Home
http://www.faz.net/-gqz-7311m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Großereignis in Stuttgart Im Wunderland der Kelten

Die Globalisierung ist eine keltische Erfindung: Stuttgart erforscht in zwei monumentalen Ausstellungen die aufregende Geschichte der antiken Volksgruppe und schwelgt dabei in Kostbarkeiten.

© Landesmuseum Württemberg Vergrößern Der Pferdekopf aus dem englischen Stanwick, 1. Jahrhundert v. Chr., ist aus Bronze gemacht

Sieben Kilo! Die Gewichtsangabe macht das Staunen über diesen riesigen silbernen Halsring noch größer. Menschen, zumal sie hundert vor Christus wesentlich kleiner waren als wir heute, können ihn unmöglich angelegt haben. War er einem Idol geweiht? Dann muss es im Gegensatz zu allen bisher bekannten keltischen Götterfiguren riesig gewesen sein. Und wen hätte ein solches Bildnis darstellen können? Vielleicht jene göttliche Frau, die, sie stets in der Mitte, in keltischen Ornamenten und Holzreliefs zwei spiegelbildlich sich aufbäumende Tiere - Hirsche? Pferde? - gepackt hält?

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Der Kommentar (man erfährt darin auch, dass der im württembergischen Trichtingen gefundene Ring einen Eisenkern birgt) der Stuttgarter Doppelausstellung über „die Welt der Kelten“ gibt an, dass die beiden Stierköpfe an den Enden des Halsreifs den Stiermasken auf den Säulen im Herrscherpalast von Persepolis gleichen. Persiens antike Hauptstadt und irgendein Nest am Rand der Welt auf einer Kulturstufe?

Was hat die Grinsekatze von Alice mit den Kelten gemein?

Die tierbändigende Keltengöttin identisch mit jener altorientalischen „Urmutter, die, von Archäologen verlegenheitshalber „Herrin der Tiere“ tituliert, über das minoische Kreta ins archaische Griechenland gelangt war und nun auch noch die Alpen zu den Kelten überquert hätte? Ein Schritt weiter, und die Assoziationen münden im schwammig schwärmerischen „Alles ist eins“ der Esoterik.

Also zurück zur Wissenschaft, die die verwirrende Verwandtschaft zwischen der keltischen und der übrigen antiken Welt von Italien bis zur Levante aufzuklären sucht. Für den sonst so knochentrockenen Duktus des Fachs überraschend originell bezeichnet sie die keltisch-orientalisch-mediterranen Mischformen als „Cheshire Style“. Das Wort prägte Paul Jacobsohn, der Nestor der Keltenforschung, als er 1944 einen schlüssigen Begriff für das Phänomen der blähbackigen starrenden Minigesichter suchte, in die keltische Künstler die Dämonen- und Satyrmasken Griechenlands und Etruriens umgeformt haben.

Große Landesausstellung "Die Welt der Kelten" in Stuttgart © epd Vergrößern Der Halsring, gefunden in Trichtingen, stammt aus dem 1. Jh. v. Chr., und ist aus Eisen mit Silberüberzug

Er kam auf die „Grinsekatze“ (Cheshire Cat) in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ - wie dieses sonderbare Wesen changieren nicht nur die Kopfornamente, sondern nahezu alle keltischen Kunstwerke zwischen Ländern, Stilen und Zeiten.

Zum Beispiel die 1941 entdeckte Röhrenkanne aus Brünn-Malmeritz, ein hölzernes bauchiges Gießgefäß, um 300 vor Christus angefertigt, übersponnen von einem bizarren Netz aus goldschimmernden Bronzebeschlägen. Was spontan an exzentrischen Jugendstil gemahnt, ist näher betrachtet ein Gewirr altorientalischer und griechischer Palmetten, Rosetten, Ranken, Tier- und Dämonenmasken, spezifisch keltisch verschlungen und gemischt aus frühen (hallstattzeitlichen) und weit späteren (latènezeitlichen) Stilstufen der Keltenkunst.

Landesausstellung "Die Welt der Kelten. Zentren der Macht - Kostbarkeiten der Kunst" © dapd Vergrößern Trinkhörner und Schalen aus dem Fürstengrab von Hochdorf aus dem Jahr 530 v. Chr. (rekonstruiert)

Das Mixtum Compositum gipfelt im Deckelhenkel, der als zusammengerollter Greif mit Schlangenkörper und Flamingokopf geformt ist.

Wie hier schufen die Kelten immer wieder Chimärengebilde. Oder wie sonst soll man jene schlanken Tongefäße beurteilen, die, gefunden in Gandaillat-Clermont-Ferrand, auf mal schwarzem, mal rotem Grund von elegant fließenden, weiß-schwarz gezeichneten Dekorationen überzogen sind, die sich bei näherem Hinsehen als (meist an Hirsche oder Pferde erinnernde) Phantasietiere zwischen wunderlichen Pflanzengespinsten herausstellen?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Anleihen Griechenlands Zinsen schießen in die Höhe

Griechenlands letzte private Kreditgeber machen sich immer mehr Sorgen um ihr Geld. Die Zinsen auf die Staatsanleihen steigen. Mehr

17.04.2015, 15:10 Uhr | Finanzen
Griechenland Ziegenbock stört Fußballspiel

Da hätten weder Torlinien-Technik noch Freistoß-Schaum geholfen: Ein äußerst sturer Ziegenbock hat massiv in ein Fußballspiel auf Kreta eingegriffen. Mehr

06.12.2014, 10:04 Uhr | Sport
Milliarden-Rückzahlung Griechenland bemühte sich um Aufschub von IWF-Zahlungen

Zahlt Griechenland, oder zahlt Griechenland nicht? Zumindest bemühte sich das Land um einen Aufschub beim Internationalen Währungsfonds. Doch der IWF brachte das Land von der Idee wieder ab. Mehr

16.04.2015, 12:38 Uhr | Wirtschaft
Europäisches Hilfsprogramm Griechische Reformliste hinterlässt positiven Eindruck

Politiker in Athen, Brüssel und Berlin sehen Chancen für die Reformvorschläge aus Griechenland. Mehr

24.02.2015, 15:59 Uhr | Politik
EU-Sondergipfel Tsipras will Merkel treffen

Griechenland droht das Geld auszugehen. Die EZB liebäugelt wohl damit, Notkredite einzuschränken, der Gasprom-Chef reist nach Athen. Nun bittet Regierungschef Tsipras die deutsche Kanzlerin zu einem Treffen. Mehr

21.04.2015, 15:03 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.09.2012, 20:41 Uhr

Zum Serientod von Dr. Derek Sheperd

Von Ursula Scheer

Der Schmerz weiblicher „Grey’s Anatomy“-Fans scheint grenzenlos, und unter #RIPMcDreamy lassen sie ihm auf Twitter freien Lauf. Dabei hatte Patrick Dempsey vielleicht einfach genug von Heldentaten im weißen Kittel. Mehr