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Geschichte der Russophobie : Weltfeind im Osten - Zur geistigen Vorgeschichte der "Neocons"

Marx und Engels waren nicht die ersten, aber die Radikalsten, wenn es um eine Niederwerfung des orthodoxen und zaristischen Russland ging.

          Als Maximilien Rubel vor fast vierzig Jahren die Schriften von Marx und Engels zur „russischen Frage“ herausgab, musste er feststellen, dass in diesen Texten eine große Kontinuität herrschte: „Am Anfang ihrer politischen Laufbahn als radikale Demokraten, bald hernach als revolutionäre Kommunisten haben Marx und Engels bis an ihr Lebensende den russischen Absolutismus mit einer Leidenschaft bekämpft, die man nicht zu Unrecht als Russophobie bezeichnet hat.“ (Marx/Engels: Die russische Kommune. Kritik eines Mythos, München 1972).

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Rubel sah den Grund dieser Position in den „ethischen Impulsen“ der materialistischen Geschichtsauffassung. Der Kommunismus trete in dieser Hinsicht das Erbe von 1789 an: „Die historische Priorität des Westens im sozial-kulturellen Umwandlungsgeschehen der Menschheit war das ethische Grundaxiom ihrer materialistisch begründeten Gesellschaftstheorie.“ Marx sprach 1853 als politischer Anti-Theologe: „Die Revolution, die das Rom des Westens niederwerfen wird, wird auch den dämonischen Einfluss des Roms im Osten überwinden.“ Moskau habe sich stets hervorgetan, „wenn es galt, Republiken zu Leibe zu gehen“. Engels wiederum schrieb im September 1886 an August Bebel, den Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokraten: „Das Günstigste für uns wäre ein friedliches oder kriegerisches Zurückdrängen Russlands, dann wäre die Revolution dort fertig . . . Und der Rückschlag auf Europa, wenn diese letzte Burg der Reaktion gebrochen, würde enorm sein; wir in Deutschland würden es zuerst merken.“

          Der Wirtschaftsboykott

          Ein Krieg gegen Russland zum Besten des Menschheitsfortschritts blieb der Welt damals erspart. Immerhin folgte die öffentliche Meinung im russisch-japanischen Krieg den westlich-demokratischen Vorgaben, und Russland selbst hatte dies zu verantworten: Die schrecklichen Pogrome von Kischinew im Frühjahr 1903 trugen das ihre zum schlechten Ruf der Großmacht bei. Man glaubte, in den Untaten die Hand der Regierung zu sehen. Als im Jahr darauf der Krieg mit Japan ausbrach und der Zar auf internationale Kredite angewiesen war, blieben ihm diese versagt; Japan dagegen wurde aus den Vereinigten Staaten gefördert. Der New Yorker Bankier Jacob H. Schiff vor allem warb für den Russland-Boykott (Naomi W. Cohen, „Jacob H. Schiff: A Study in American Jewish Leadership“, Brandeis Series in American Jewish History, Culture, and Life, 1999).

          Einige Jahre später musste Schiff zu seinem Entsetzen sehen, dass in den Beziehungen zwischen Russland und Japan eine entspanntere Epoche anbrach. Am 6. März 1910 warnte er in einer von der „New York Times“ wiedergegebenen Rede vor einem Appeasement: „Ich habe mitgeholfen, Japan während des letzten Krieges zu finanzieren . . . Ich war vor einigen Wochen sehr beschämt, als ich erfuhr, dass Japan nun mit Russland gemeinsame Sache macht – mit Russland, dem Feind der ganzen Menschheit“ (Russia the enemy of all mankind).

          Revolutionär und Heeresleitung

          Es war ein radikaler Sozialist, der in Odessa aufgewachsene Alexander Helphand, genannt „Parvus“, der bald darauf den Zusammenhang von Krieg, territorialer Filetierung des russischen Reiches (als „Dezentralisierung“ bezeichnet), Demokratisierung und sozialer Revolution mit einer bis dahin unerhörten Konsequenz durchdachte – und dieser Weg führte ihn, einen der Köpfe des Petersburger Sowjets in der Revolutionsbewegung von 1905, gut zehn Jahre später an die Seite der deutschen Heeresleitung.

          Parvus-Helphand war ein politischer Publizist der deutschen Sozialdemokratie, bis er 1910 in die Türkei ging und dort ein bedeutendes Vermögen offenbar durch Waffenhandel erwarb (M. Asim Karaömerlioglu: „Helphand-Parvus and his Impact on Turkish Intellectual Life“, in: Middle Eastern Studies, Jg. 40, Heft 6, November 2004). Schon dort machte er durch russlandfeindliche Artikel im Journal „La Jeune Turquie“ auf sich aufmerksam. Im Sommer 1914 forderte er den Kriegseintritt der Türkei gegen Russland, das Zentrum von „Reaktion und Rückständigkeit“. 1915 kehrte er nach Deutschland mit einer Doppelstrategie im Gepäck zurück: die Sozialdemokraten mussten vom Krieg zur Niederwerfung Russlands stärker als bisher überzeugt, die hohe deutsche Politik aber für eine kühne Unterstützung der russischen Revolutionäre gewonnen werden.

          Seine Schlussfolgerung war zwingend: „So wird durch die vereinigten Armeen und durch die revolutionäre Bewegung in Russland die ungeheure politische Zentralisation, die das Zarenreich darstellt und die, solange sie besteht, eine Gefahr für den Weltfrieden sein wird, zertrümmert und die Hochburg der politischen Reaktion in Europa gestürzt werden.“ (Winfried B. Scharlau und Zbynek A. Zeman, „Freibeuter der Revolution: Parvus-Helphand. Eine politische Biographie“, Köln 1964). „Seine Russsophobie“, so Scharlau und Zeman, „zwang ihn in die Arme der kaiserlichen deutschen Regierung.“

          Allerdings setzte das Auswärtige Amt auf Diplomatie: Ein Sonderfrieden mit dem Zarenreich schien 1915 noch möglich. Aber er hätte Russland auf lange Zeit stabilisiert und stand insofern den Umsturzplänen diametral entgegen. Die Interessen stimmten nur scheinbar zusammen: „Das Auswärtige Amt wollte den Frieden, Parvus die Revolution“, schreiben Scharlau und Zeman. So blieb für den Revolutionär nur die Position des radikaleren intellektuellen Militarismus – und die Finanzierung der Bolschewiki. Es wird Zeit, dass die heutigen Neocons ihren genialen Vorläufer entdecken.

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