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Heidegger-Konferenz : So sieht Denken aus

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Er lässt seine Gegner nicht los: Martin Heidegger Bild: © epd-bild / akg-images

Auf einer Siegener Tagung zu Heideggers „Schwarzen Heften“ waren fast nur Gegner des inkriminierten Philosophen geladen. Wie kam es, dass sie trotzdem mit einem Punktsieg Heideggers endete?

          Wäre der Weltgeist nicht tot, man müsste vermuten, er habe sich vom 22. bis zum 25. April am philosophischen Institut der Universität Siegen herumgetrieben. Wer auch immer es gewesen sein mag, der hier eine allzu merkliche Absicht durch seine verborgene Regie erfolgreich hintertrieb, er hatte Sinn für Dialektik. Und für Komik. Oder ist es nicht komisch, wenn eine „kritische“ Tagung zu den „Schwarzen Heften“ Martin Heideggers, zu der kein einziger Fürsprecher eingeladen worden war, mit einem Punktsieg für Heidegger endete?

          Um Heideggers Ruf ist es so schlecht bestellt wie nie zuvor. „GA 94-97“ ist zur Chiffre eines philosophischen Skandals geworden, aus gutem Grund. Die Hefte voll erschütternder Sätze, sei es über die „seinsgeschichtliche Mission“ des deutschen Volkes, die „Selbstvernichtung des Jüdischen“ oder das quasi-genozidale Verbrechen, das der Entzug seiner Lehrerlaubnis für das Abendland bedeute, hatte Heidegger ja nicht nur in offensichtlicher Verstiegenheit privat verfasst, sondern nach dem Krieg auch säuberlich in Reinschrift gebracht und verfügt, sie sollten den Schlusstein der monumentalen, minutiös geplanten Gesamtausgabe bilden. Ein Rufselbstmord erster Güte. Umso erstaunlicher also, dass der erste Versuch, Heideggers Denken im Licht der „Schwarzen Hefte“ neu zu vermessen, vor allem ein Ergebnis hervorgebracht hat: offene Fragen.

          Ein Grund dafür mag die subtile Idee der unsichtbaren Regie von Sidonie Kellerer und Marion Heinz (beide Siegen), die die Tagung konzipierten, gewesen sein, die Veranstaltung unter das - 1953 von Jürgen Habermas in dieser Zeitung ausgerufene - Motto „mit Heidegger gegen Heidegger“ zu stellen. Nur war das nicht allen Akteuren klar. Das Drama entfaltete sich nämlich nicht im offenen Kampf pro und contra Heidegger, sondern innerhalb des kritischen Lagers: Die einen Kritiker hatten einen feinen Sinn dafür, dass nichts einen Geist stärker beschwört als seine totale Verneinung; die anderen hatten ihn nicht.

          Technikkritischer Antisemitismus?

          Heidegger ließ es nicht nur geschehen, dass seine Philosophie als Ereignis wahrgenommen wurde. Er wollte sie genau so verstanden wissen. Ein Denken, das um die Faktizität des menschlichen Daseins kreiste, schien seine Entsprechung in einem auffälligen Philosophenkörper zu finden, der sich anders kleidete, anders sprach und mit den Schülern andere Dinge tat - Gadamer folgte dem Ruf an die Zweimannsäge, Hannah Arendt dem ins Bett - als die kopftragenden und federhalterbewegenden Knochengerüste seiner Kollegen.

          In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen Richard Wolin und Martin Heidegger. Wolin ist ein redlicher Wissenschaftler, der Heidegger nichts vorwerfen würde, was dieser nicht selbst in die Welt hinausgerufen hätte: etwa dass er die Autonomie des Subjekts geleugnet hat; oder dass seine Philosophie nicht als normatives Fundament der Demokratie taugt. Unter Wolins „Influences“ verzeichnet Wikipedia einen einzigen Namen: Habermas. An seinem Körper fällt auf, dass er es nicht auf seinem Sitz aushält. Seit Beginn des Vortrags schon wandert Wolin im hintersten Winkel des Tagungsraumes hin und her, schüttelt mal den Kopf, lacht mal in den Brustkorb hinein, um dann wieder wie erstarrt das Rednerpult zu fixieren.

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