Heute ist ein Tag zum Feiern. Annette Schavan wird im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin vermutlich ihr Glas inmitten einer großen Runde erheben und sagen, dass sie glücklich sei, die sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung nun offiziell vorstellen zu dürfen. Die meisten werden davon nicht das Geringste mitbekommen, dabei ist jeder einzelne von uns betroffen, denn diese sechs über Deutschland verteilten Zentren werden unsere Gesundheit über Jahrzehnte beeinflussend begleiten. Sie sind mit Milliardenbudgets ausgestattet und stehen in engem Kontakt mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Ihr Ziel ist, die Volkskrankheiten weiter einzudämmen: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenleiden, Neurodegeneration, Krebs und Infektionen.
Doch ein entscheidendes Forschungszentrum wird es nicht geben: für psychische Krankheiten. Das ist ein fatales Signal. Störungen wie Depressionen, Borderline-Syndrom, Burn-out, Suchterkrankungen oder Schizophrenie prägen das psychische Profil unserer Gesellschaft, auch wenn wir vor den Dimensionen dieser Krankheiten lieber die Augen verschließen. Dabei wäre es endlich an der Zeit, sie aus ihrem Schattendasein herauszuholen. Der Moment dafür ist ideal, gerade, so makaber das klingen mag, nach dem Suizid von Robert Enke. Der ehemalige Nationaltorwart litt an einer schweren Depression, gegen die er nicht mehr ankämpfen konnte. Am Ende sah er den einzigen Ausweg im Tod und ging auf die Gleise.
Das Leben schwimmt einfach fort
Depressionen sind nach wie vor eine Tabukrankheit. Die Betroffenen schweigen, aus Scham, aus Angst davor, dass ihre Mitmenschen ihnen auf die Schulter klopfen und sagen: „Jeder ist mal traurig. Das wird schon wieder. Reiß dich zusammen.“ Dass sie einen als Charakterschwächling und Verlierer abstempeln, weil sie nicht verstehen, wie grauenvoll es sich anfühlt, jeden Tag aufs Neue in einem schwarzen Loch zu sitzen. Otmar Wiestler, Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, erzählte einmal im kleinen Kreis von seiner Zeit in der Psychiatrie. Wer je intensiv mit schwer depressiven Menschen gesprochen habe, sagte er, verstehe, dass deren seelisches Leiden, ihre innere Leere und Verlorenheit so existentiell seien, dass sie jeden körperlichen Schmerz übersteigen.
Das Wissenschaftsmagazin „Nature“ hat die Jahre 2010 bis 2020 zur „Dekade der psychiatrischen Erkrankungen“ ausgerufen. Die Europäische Union bezeichnete seelische Gesundheit als ein Schlüsselelement für den sozialen Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie ist ein wichtiges Bindeglied in einer sich beschleunigenden Welt, in der Mobilität mehr zählt als Stabilität. Wir sind dazu gezwungen, uns ständig neu anzupassen und unser Leben zu optimieren. Die Gefahr, dabei unter die Räder zu kommen, steigt.
Zwanzig Prozent aller Deutschen trifft im Laufe ihres Lebens eine Depression. Zu viele bleiben mit ihrer Krankheit allein, nicht einmal die Hälfte wird erfolgreich behandelt, mit Medikamenten, einer Therapie oder beidem. Psychische Erkrankungen sind deshalb so gefährlich, weil sie die Betroffenen oft mitten aus einer aktiven Lebensphase reißen. Sie stehen eigentlich erst am Anfang, nicht am Ende, aber ihr Leben schwimmt einfach fort.
Selbstmord als Todesursache Nummer zwei
Seelenleiden sind deshalb die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung, der finanzielle Schaden, der dabei entsteht, ist gewaltig. Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), erklärt, psychische Störungen bildeten eine beinahe ebenso große Krankheitslast (vierundvierzig Prozent) wie alle körperlichen Erkrankungen zusammen. Die volkswirtschaftlichen Kosten betragen bis zu zweiundzwanzig Milliarden pro Jahr, allein in den letzten sechs Jahren stiegen sie um mehr als dreißig Prozent. Die Folgeerkrankungen und Belastungen für Familie, Freunde und Bekannte sind in diesen Zahlen nicht berücksichtigt. Blickt man in die Zukunft, wird einem schwindlig.
Beunruhigend ist, dass nicht nur immer mehr Erwachsene psychisch krank werden, sondern auch Kinder und Jugendliche. Ärzte diagnostizieren vermehrt Anorexie, das Borderline-Syndrom und Depressionen. „In den nächsten zehn Jahren ist international mit einer weiteren Zunahme um mehr als fünfzig Prozent zu rechnen“, sagt Tobias Banaschewski, der die Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie des ZI leitet.
Bei der Behandlung steht oft die Persönlichkeit des kranken Kindes im Fokus, doch dieser eindimensionale Blick ist heikel, er suggeriert, dass es nur die passende Pille in der passenden Dosierung braucht, und die aus den Fugen geratene Welt werde wieder stabil. Das soziale Umfeld, Familie, Freunde, Beziehungen, werden nicht in diese Rechnung mit einbezogen. Eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt zu dem Ergebnis, dass für einen Großteil der Krankheitszeit junger Menschen neuropsychiatrische Störungen verantwortlich sind. Selbstmord ist bei Jugendlichen die Todesursache Nummer zwei. „Fehlen wir uns selbst, so fehlt uns doch alles“, heißt es in Goethes „Werther“.
Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit
Die Gründe für psychische Störungen, das versteht sich von selbst, sind vielfältig, die Instabilität von Familien, das Zerbrechen sozialer Netzwerke, minimale Verbindlichkeiten und ein Leistungsdruck, der schon auf Erstklässlern lastet, sind ohne Zweifel besonders schwerwiegend. Nirgendwo in der Medizin, sagt Meyer-Lindenberg, sei der Bedarf an Forschung größer, aber gleichzeitig auch die Chancen zur Verbesserung der Vorbeugung, Behandlung und Rehabilitation als bei psychischen Störungen. Dennoch: „Trotz aller Anstrengungen sterben Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen im Mittel über zehn Jahre zu früh.“
Das müsste nicht so sein und es muss auch nicht so bleiben. Die Voraussetzungen könnten gar nicht besser sein, die Hirn- und Genomforschung kommt einem Rätsel nach dem nächsten auf die Spur, sie gelangt zu immer neuen Erkenntnissen, die bislang ungeahnte Therapiemöglichkeiten in Aussicht stellen. Auch die Infrastruktur ist im Land vorhanden mit Wissenschaftlern, die international vernetzt sind und dennoch die molekulare Entschlüsselung von schweren psychischen Entwicklungsstörungen wie Autismus durch ausländische Forschergruppen als Zaungäste erleben müssen.
Dabei hätten renommierte Institute wie das ZI in Mannheim Rang und Kompetenz, auch international eine Führungsrolle in der Aufklärung mentaler Volksleiden zu spielen. „Es gibt keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit“, sagt Meyer-Lindenberg.
Es ist tatsächlich ein Tag zum Feiern. Nur nicht für alle.
Gut, solche nachdenklichen Worte zu lesen.
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 09.06.2011, 14:15 Uhr
Gesundheitsforschung
Werner Eickhoff (WernerEickhoff)
- 09.06.2011, 14:42 Uhr
Wozu?
Jürgen Vogel (pascht)
- 09.06.2011, 14:48 Uhr
Kopfnagel
Rufus Backe (RufusBacke)
- 09.06.2011, 14:54 Uhr
Da hilft nur eines: Sofort nachbessern oder das aktuelle Konzept ändern!
Hermann F. Sack (Collobriere)
- 09.06.2011, 15:30 Uhr