07.02.2012 · Große Bücher und kleine Form: Eine Berliner Tagung widmet sich einigen Facetten im Werk des Philosophen Hans Blumenberg.
Von Helmut MayerDer Philosoph Hans Blumenberg war dem Konjunktiv, dem Indirekten und den Umwegen der Erkenntnis zugeneigt. Weshalb man gar nicht unbedingt erwartet, bei ihm direkt formulierte Bestimmungen des philosophischen Geschäfts zu finden. Es gibt sie aber durchaus, etwa im Auftakt zum letzten seiner großen Bücher, bevor er sich ganz auf die kleine Form zurückzog, den 1989 erschienenen "Höhlenausgängen". Philosophie heißt es dort, sei "der Inbegriff von unbeweisbaren und unwiderlegbaren Behauptungen, die unter dem Gesichtspunkt ihrer Leistungsfähigkeit ausgewählt worden sind". Diese Behauptungen könne man als Hypothesen verstehen, die freilich keine "Anweisungen für mögliche Experimente oder Observationen enthalten, sondern ausschließlich etwas verstehen lassen, was uns sonst als ganz und gar Unbekanntes und Unheimliches gegenüberstehen müsste".
Das war mit Blick auf jenen "speläologischen ,Modellversuch'" formuliert, der die "Höhlenausgänge" einleitet: Der Versuch, die Anziehungskraft von Höhlenszenarien durch einen Rückgang in "anthropologische Zeitraumtiefe" zu verstehen; das notwendig spekulative Unterfangen, entscheidende Einschnitte in der frühen Gattungsgeschichte, ja sogar der ihr vorausliegenden Geschichte des Lebens fassbar zu machen. Blumenberg wollte von dort her die Funktion des Schutzraums der Höhle bestimmen, als Ort, an dem die Weichen für eine menschliche Kultur gestellt werden, die nicht mehr nur in der bedrängten Lebensfristung aufgeht.
Als man sich jetzt am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung mit Schwierigkeiten bei der Lektüre Hans Blumenbergs befasste, schwenkten die Beiträge oft auf die Frage nach dem Stellenwert von dessen anthropologischen Vergewisserungen ein. Womit nicht nur der Auftakt der "Höhlenausgänge" in den Brennpunkt geriet, sondern auch der zweite Teil der unter dem Titel "Beschreibung des Menschen" erst aus dem Nachlass publizierten und bis in die Mitte der siebziger Jahre - im Umkreis der Entstehung von "Arbeit am Mythos" - zurückgehenden Texte.
Pini Ifergan (Jerusalem) ging dabei recht resolut zu Werke, indem er zuerst den Metaphorologen vom spekulativen Anthropologen Blumenberg abhob, um dann den einen im anderen fast bruchlos aufgehen zu sehen. Die gegen ihre begriffliche Auflösung resistenten und gerade deshalb für menschliche Weltbewältigung aufschlussreichen Metaphern oder Bildfelder wären dann letztlich nur ein weiterer Beleg für die von Blumenberg "anthropologisch" unterbaute Einsicht, dass sich der aus dem Rahmen passgenauer Einfügung in seine Umwelt herausfallende Mensch indirekte Weisen der halbwegs robusten Verortung in der Welt zurechtmacht.
Für ein solch übersichtliches Bild muss man freilich weit zurücktreten und wohl auch manchen Text unbeachtet lassen. Zuvörderst schon die Schwierigkeit, auf die Robert Buch (Sidney) mit Anmerkungen zum gar nicht so klaren Umriss der "Höhlenausgänge" hinwies. Zwar ist bei all den Bildern von Gefangenschaften, die auf die Auslegung von Platons Höhlengleichnis folgen, von Um- und Gegenbesetzungen die Rede. Aber das Modell der obsolet werdenden Antworten auf nicht zu sistierende Fragen, wie es Blumenbergs ursprüngliche Aufmerksamkeit für Metaphern grundierte, weicht einer idiosynkratischen ideengeschichtlichen Reihung, in der ironisch-skeptische Akzentsetzungen und Parteinahmen nicht nebensächlich sind.
Blumenbergs Überlegungen zur Frühgeschichte des Menschen hatte auch Rebekka Klein (Halle-Wittenberg) im Blick. Man solle sie, so lautete ihr Plädoyer, durchaus und gegen einige neuere kulturwissenschaftliche Anverwandlungen Blumenbergs auf der von Autoren wie Helmuth Plessner, Max Scheler und Arnold Gehlen eröffneten Bahn der philosophischen Anthropologie lesen: als Begründung, warum von einer kulturellen Natur des Menschen genauso wie von einer natürlichen Kultur die Rede sein könne. Darin stimmte ihr auch Angus Nicholls (London) zu, der ebenfalls auf Blumenbergs Streifzüge durch paläoanthropologische, verhaltensbiologische und auch neurowissenschaftliche Literatur hinwies - und sich die Rolle eines Zeugen, nämlich Paul Alsbergs, etwas genauer ansah.
Denn auf den ersten Blick überraschend ist es ja, dass Blumenberg in den siebziger Jahren auf ein Buch von 1922 mit dem vollmundigen Titel "Das Menschheitsrätsel" so viel Gewicht legte. Der Mediziner Alsberg rückte dabei wohl als Wegbereiter zentraler Einsichten der philosophischen Anthropologie in die erste Reihe. Tatsächlich ist von Alsbergs Prinzip der "Körperausschaltung" - es meint die Ablösung von einem unmittelbar am Körper angreifenden Selektionsdruck durch Techniken der Distanzierung und Werkzeuge aller Art - die Verbindung zu Gehlen leicht geschlagen, dessen Bestimmung des Menschen als "Mängelwesen" für Blumenberg zentral blieb.
Im Kern ist der Gedanke, dass die Menschwerdung mit der Schaffung einer zunehmend kulturell imprägnierten Umwelt einhergeht, welche die im engeren Sinn biologische Adaptation überformt, in der modernen evolutionären Anthropologie kaum strittig. Was Blumenberg an Alsberg ins Auge stach, waren aber gerade die spekulativen Überschüsse. Nicht zuletzt der "fiktive Held" von Alsbergs Urszene - ein herbeideduzierter "Pithekantropogeneus" -, der zum ersten Mal darauf kommt, einen Stein zu werfen - und sich damit auch als Symbolfigur für Blumenbergs These vom Distanzgewinn als zentralem Moment auf dem Weg zu Vernunft, Begriff und Zeitvertreib eignet. Auf die Signifikanz der Geschichte kam es an, da störte ihr fiktiver Charakter nicht. Zumal definitive Belege auf dem Feld dieser Annäherung an die Ursprünge ohnehin nie zu haben sein werden.
Was Blumenberg für diese Annäherung aufbot, steht unter dem Titel einer phänomenologischen Anthropologie. Manfred Sommer (Kiel) fiel es zu, die beständige Variation phänomenologischer Einsichten bei Blumenberg gebührend herauszustreichen. Auch und gerade dann, wenn die hypothetischen Szenarien der Menschwerdung ins Spiel kommen. Auf der einen Seite gibt die phänomenologische Vergewisserung die entscheidenden Winke, worauf es dabei angekommen sein muss; auf der anderen Seite soll die anthropologische Erkundung die Voraussetzungen erhellen, die erfüllt sein müssen, damit eine solche reflexive Vergewisserung überhaupt in Gang kommen konnte. Elementar eigentlich die Einsichten, die dabei ins Spiel kommen, und doch gnadenlos verdichtet und voraussetzungsreich die einschlägigen Texte, wie selbst der durch Blumenbergs phänomenologische Schule gegangene Sommer einräumte.
Von solch irritierender Konfrontation mit richtiger philosophischer Anstrengung versprachen Versuche Erholung, Blumenberg über die Erhellung von Diskussionszusammenhängen näherzukommen. Herbert Kopp-Oberstebrink (Berlin) tat das mit Blick auf Jacob Taubes' resolute Einsprüche gegen Blumenbergs programmatischen Beitrag zum Kolloquium der Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik im Herbst 1968 über "Probleme der Mythenrezeption". Zu erschließen war daraus noch nicht, was die vorbereitete Edition des Briefwechsels zwischen Taubes und Blumenberg an Aufschlüssen bieten wird können.
Ulrich von Bülow (Marbach) gab schließlich einen knappen Einblick in den Nachlass, insbesondere in die Mappen, die Beobachtungen an drei Wassermetaphern gewidmet sind und demnächst als jüngste Edition aus dem Nachlass unter dem Titel "Quellen, Flüsse, Eisberge" vorliegen werden. Die "Quellen" konnte man bereits im ersten Heft der Marbacher Reihe "Aus dem Archiv" kennenlernen (F.A.Z. vom 17. Dezember 2009). Es sind Editionen, die in die Textwerkstatt Blumenbergs führen, zu den thematischen Kladden, einer umfangreichen Sammlung lediglich chronologisch aneinander gereihter kurzer Texte und dem Stellwerk der annähernd dreißigtausend Karteikarten. Imponierend und etwas unheimlich, aber auch mit köstlichen Registerwechseln, Ausgangspunkt nicht zuletzt auch der kleineren Bücher, die das Anekdotische als Anlass knapper Exegesen nicht verschmähen, dem sich Rüdiger Zill (Potsdam) eingangs gewidmet hatte. Dass die "Eisberge" nun fast genau zum hundertsten Jahrestag des Untergangs der "Titanic" erscheinen, hätte Blumenberg vielleicht zu einem weiteren Blatt oder Kärtchen angeregt.