lassen, um die Schotten dazu zu bringen, im Königreich zu bleiben. Mehr

10.09.2014, 21:20 Uhr | Politik
Cravatière Jessica Bartling Beruflich gebunden

Es gibt noch Krawattenmanufakturen in Deutschland. Laco, die älteste der Welt, wird von Jessica Bartling geführt. Sie entwirft alle Seidenstoffe selbst und kennt die Vorlieben und Sonderwünsche ihrer Kunden. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

22.10.2014, 12:14 Uhr | Stil
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.11.2012, 20:45 Uhr

Lorbeer für Comiczeichner

Von Andreas Platthaus

Den königlich-englischen Poet laureate kennt man seit Jahrhunderten. Jetzt soll auch ein Comic-Künstler seine Lorbeeren erhalten und für kindliche Lesefreudigkeit sorgen. Gleich die erste Ernennung ist verblüffend. Mehr 3