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Historiker Robert Gerwarth : Eine „Ost-Erweiterung“ in der Deutungsgeschichte dieses Krieges

Russland 1916: Ein Soldat kehrt aus dem Krieg zurück. Bild: Picture-Alliance

Sein Fach hilft, die Wurzeln der Fragen zu erkennen, die wir uns zu stellen haben, sagt der Historiker Robert Gerwarth. Unlängst hat er ein Buch über die Verlierer des Ersten Weltkriegs veröffentlicht. Ein Besuch in Dublin.

          Noch haben wir das Jahr 2018 nicht erreicht. Aber werfen wir doch schon mal einen Blick voraus, auf die Hundertjahrfeiern, die ans Ende des Ersten Weltkriegs erinnern werden. Mancher europäische Staat hat hier eine Gedenkarbeit vor sich, deren Form und Charakter wir noch nicht kennen. Er habe durchaus die Befürchtung, sagt der deutsche Historiker Robert Gerwarth, „dass es im kommenden Jahr in Teilen Europas ein nationalistisches Love-Fest geben wird. Das fände ich unangemessen angesichts der Tatsache, dass die Geburt dieser Staaten nicht unbedingt eine Erfolgsgeschichte ist.“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Hintergründe erläutert Gerwarth, Jahrgang 1976, in seinem Buch „Die Besiegten“ (Siedler Verlag), einer großangelegten Untersuchung über die Verlierer des Ersten Weltkriegs. Statt der klassischen deutsch-französischen Perspektive, in der die Schlachtfelder von Verdun und der Somme das Gedenken dominieren, nimmt Gerwarths Buch nicht nur das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn und das Haus Hohenzollern in den Blick, sondern allgemein Ost-, Mittel- und Südosteuropa. Zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Lausanner Abkommen 1923 jedenfalls war dies, wie es in der Einleitung heißt, „die mit Abstand gewalttätigste Region der Welt“.

          Fragen, die uns bis heute umtreiben

          Robert Gerwarth ist Professor für Moderne Geschichte und Leiter des Zentrums für Kriegsstudien am University College Dublin, einem großen, modernen Campus im Süden der Stadt. Der Historiker empfängt uns in seinem Büro. Die erste These seines Buches ließe sich so umschreiben: Das postimperiale Europa nach 1918 war für seine Bürger kaum ein besserer oder sichererer Ort als das Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Zweitens: Bürgerkriege, Revolutionen, Grenzkonflikte, Vertreibungen und Pogrome machten den Kontinent und namentlich seinen Osten nach 1918 zu einem Schlachthaus, in dem in fünf Jahren rund vier Millionen Menschen getötet wurden – Opfer von Hunger und der Spanischen Grippe nicht mitgezählt. Drittens: Die oft als „Völkergefängnis“ geschmähten multiethnischen Reiche wie die Österreichisch-Ungarische Monarchie vermochten lange Zeit eine erstaunliche Bindekraft mit einer eigenen kulturellen Identität zu entwickeln.

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          „Ich bin kein Imperiumsnostalgiker“, sagt Gerwarth. „Aber ich finde, dass es im österreichisch-ungarischen Kaiserreich vergleichsweise gut geklappt hat. Die großen Zwischenkriegsromane sind von ehemals habsburgischen Juden geschrieben worden. Sie hatten in jener Zeit Rechtssicherheit und ein Maß an Gleichberechtigung, das ihnen die Nachfolgestaaten, also aggressiv nationalistisch auftretende Regime, verwehrt haben.“

          Manches spricht dafür, die Jahre nach 1918 im Sinne osteuropäischer Historiker als Zeit eines „erweiterten europäischen Bürgerkriegs“ zu deuten. Der Untergang der großen Reiche und die Auflösung ihrer Suprastrukturen führten zur Entfesselung ethnischer Konflikte, die nur gewaltsam unter Kontrolle zu bringen waren. Kein Zufall, dass Stefan Zweigs Autobiographie „Die Welt von gestern“ wieder hochaktuell geworden ist. „Die dort aufgeworfenen Fragen“, sagt Gerwarth, „bleiben unbeantwortet und treiben uns bis heute um.“

          „Ost-Erweiterung“ in der Deutungsgeschichte dieses Krieges

          Etwa der Nationalismus, der quer zu den Homogenisierungsbemühungen der EU steht. Die Globalisierungskrise liefert nicht nur die Entschuldigung für jeden Alleingang, sondern rechtfertigt auch den Rückgriff auf nationale Gründungsmythen, die man überwunden glaubte. In Ungarn etwa beschwört eine radikale Rechte neue (alte) Räume von nationaler Identität, die dem ehemaligen Groß-Ungarn als Teil der Habsburgermonarchie durch den Friedensvertrag von Trianon am 4. Juni 1920 genommen wurden.

          „Oder nehmen Sie die Polen“, sagt Robert Gerwarth. „Polnische Männer im wehrfähigen Alter haben im Ersten Weltkrieg in drei verschiedenen Armeen gekämpft, oft sogar gegeneinander, nämlich für Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland. Identitätsstiftung findet hier nicht durch Krieg statt, der teilend wirkt, sondern im Nachkrieg.“

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