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Habermas über Dahrendorf : Die Liebe zur Freiheit

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Ralf Dahrendorf an seinem 80. Geburtstag Bild: dpa

Er lebt, denkt und schreibt aus der Erfahrung einer Generation, der es nicht möglich war, zur Zäsur von 1945 nicht Stellung zu nehmen: Eine Oxforder Rede zum achtzigsten Geburtstag von Ralf Dahrendorf.

          Ich verspüre an diesem Ort eine ganz ungewohnte patriotische Regung und möchte die hiesigen Kollegen daran erinnern, dass es für Ralf Dahrendorf ein Leben vor dem Leben in London und Oxford gegeben hat - und dass sein Doppelleben in der deutschen Parallelwelt bis heute ein starkes Echo findet. Dahrendorf hat Deutschland als Intellektueller und Zeitdiagnostiker, als wissenschaftlicher Autor und geistesgegenwärtiger Publizist nie verlassen. Erst als aus dem Soziologieprofessor ein Lord wurde, haben wir zur Notiz nehmen müssen, dass er, der ja ohnehin in der übrigen Welt anhaltend präsent ist, in England vielleicht einer Nebenbeschäftigung nachgeht.

          Dahrendorf ist auch nicht erst in der angelsächsischen Welt zum Star geworden. Er war es schon bei meiner ersten Begegnung vor vierundfünfzig Jahren. Helmut Schelsky hatte 1955 den soziologischen Nachwuchs nach Hamburg eingeladen. Ich war nur als Journalist zugegen, der für die F.A.Z. über den öffentlichen Auftritt der jungen Garde berichten sollte. Fast alle später bekannt gewordenen Soziologen unserer Generation waren versammelt. In diesem aus der Retrospektive auf die alte Bundesrepublik erlauchten Kreis stellte ein Privatdozent aus Saarbrücken alle anderen in den Schatten. Dieser konstruktive Geist, der lieber mit idealtypischen Stilisierungen Klarheit schafft als mit hermeneutischer Kunst jongliert, fiel durch seine wuchtige Eloquenz ebenso auf wie durch ein kompromissloses, Autorität beanspruchendes Auftreten und die etwas kantige Art des Vortrages. Was Dahrendorf aus diesem Kreis auch heraushob, war das avantgardistische Selbstbewusstsein, mit alten Hüten aufzuräumen.

          Ohne ihn kein Positivismusstreit

          Der Vorsprung auf der Karriereleiter war imponierend genug. Der damals Sechsundzwanzigjährige war bereits habilitiert, nachdem er zunächst als Philosoph und Altphilologe eine Dissertation über Marx abgeschlossen und anschließend an der London School of Economics im Fach Soziologie den für uns damals exotischen Grad eines PhD erworben hatte; und alsbald wurde er als jüngster Ordinarius nach Tübingen berufen. Was ihm den größten Respekt seiner Altersgenossen sicherte, waren aber sein fachliches Wissen, die Vertrautheit mit der englischsprachigen Diskussion und das Bewusstsein, mit einer konflikttheoretisch zugespitzten Kritik an Talcott Parsons, der damals die internationale Szene beherrschte, an der Forschungsfront zu sein - während uns Hinterbänklern die Lektüre von Parsons selbst noch bevorstand.

          Die Stoßrichtung der Kritik war klar. Soziale Konflikte, die letztlich immer in Herrschaftbeziehungen begründet sind, treiben die gesellschaftliche Dynamik an; sie sind etwas Wünschenswertes und müssen nicht gelöst, sondern institutionalisiert und in ziviler Form ausgetragen werden. Den gleichaltrigen Kollegen hat Dahrendorf in den fünfziger und frühen sechziger Jahren das Niveau der wissenschaftlichen Diskussion vorgegeben. Ohne ihn hätte es keine Debatte über die Rollentheorie, ohne seine Initiative hätte es auch keinen Positivismusstreit gegeben. Seine ersten Bücher, „Soziale Klassen und Klassenkonflikte in der industriellen Gesellschaft“ (1957), „Homo Sociologicus“ (1961) und „Gesellschaft und Freiheit“ (1961), sind inzwischen zu Klassikern geworden. Sie entfalten bereits die beiden Thesen, die den hartnäckig verfolgten und originellen Denkweg dieses entschiedenen Liberalen prägen werden.

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