Home
http://www.faz.net/-gso-7400h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Graduiertenkollegs Bücher? Dass er nicht lacht!

„Open Access“ ist die Antwort auf alle Fragen von Nachwuchswissenschaftlern - das zumindest behauptete der Stanford-Professor John Willinsky bei einem Beratungsvortrag für Doktoranden in Heidelberg.

© dpa Vergrößern Auch wenn Jungwissenschaftler ihren ersten Abschluss schon hinter sich haben, lernen sie doch immer wieder etwas neues.

Graduiertenakademien sind innovative Einrichtungen. Doktoranden aller Fachrichtungen sollen dort gleich zu Beginn ihrer Forschungstätigkeit auf eine Zukunft innerhalb des Wissenschaftssystems vorbereitet werden. Vom „career service“ lernt man etwa, dass allzu eigensinnige Forschungsinteressen leicht die Laufbahn stören und es besser ist, sich möglichst schnell an allgemeine Strömungen „anzudocken“.

Eingeladen hatte jetzt die „graduate academy“ der Universität Heidelberg zum Höhepunkt der mit den Mitteln der Exzellenzinitiative ermöglichten „Doktorandenwoche“. Präsentiert wurde die „keynote lecture“ eines eigens „für uns“ eingeflogenen John Willinsky, seines Zeichen Professor für „Social Science“ an der Stanford University. Behauptet wird, man müsse ihn kennen. Die Verantwortlichen des Graduiertenkollegs nennen ihn rühmend einen der „prominentesten Vertreter der Open-Access-Bewegung“.

Erinnerungen an Steve Jobs werden wach

Da ich mit den messianischen Präsentationen von Steve Jobs groß geworden bin und genau dort auch „abgeholt“ werden möchte, beschloss ich, unseren Schlüsselnotenvortrag zu besuchen. Nichts wichtiger für eine Doktorandin, als zu wissen, wie man heutzutage seine Sachen publizieren soll. Und mein amerikanisches Englisch könnte ich auf diesem Wege auch gleich etwas auffrischen.

Die Aula der Neuen Universität in Heidelberg war gut gefüllt - die Verantwortlichen hatten alles auf die „Generation Internet“ zugeschnitten. Gespannt wartete ich gemeinsam mit Doktoranden aller Fachrichtungen  auf den Beginn der Präsentation, während im hinteren Teil eine Catering-Firma bereits wirkliches Brot und wirklichen Wein für den informellen Ausklang des Abends anrichtete. Mit einem Agilität reklamierenden Sprung betrat der von den Veranstaltern als „activist“ eingeführte Professor aus Amerika nun die von indirektem Licht beleuchtete Bühne: ein kleiner Mann in dunklen abgewaschenen Jeans, stylish, stylish, mit weißem hochgekrempelten Hemd, ausschweifenden Armbewegungen und einem Notizzettel in der Hand. Statt hinter das Rednerpult stellte er sich in die Mitte der großen Bühne vor die überdimensionale Leinwand.

Auf ihr war in riesigen Lettern der Titel des Vortrags eingeblendet: „Revolutionizing academic publishing? The open access challenge“. Dann breitete er die Arme aus, und seine ersten Worte riefen gleich sentimentale Steve-Jobs-Erinnerungen in mir hervor: „Our future lies in your hands!“ Genau.

Eine Antwort auf alle Fragen

Sein Ziel war Ansprache und Ertüchtigung zugleich. Uns, die wir mit Aufmerksamkeitsdefizitproblemen und Überforderung schon genug zu kämpfen haben, lieferte er Edutainment vom Feinsten, das, eingedenk des Zeitmangels, auf Argumente locker verzichten konnte. Er gab prima einfache Antworten auf komplizierte Fragen.

Die universelle Antwort auf all unsere Publikationsfragen lautete, so der Professor aus Amerika: Open Access. Mit Finger und Blick in die Ferne deutend, malte er unserer bekanntlich unschlüssigen und orientierungslosen Generation mit bloßen Worten einen leuchtenden Weg in die Zukunft aus. Eine Zukunft, in der Wissen nicht mehr länger zwischen Buchdeckeln „gefangen“ ist, sondern „frei im Netz“ fluktuiert.

Als er, einem Seher gleich, „Imagine!“ ausrief, schweiften meine Gedanken ab, und ich stellte mir vor, wie die Seiten meiner Dissertation über Johann Georg Hamann (Denker, lange tot, Buchstaben- und Buchdruckmensch, war nie in Kalifornien) durchs Netz schwirren und von der „community“ verbessert werden. Könnten doch nur alle, weltweit, „barrierefrei“ Hamann lesen: Die Welt wäre dann wohl tatsächlich ein besserer Ort.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Max-Planck-Gesellschaft Im Zweifel hat der Direktor recht

Wie geht die angesehene Max-Planck-Gesellschaft mit ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs um? Es mehren sich die Fälle, in denen Direktorenherrlichkeit unwidersprochen bleibt. Mehr Von Sven Grünewald

22.10.2014, 23:34 Uhr | Feuilleton
Wie viel wissen Sie, auch wenn Sie nichts wissen?

Sie sitzen im Multiple-Choice-Test und haben keine Ahnung, was die richtige Antwort auf die Fragen ist? Dann gibt es trotzdem ein paar Strategien, mit denen Sie experimentieren können. Kennen Sie sie? Mehr

06.05.2014, 20:16 Uhr | Beruf-Chance
Deutsche und amerikanische Unis Wenn Studenten sich beschweren

Die Einladung an die Eltern, den Campus zu besuchen, ist in den Vereinigten Staaten gang und gäbe. Doch das ist sicher nicht der gravierendste Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Universitäten. Mehr Von Mark Roche

23.10.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Gaumenschmaus aus dem Großstadtdschungel

Obst und Gemüse kommt nicht zwangsläufig von Äckern oder aus dem Treibhaus - auch in der Großstadt wachsen in Parks oder in Höfen zahlreiche Pflanzenarten, die essbar sind. In New York zeigt Steve Brill den Interessierten, was sie ernten können und was sie besser stehen lassen. Mehr

11.08.2014, 14:06 Uhr | Lebensstil
Interview mit dem Chemie-Nobelpreisträger Stefan Hell Ein Heureka habe ich oft erlebt

Wer an unumstößlichen Gesetzen rüttelt, hat es schwer. Das hat der Nobelpreisträger bitter erfahren müssen. Doch am Ende triumphierte seine Idee vom Supermikroskop. Mehr

19.10.2014, 17:00 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.10.2012, 08:00 Uhr

Notnagel für leere Kassen

Von Andreas Rossmann

In einer Aktuellen Viertelstunde diskutiert der NRW-Kulturausschuss über den Verkauf der Warhol-Bilder. Schon in der Eingangshalle des Landtags wird dem Besucher angst und bange - denn da hängt ja Kunst! Mehr