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Sachbücher des Jahres

Hegel-Preis für Michael Tomasello Wie die Kinder

Freiwillige Kooperation ist der zentrale Begriff der Forschungen des Entwicklungspsychologen Michael Tomasello, der am Mittwoch den alle drei Jahre verliehenen Hegelpreis der Stadt Stuttgart entgegennahm. Auch die anschließenden Feier erwies sich als Beleg seiner Theorie.

© ddp Vergrößern Michael Tomasello

Als der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster zum Abschluss die Gäste mit der Bemerkung ans Büfett bat, dieses Büfett sei auch ein Beispiel für freiwillige Kooperation, kam es im großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses zu einem akustischen Ereignis. Durch den Saal ging, was jeder Anwesende sofort als ein raunendes Lachen identifizieren konnte, eine spezifische Art von Mitteilung: eine Form nonverbaler Artikulation eines den meisten Mitgliedern einer Versammlung gleichzeitig in den Sinn kommenden Gedankens. Der Nicht-Stuttgarter im Publikum verstand, dass er es mit einer solchen Mitteilung zu tun hatte. Er verstand aber nicht, was mitgeteilt wurde.

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Freiwillige Kooperation ist ein zentraler Begriff der Forschungen des Entwicklungspsychologen Michael Tomasello, der am Mittwoch den alle drei Jahre verliehenen Hegelpreis der Stadt Stuttgart entgegennahm. Mit der Aufnahme des Begriffs im heiteren Moment des Übergangs zum geselligen Teil des Abends erwies der Oberbürgermeister dem Preisträger die Ehre, dessen Theorie spielerisch in die Alltagswirklichkeit zu überführen.

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Den Alltag wiedererkennen

Zu diesem Zweck bediente sich Schuster eines aus solchen Ansprachen vertrauten Mittels: Er machte offenkundig eine Anspielung, nahm Bezug auf etwas, was er nicht erwähnen musste, was die Stuttgarter im Saal sofort vor dem geistigen Auge hatten, als der Redner die konkrete Vorstellung des wartenden Büfetts und die abstrakte Fügung der freiwilligen Kooperation verknüpfte. Was war das? Nichts Weithergeholtes. Etwas Aktuelles. Stuttgart 21? Der Nicht-Stuttgarter konnte nur raten oder hinterher die Stuttgarter fragen.

toma © ddp Vergrößern Michael Tomasello bei der Verleihung des Hegel-Preises

Die menschliche Kommunikation setzt, wie Michael Tomasello in seinem vielbeachteten, soeben bei Suhrkamp in deutscher Übersetzung erschienenen Buch über ihre Ursprünge (siehe Sprachentstehung: Mit der Pantomime ist schon viel gesagt) darlegt, einen gemeinsamen Hintergrund des geteilten Wissens voraus. In eine Faszination, die man kindlich nennen möchte, wird der Tomasello-Leser versetzt, weil er in den Elementarsituationen, die der Direktor der Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie durch Experimente mit Schimpansen und Kleinkindern herauspräpariert, seinen eigenen komplizierten Alltag wiedererkennt.

Das gilt auch für den Zeitungsredakteur. Beispiel: Eine Zeitung macht eine Umfrage unter Intellektuellen. Von einem berühmten Befragten erhält die Redaktion die Antwort: „Sie erwarten sicher nicht, dass ich Ihre Fragen beantworte.“ Mit Tomasello gelesen, setzt diese Mitteilung stabile Kommunikationsverhältnisse voraus, die es möglich machen, Bedingungen im Einzelfall ausdrücklich für ungültig zu erklären, ohne die es nie zu diesen Verhältnissen gekommen wäre. Der gemeinsame Hintergrund gelingender Kommunikation schließt nach Tomasello nicht nur geteiltes Wissen, sondern auch geteilte Verhaltenserwartungen ein. Menschen (und nur Menschen) fragen, weil sie erwarten dürfen, eine Antwort zu bekommen. Sie setzen voraus, dass der Gefragte ein Interesse hat, die Antwort zu geben, weil der Frager seinerseits ein Interesse hat, die Antwort zu bekommen. Wo die Unterstellung ausgesprochen wird, dieses Interesse existiere gar nicht, liegt wohl eine grobe Unhöflichkeit vor - entweder in der ursprünglichen Frage oder in der verweigerten Antwort.

Die Versuchung des Kulturrevolutionismus

Die Freude an der Kooperation, am gemeinschaftlichen Wollen, weist Tomasello schon bei einjährigen Kindern nach, als Mitgift der Natur beziehungsweise der Evolution. Wenn also in diesem Sinne der Altruismus angeboren ist und Tomasello insofern in seiner Dankrede Rousseau gegen Hobbes ins Recht setzte, so ist deshalb der kulturellen Evolution doch nicht das Telos eines universellen Gutmenschentums eingeschrieben. Dass man sich darauf verlassen kann, auf eine Frage in der Regel eine Antwort zu erhalten, regt zur Erfindung der Varianten des Ausweichens an, der listigen Alternativen zur brüsken Antwortverweigerung, also der meisten Kulturtechniken des Diskurses.

Es war bemerkenswert, dass jeder der drei Redner in Stuttgart der Versuchung widerstand, aus Tomasellos Theorie einen optimistischen Kulturevolutionismus, einen Anti-Vulgärdarwinismus, abzuleiten: der Preisträger, obwohl er in amerikanischer Manier das Inspirierende und Motivierende seiner Anthropologie herausstrich, der Oberbürgermeister, indem er die politische Nutzanwendung im spielerischen Modus vornahm, und der Laudator Jürgen Habermas, der alles, was seiner eigenen Theorie aus Tomasellos naturwissenschaftlichen Befunden an überraschender Bestätigung zuwächst, in vollendeter Höflichkeit implizit ließ - als hätte er gar nicht erwartet, bei Tomasello Antworten auf die eigenen Fragen zu finden.

Quelle: F.A.Z.

 
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