Tanker haben längere Bremswege und größere Wendekreise als Fregatten. Während auf dem Konstanzer Historikertag immer noch Erträge und Anwendungsbeispiele des "iconic turn" und von Geschichte als Projektion dekliniert wurden, zeichnet sich in kleineren Zirkeln eine Wiederkehr harter Themen ab. Offenbar ermüdet von einer neuen Orthodoxie, die auch in der Antike dem Erinnern oder Konsumieren, der Identitätsfindung und dem Repräsentieren breitesten Raum gab, werden nun wieder die leuchtenden Begriffe und Gegensätze aufgenommen: Freiheit und Tyrannei, Alleinherrschaft und Freistaat.
Dabei holten die Althistoriker, die auf einer Tagung in Bochum das Feld zwischen Monarchie und Republik vermaßen, keineswegs wieder Aristoteles und Theodor Mommsen aus dem Schrank. Nicht die beiden Großmeister der Systematisierung der griechischen Polis und des römischen Staates standen Pate. Vielmehr wagte man Paradoxien. Als Karl-Wilhelm Welwei (Bochum) der Tyrannis in Athen jeden Beitrag zur nachfolgenden Demokratie absprechen wollte, stieß er auf Widerspruch. Die Tyrannen hätten, so der Haupteinwand, ohne Absicht den Bürgern vorgeführt, wie Institutionen ohne die adligen Faktionskämpfe unseligen Angedenkens ungestört funktionieren konnten. Wenn die Herrscherfamilie die Stadt durch Bauten ausgestaltete und alle Bürger gleichermaßen ansprach, so blieb nach ihrer Vertreibung die Polis als eine Größe, die nicht mehr personal, regional und mediatisiert von hohen Herren zu dominieren war. Die geschichtsphilosophische Pointe der Kontroverse lag darin, daß Welwei kein Problem damit hatte, der Geschichte Umwege, Sackgassen und Auszeiten zuzubilligen, während seinen Opponenten gut hegelianisch auf der Straße der Freiheit alle Epochen gleich unverzichtbar waren.
Nicht nur in Athen schwankte das Bild der frühen Machthaber, wie Winfried Schmitz (Bonn) am Beispiel Korinths zeigte. Ihre persönliche Herrschaft vermochten die Tyrannen Kypselos und Periander nur durch Rekurs auf die Tradition zu legitimieren, durch Abstammung, Orakelsprüche, die Anlehnung an den guten König der Heroenzeit und die Einschärfung der guten alten Ordnung. Diese Form der Monarchie besaß wenig Innovationspotential. Als sie dann von einer neuen und deshalb der Legitimation bedürftigen bürgerstaatlichen Ordnung abgelöst wurde, ergoss sich zudem der Unglimpf über sie.
Einen spannenden Versuch, die Alleinherrschaft dennoch gedanklich zu retten, stellte Hartmut Leppin (Frankfurt/M.) vor, indem er Xenophons wenig bekannten Dialog "Hieron" aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. als einen Fürstenspiegel las, in dem von den persönlichen und moralischen Qualitäten der Machthaber konsequent abgesehen wird. Xenophons Rezepte zur Herrschaftssicherung stellte Leppin in den Zusammenhang einer Entindividualisierung politischer Systeme im vierten Jahrhundert, wie sie auch die modifizierte athenische Demokratie jener Zeit kennzeichnete. Demgegenüber beharrte Peter Rhodes (Durham) darauf, daß nicht fehlerresistente Mechanismen die Stabilität der demokratischen Ordnung bewirkten, sondern die schlichte Bereitschaft der Bürger, ihr politisches System trotz aller Veränderungen für eine Demokratie zu halten. Und auch die Monarchie kam im Hellenismus nicht in der versachlichten Variante des "Hieron" daher, sondern als Kriegswerk heroischer Charismatiker.
Selbst in den langen republikanischen Phasen, derentwegen unsere gefühlte Nähe zu Hellas und Rom immer noch größer ist als zu Ägypten und dem Alten Orient, war die Monarchie stets gegenwärtig. Im Spannungsdreieck zwischen Volk, Adel und König mochte dieser eingebunden sein wie in Sparta oder nur noch als Erbe und Menetekel präsent wie in Rom, konnten dann "Nebenkräfte" entstehen, wie Mischa Meier (Tübingen) am Beispiel der Ephoren und der Volkstribune zeigte. Die kühnste Probe im wilden Denken gab jedoch Bernhard Linke (Chemnitz), lief seine Argumentation doch darauf hinaus, die Existenz oder mindestens die Relevanz einer republikanischen Ordnung außerhalb der Stadt Rom überhaupt in Frage zu stellen. Während die Mittelschicht auf dem Lande durch die weitreichende rechtliche Autonomie des einzelnen Haushaltes der Politik recht gleichgültig gegenüberstehen konnte, verschwand für die Unterschicht in Rom die Option einer personalen Monarchie niemals ganz. Die dynamische Expansion vertagte die meisten Konflikte. Als aber die Kollektivherrschaft der stadtrömischen Oligarchie die räumlich wie sachlich ausgreifenden Probleme nicht mehr zu lösen vermochte, verlor sie rasch ihre Akzeptanz und wurde durch die persönliche Monarchie abgelöst. Den augusteischen Prinzipat mit der plebiszitären Monarchie Napoleons des Dritten verglichen zu sehen war eine wissenschaftsgeschichtliche Pointe, hatte sich doch schon Mommsen gegen die Unterstellung gewandt, sein Caesar habe etwas mit dem Volksabstimmungskaiser in Paris zu tun.
Kurt Raaflaub wagte es, für das turbulente Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs zwischen Caesar und den Pompeianern die Chancen und ungenutzten Möglichkeiten herauszustellen. Seine Überlegung, eine Verbreiterung der politischen Basis des Staates hätte die "Krise ohne Alternative" (Christian Meier) vielleicht für eine gewisse Zeit vor der Eskalation bewahren können, stieß indes auf Skepsis, die gewiß mit dem geschwundenen Vertrauen in die Sach- und Problemlösungskompetenz von Politik überhaupt zu tun hatte. Vielleicht hätte der seit langem in Rhode Island lehrende Raaflaub auch einfach das Wort Große Koalition vermeiden sollen. Uwe Walter