Am 24. Juni 1859 besiegten die Franzosen und Sardinier die Österreicher in der Schlacht von Solferino, die Österreicher verloren zweiundzwanzigtausend, die Franzosen zwölftausend Mann. Henri Dunant hat 1862 in seinem Buch „Un Souvenir de Solférino“ über die Schlacht berichtet: „Auf diesen Seiten schildere ich nichts weiter als meine persönlichen Eindrücke: Man soll hier also weder spezielle Einzelheiten noch strategische Auskünfte suchen, die ihren Platz in anderen Werken haben.“ Henri Dunant ist wie ein Tourist in das Schlachtgeschehen hineingeraten. Französische Veteranen der Schlacht von Solferino werden sich noch lange an ihn als „le Monsieur blanc“ erinnern, der, ganz in Weiß gekleidet, über das Schlachtfeld wanderte. Nachdem er den Aufmarsch der Armeen beschrieben hat, wie es ein Historiker tun würde, ändert sich, kaum dass die Kämpfe begonnen haben, der Ton seines Berichts: „Österreicher und Alliierte bedrängen einander, schlagen sich tot über blutenden Leichnamen, erschlagen einander mit Kolbenhieben, schlagen sich die Schädel ein, schlitzen sich mit dem Säbel oder dem Bajonett den Bauch auf; es gibt kein Pardon mehr, es ist eine Schlächterei, ein Kampf wilder Tiere, die rasen und trunken von Blut sind.“
Es dauert nicht lange, bis die Protagonisten der Erzählung auftauchen, die Verwundeten. Eine Schwadron der Kavallerie nähert sich im Galopp, die Pferde zermalmen mit ihren Hufen die Toten und die Sterbenden, einem Verwundeten wird der Kiefer weggerissen, einem anderen der Kopf zerquetscht, einem dritten die Brust eingedrückt. In das Wiehern der Pferde mischen sich Wutschreie und Klagerufe von Schmerz und Verzweiflung. Die Artillerie bahnt sich einen Weg über Leichen und Verwundete, die am Boden stöhnen: „Da quillt nun das Gehirn hervor, die Glieder werden gebrochen und zermalmt, der Boden saugt sich mit Blut voll, und die Ebene ist übersät von menschlichen Überresten.“ Der Beobachter bringt diese grausamen Details in einen grellen Kontrast zum Prunk des Aufmarsches der Armeen und zum Schlachtgepränge. Doch die heldenhafte Aufführung kann sich nur für Augenblicke gegen die Szenen des Grauens behaupten: „Man tötet sich en gros, man tötet sich en détail“, lautet Dunants illusionsloses Fazit.
Gelegentlich gibt es Zeichen von Mitgefühl
Er macht den Versuch, den Mythos des Heldentums mit seiner Sicht des Geschehens zu verschmelzen, indem er ihn zu einer Todesallegorie steigert: „Der Leutnant de Guiseul, der die Fahne eines Linienregiments trägt, wird mit seinem Bataillon von zehn Mal stärkeren Kräften eingeschlossen; von einem Schuss getroffen, sinkt er zu Boden, indem er das kostbare ihm anvertraute Tuch an seine Brust presst; ein Sergeant bemächtigt sich der Fahne, um sie vor den Händen der Feinde zu retten; der Kopf wird ihm von einem Geschoss weggerissen; ein Kapitän, der die Fahnenstange an sich reißt, tränkt im gleichen Augenblick mit seinem Blut die Fahne, die zerbricht und zerreißt.“
Gelegentlich lässt der Schlachtbeobachter mitten im Getümmel, im Sturm von Eisen, Schwefel und Blei, in Feuergarben, die die Luft von allen Seiten wie Blitze durchzucken, Augenblicke des Mitgefühls aufscheinen. Einem Unteroffizier wird ein Arm zerquetscht, das Blut strömt aus der Wunde. Unter einem Baum hingestreckt, wird er von einem Soldaten aufs Korn genommen, aber ein Offizier gebietet ihm Einhalt, geht zu dem Verwundeten, drückt ihm mitfühlend die Hand und lässt ihn an einen sicheren Platz bringen. Es ist ein seltener, ein kostbarer Augenblick. Henri Dunant merkt an, dass die Tiere menschlicher seien als die Menschen. Die Pferde vermieden es, die auf dem Schlachtfeld liegenden Verwundeten mit ihren Hufen zu treffen.
Viele Verwundete mussten verdursten
Für den Kriegshistoriker endet die Schilderung mit der Entscheidung der Schlacht, aber für Dunant, dem das Schicksal der Verwundeten am Herzen liegt, ist dies der Augenblick, in dem seine Arbeit beginnt. Während der Kampfhandlungen werden verwundete Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten von Ambulanzen versorgt. Auf Hügeln aufgepflanzte rote Wimpel bezeichnen die Plätze, wo sie behandelt werden. Die Lazarette sind durch schwarze Flaggen gekennzeichnet. Obwohl eine stillschweigende Übereinkunft besteht, nicht in diese Richtung zu schießen, schlagen dort immer wieder Bomben ein. Am Abend und in der Nacht beginnen die Soldaten, nach Kameraden, Landsleuten und Fremden zu suchen. Finden sie einen Soldaten, den sie kennen, so versuchen sie, ihn wiederzubeleben, und versorgen ihn, so gut sie können.
Aber es fehlt an Wasser. Viele Verwundete verdursten in unmittelbarer Nähe der kampierenden Truppe: „Ein Tiroler, der nicht weit von ihrem Biwak stöhnte, richtete flehende Bitten an sie, die nicht erfüllt werden konnten, weil es kein Wasser gab. Am nächsten Morgen fand man ihn tot, mit Schaum vor dem Mund voller Erde, sein aufgedunsenes Gesicht war grün und schwarz. Bis zum Morgen hatte er sich in schrecklichen Krämpfen gewälzt, die Nägel seiner zusammengekrampften Hände waren zurückgebogen.“
Der Anblick ist schwer zu ertragen
Die sich nach der Schlacht zurückziehenden Armeen schleppen einen Tross von Verwundeten hinter sich her, viele von ihnen bleiben stöhnend auf der blutgetränkten Erde zurück. Nachdem sich die Truppen vom Schlachtfeld zurückgezogen haben, beginnt die Suche nach den Verwundeten, die unter den Leichenbergen liegen. Soldaten suchen ihre Kameraden, aber die sie nicht kennen, lassen sie liegen. Aus den umliegenden Ortschaften, Castiglione, Magenta, Montechiaro, Volta, wo schon Tausende von Verwundeten in Spitälern, Kirchen und Privathäusern liegen, machen sich einige Bewohner auf den Weg, um Verwundete, die man vergessen hat, zu finden und sie dorthin zu bringen, wo ihnen vielleicht noch geholfen werden kann. Bei dieser Suche begegnen die Helfer einer besonderen Art von Besuchern des Schlachtfelds, den Kriegstouristen.
Ohne helfen zu wollen, befriedigen sie ihre Neugier sogar in den Kirchen, wo die Verwundeten liegen. Die Szenerie wird jeden Tag düsterer. Die Leichen beginnen zu verwesen, die Verwundeten bleiben in der verseuchten Luft des Schlachtfelds liegen. Henri Dunant organisiert die Hilfe der Frauen von Castiglione. Ihr Mitleid mit den Verwundeten ist groß, aber die Möglichkeiten zu helfen sind gering. Je weniger man helfen kann, desto schwerer ist der Anblick der Verwundeten zu ertragen.
Dennoch erlahmt die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung nicht. Es fehlt aber an medizinischen Kenntnissen, an Arzneien und Instrumenten. Der Anblick von Leidenden, denen nicht mehr zu helfen ist, wird immer bedrückender. Die Verwundeten, die man in die Krankenhäuser bringt, klagen, dass die Hilfe zu spät komme, um sie vor Amputationen zu bewahren, vielleicht auch zu spät, um deren tödlichen Ausgang zu verhindern: „Wenn man mich früher versorgt hätte, müsste ich nicht sterben.“ Manche reißen ihren Verband ab, um ihr Ende zu beschleunigen. Mit der Zeit beginnen die Helfer die Kategorien zu ignorieren, nach denen man die Verwundeten einzuteilen pflegte: Offiziere, Soldaten, Österreicher oder Franzosen. Sie folgen nun dem Beispiel Henri Dunants und hören auf, die Leidenden nach Nationalitäten zu sortieren: „Tutti fratelli“, alles Brüder, ist jetzt die Devise. Man will die Qualen lindern und den Verwundeten ihren Lebensmut zurückgeben, das ist alles. Die mitleidigen Helfer verspüren so etwas wie Durst, möglichst vielen zu helfen. Das quälende Gefühl, nicht helfen zu können, wenn Hilfe nottut, verlangt nach einer neuen Moral, in deren Mittelpunkt das menschliche Leben steht und sonst nichts.
Die eigentlichen Helden sind die Helfer
Drei Jahre, schreibt Henri Dunant, hätten verstreichen müssen, ehe er die grauenvollen Erinnerungen an die Schlacht von Solferino und an ihre Verwundeten niederschreiben konnte. Wie er im Vorwort zur zweiten Auflage seines Buches sagt, hatte er zunächst nicht an eine Veröffentlichung gedacht. Dann aber gab er dem Drängen von vielen Seiten nach und legte seine zunächst als Privatdruck erschienene Schrift wieder auf. Mit dieser zweiten Auflage wendet er sich nun an die Öffentlichkeit, um mit ihrer Hilfe sein Ziel zu erreichen. Seine Schilderungen, schreibt er, seien nur ein blasses Bild der Erfahrung jener Tage. Noch immer zerreiße es ihm das Herz, wenn die Erinnerung an eine einzelne Szene plötzlich ein unerwartetes Detail wieder auftauchen lasse, das sein Mitgefühl erregt und ihn erschüttert. Seine Schlachtbeschreibung sollte die Aufmerksamkeit human und philanthropisch gesinnter Menschen auf das Schicksal der Verwundeten lenken. Eine verborgene Welt sollte erschlossen werden. Mit seiner Schilderung der Hilfsbereitschaft der Bevölkerung wollte Henri Dunant vor allem auf das Organisationsproblem aufmerksam machen, das den Schlüssel zur zukünftigen Praxis enthielt. Mitleid und Organisation sollen zu einer neuen Form der Hilfe, der organisierten Hilfe, verbunden werden, die die Grenzen der Nationen überschreiten würde.
An die Stelle der Kriegs- und Schlachtbegeisterung war eine melancholische Stimmung getreten, die auch ihre Helden hatte. Henri Dunant rühmt die Ritterlichkeit des französischen Marschalls Mac-Mahon, der die Sorge um die Verwundeten gleich welcher Nationalität als Aufgabe erkannte. Er berichtet auch von einem reichen Marquis, der nach der Schlacht nach Italien aufbrach, um als Philanthrop den verwundeten Soldaten zu helfen. Ein anderer Franzose, der gekommen ist, um den französischen Opfern beizustehen, kümmert sich bald auch um die Österreicher, denen er mit allen Mitteln zu helfen sucht, obwohl ein österreichischer Offizier ihm vor fünfundvierzig Jahren übel mitgespielt hat. Die eigentlichen Helden nach der Schlacht aber sind neben den Chirurgen und den berufsmäßigen Helfern die Bewohner der Orte am Rande des Schlachtfelds, die allen Verwundeten ohne Unterschied helfen.
Freiwillige Hilfeleistung gab es auch früher
Dunant spricht von einer europäischen Katastrophe. Zu den vierzigtausend Soldaten und Unteroffizieren, die am 24. Juni fielen, kamen in den folgenden Tagen und Wochen mindestens noch einmal so viele Tote. Es waren Verwundete, die man durch eine besser organisierte Hilfe vielleicht hätte retten können. In seiner Schlussbetrachtung ruft der Verfasser der Erinnerungen an Solferino dazu auf, eine gewisse Zeit der Ruhe eintreten zu lassen, um über eine Frage von großer Bedeutung für die Menschheit und für das Christentum nachzudenken. Einen Moment lang innezuhalten sei schon ein Teil der Lösung. Damit fähigere Männer sich des Problems annehmen könnten, müsse es zunächst einmal erkannt werden.
Dunants Aufruf richtete sich nicht an eine einzelne Nation, sondern an die „verschiedenen Zweige der großen europäischen Familie“, an alle, die durch die Leiden ihrer Mitmenschen angerührt wurden. Diese Männer wollte er in freiwillige Gesellschaften der Hilfe zusammenführen, deren Aufgabe es wäre, in Kriegszeiten die Verwundeten zu versorgen oder versorgen zu lassen. Henri Dunant charakterisierte die geplante Hilfsorganisation als eine Armee, eine schlummernde Truppe, die bei Kriegsbeginn erwachte. Ein Komitee aus angesehenen Personen, die von „Gefühlen wahrer Philanthropie“ geleitet waren, sollte an ihrer Spitze stehen.
In seinem Appell beruft sich Henri Dunant auf eine Reihe großer Vorläufer, auf Karl Borromäus, den Erzbischof von Mailand, der 1576 den Pestkranken Hilfe leistete, auf John Howard, der überall in Europa die Gefängnisse, Lazarette und Spitäler inspizierte, auf Schwester Barbe Schnyder, die sich 1799, als fremde Truppen ihr Land heimsuchten, um die Verwundeten beider Seiten kümmerte, auf Schwester Marthe in Besançon, die 1813 bis 1815 die Verwundeten der Kriegsparteien versorgte. In jüngster Zeit war der Krimkrieg in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß Schauplatz freiwilliger Hilfeleistung gewesen.
Die Hilfe musste mit der Militärtechnik Schritt halten
Angeführt von der Großfürstin Helena Pawlowna, geborene Charlotte von Württemberg, waren dreihundert russische Damen angereist, um in den Lazaretten zu helfen, und im November 1854 war Florence Nightingale mit siebenunddreißig englischen Damen eingetroffen, um Verwundete zu pflegen. Das Bild der „lady with the lamp“, die mit einem Licht in der Hand durch die Nacht eilt und die Zustände in den Militärspitälern inspiziert, hat sich tief eingeprägt. Die Soldaten auf der Krim sollen gesagt haben: „Wir küssten ihren Schatten, wenn er vorüberstrich.“
Noch nie, erklärte er, sei in einem Krieg die spontane Barmherzigkeit so groß gewesen. Aber die zerstreuten Initiativen Einzelner müssten zu „kollektiver und organisierter Sympathie“ zusammenwachsen, die Hilfe müsse beschleunigt werden, um mit der Kriegstechnik Schritt zu halten. Die von ihm geplante Hilfsorganisation stand in Konkurrenz mit einer sich kräftig entwickelnden Kriegsmaschinerie.
Die freiwillige Hilfe zu organisieren, war eine Forderung von Zivilisation und Humanität, und das Ziel schien so evident, dass sich kein human Gesinnter ihr verweigern konnte. Es war, wie Dunant betont, ein Anliegen der ganzen Welt, der Menschen aller Länder und jeden Ranges. Henri Dunant sah voraus, dass eine Zeit großer Kriege bevorstand: „Müssen nicht in diesem Jahrhundert“, fragt er am Ende seines Buches, „in dem das Unvorhergesehene eine so große Rolle spielt, die Kriege ganz plötzlich und unvorhergesehen ausbrechen?“
Dunant wurde schnell vergessen
Schon ein Jahr nach der Veröffentlichung seiner Erinnerungen an Solferino trat in Genf die erste Rotkreuzkonferenz zusammen. Am 22. August 1864 wurde die Genfer Konvention verabschiedet, es entstanden nationale Komitees, völkerrechtliche Verträge wurden geschlossen. Als Symbol wählte man das rote Kreuz auf weißem Grund. Kaum je hat ein Privatmann bei der Durchsetzung einer humanitären Idee einen so raschen Erfolg gehabt. Dunants Grundsätze wurden in zwischenstaatlichen Verträgen ratifiziert: Gleiche Behandlung von Freund und Feind, besonderer Schutz des Sanitätsdienstes im Feld und völkerrechtliche Anerkennung der freiwilligen Sanitätshilfe. Auch das Prinzip der freiwilligen Hilfe, deren Impuls aus der unmittelbaren menschlichen Teilnahme beim Anblick der Leidenden kam, wurde ausdrücklich anerkannt.
Henri Dunants Weltruhm als Gründer des Roten Kreuzes steht in merkwürdigem Gegensatz zu seinem abenteuerlichen Leben, in dem sich, immer in Verbindung mit riskanten finanziellen Operationen, ein Projekt der Menschheitsbeglückung an das andere reihte. So war er der erste, der einen Plan zur Ansiedlung der Juden in Palästina entwickelte und für die Neugründung des jüdischen Staates eintrat. Obwohl nicht Jude, trat er der von Adolphe Crémieux geführten „Alliance israélite universelle“ bei, um dort für seine Idee zu werben. Ein halbes Jahrhundert vor Theodor Herzl legte Henri Dunant seinen Plan den Großmächten vor, die Garantien für seine Verwirklichung übernehmen sollten. Napoleon III. und der Sultan sicherten ihm Unterstützung zu.
Da er jedoch bei den Juden in Frankreich nur geringes Echo fand, ging er Ende der fünfziger Jahre nach Berlin, um dort für seine Idee eines jüdischen Staats in Palästina zu werben. Er hatte dort größeren Erfolg als irgendwo sonst. Im Jahre 1866 plante er eine „Société internationale pour la rénovation de l’Orient“, ein Vorhaben, das er nicht weiterverfolgen konnte, da seine geschäftlichen Unternehmungen 1868 scheiterten. Er wurde wegen betrügerischen Bankrotts verurteilt, verlor sein gesamtes Vermögen und irrte nun, von der Öffentlichkeit vergessen, in Europa umher. Man hielt ihn für tot, bis eine Zeitung ihn 1895 ausfindig machte: „Der Gründer des Roten Kreuzes lebt.“ 1901 erhielt Henri Dunant zusammen mit dem Franzosen Frédéric Passy den zum ersten Mal verliehenen Friedensnobelpreis.
Gelebter Christlicher Glaube
Wilhelm Arnold (Wilhelm.Arnold)
- 18.02.2013, 13:46 Uhr
Gutmenschen
Bernd E. Scholz (Vepchi)
- 18.02.2013, 12:52 Uhr
Der Mann war einfach genial
joachim tarasenko (truthful)
- 18.02.2013, 10:58 Uhr
Dunant, wohl der einzige der den Friedensnobelpreis wirklich verdient hat.
Mario Meier (Tell_me)
- 18.02.2013, 10:16 Uhr