http://www.faz.net/-gqz-yemj

Hirntod : Ist die Organspende noch zu retten?

  • -Aktualisiert am

Im Unfallkrankenhaus Berlin wird einer hirntoten Patientin die Leber entnommen Bild: REUTERS

Bundesregierung und Ethikrat möchten diese Debatte vermeiden: Was wir heute über den sogenannten Hirntod wissen, stellt die Transplantationsmedizin auf den Prüfstand. Biologische und neurologische Kriterien genügen nicht zur Entscheidung über Leben und Tod.

          Mit der Rechtfertigung des Hirntods als Tod des Menschen verhält es sich wie mit der des zweiten Golfkriegs. Die zunächst angeführten Gründe stellten sich rückblickend als falsch heraus. Im Falle der Transplantationsmedizin bleibt eine Debatte darüber, ob sich im Nachhinein vielleicht andere, nachhaltigere Argumente finden lassen, hierzulande allerdings aus.

          Lebendspenden machen nur einen Bruchteil aller Transplantationen aus. Die Mehrzahl der Organe wird Hirntoten entnommen. Organe sind eine knappe Ressource. Die Regierungskoalition hat angekündigt, das Transplantationsgesetz zu ändern. Krankenhäuser mit mehr als hundert Betten sollen verpflichtet werden, Arbeitszeit für einen Transplantationsbeauftragten bereitzuhalten. Die Bundesärztekammer hat die Initiative begrüßt. Der Deutsche Ethikrat versteht sich ebenfalls als Promoter der Transplantationsmedizin. Er will im Oktober in einem Forum die Idee einer Äußerungspflicht zur Organspende diskutieren. Alle Bürger sollen sich zu Lebzeiten festlegen müssen, ob sie ihre Organe nicht spenden möchten.

          Ein Ad-hoc-Komitee über Leben und Tod

          Die längst überfällige neue Debatte um den Hirntod dagegen meiden die Regierung und ihr Ethikrat wie der Teufel das Weihwasser. Es will offenbar nicht recht passen, dass ausgerechnet im Mutterland der Hirntoddefinition, den Vereinigten Staaten, die „President's Commission on Bioethics“ im Dezember 2008 die Gründe, die bislang zur Rechtfertigung angeführt wurden, als irrtümlich zurückgewiesen hat. Das Hauptargument, auf dem die Definition beruhe, sei empirisch widerlegt. Angesichts des ungeheuren Einflusses, den eine schon sprichwörtliche Ad-hoc-Kommission der Harvard-Universität Anfang der siebziger Jahre weltweit entfaltete, sei das eine doch erschreckende Schlussfolgerung, bemerkte unlängst der Philosoph John Lizza aus Pennsylvania auf einem Symposion der europäischen Gesellschaft für Philosophie der Medizin. Das Ad-hoc-Komitee hatte die allein auf neurologischen Kriterien beruhende Definition des Hirntods entwickelt. Sie wurde in unzähligen Ländern übernommen.

          Der Hirntod war die Geburtsstunde der Transplantationsmedizin. Der wissenschaftliche Fortschritt hat aber nun an dem Ast gesägt, auf dem sie sitzt. Der Hirntod, so hieß es bisher, falle mit dem Tod des Menschen in eins, weil bei Ausfall des Gehirns der Organismus biologisch aufhöre, ein integriertes Ganzes zu sein: Er sei dann eben kein Organismus mehr. Auch wenn einzelne Organe überlebten, sei der Ausfall der komplexen Integrationsleistung, die für das Überleben des Organismus notwendig sei, mit dem Tod gleichzusetzen. Die Beschränkung auf biologische und neurologische Kriterien hatte den Vorteil, die Suche nach einer philosophischen oder theologischen Todesdefinition zu umgehen.

          Tote, die Schmerzreize verspüren

          Doch die biologische Hirntoddefinition kann nicht aufrechterhalten werden. Die Annahme, Hirntote zeigten keine somatische Integration mehr, hat sich als falsch erwiesen. So halten Hirntote ihre Homöostase aufrecht, den Gleichgewichtszustand des Organismus. Sie regulieren Körpertemperatur und bekämpfen Infektionen, produzieren Exkremente und scheiden sie aus. Die Wunden heilen bei Hirntoten ebenso, wie ihr proportioniertes Wachstum gesteuert wird. Schwangere Hirntote können gesunde Babys austragen. Nicht zuletzt reagieren Hirntote mit Ausschüttung von Stresshormonen auf Schmerzreize. Ein britischer Anästhesist wird mit den Worten zitiert, er befürworte die Transplantation von Organen, gedenke aber nur dann einen Spenderausweis bei sich zu führen, wenn er sicher sein könne, dass er vor der Entnahme betäubt würde.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          „Ärzte haben Angst“

          Interview mit Medizinern : „Ärzte haben Angst“

          Die Politik will die Organisation der Organspende neu regeln. Drei erfahrene Mediziner sprechen darüber, wie sinnvoll das ist – und warum ihr Berufsstand dringend Vertrauen zurückgewinnen muss.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.