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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Fußball-EM 2012 Die Berechnung des Siegers

 ·  Die Fußball-EM 2012 ist offenbar fast überflüssig: Ökonomen kennen die Finalisten schon. Sie lassen sich aus dem Marktwert und der internen Ausgeglichenheit der Mannschaften berechnen.

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Seitdem der Fußball sich zu einem globalisierten Markt entwickelt hat, wird die Leistungsstärke jedes einzelnen Spielers sehr genau beobachtet; sie drückt sich in seinem jeweiligen Marktwert aus. Der Wert einer ganzen Mannschaft lässt sich recht einfach als die Summe der Marktwerte der einzelnen Spieler berechnen. Die Transfererlöse von Spielern und Mannschaften werden seit einigen Jahren von Fußballexperten immer wieder aktualisiert und sind auf der Website www.transfermarkt.de für jedermann nachlesbar. Mit Hilfe des „Transferwerts“ der Mannschaften bei den vergangenen zwei Fußball-Weltmeisterschaften und bei der letzten Europameisterschaft ließ sich der jeweilige Sieger jeweils richtig vorhersagen.

Betrachtet man die Kader der jetzigen EM-Teilnehmer, dann liegt Spanien mit 658 Millionen Euro deutlich an der Spitze. Es folgen die DFB-Elf mit 459 Millionen und England mit 398 Millionen; dann kommen Frankreich mit 340, Portugal mit 338, Italien mit 296 und die Niederlande mit 277 Millionen Euro. Der deutsche Gruppengegner Dänemark bringt nur 87 Millionen Euro auf die Waage.

Deutschland und Spanien im Endspiel

Neben dem Marktwert eines Teams ist noch ein zweiter Faktor erfolgsbedeutsam: seine interne Ausgeglichenheit. Portugal ist dafür ein gutes Beispiel. Der hohe Wert der Mannschaft geht wesentlich auf Cristiano Ronaldo zurück, dessen Wert auf neunzig Millionen Euro geschätzt wird. Ist er, etwa aufgrund einer doppelten Gelben Karte, für ein Spiel gesperrt, verletzt oder hat einen schlechten Tag, werden die Erfolgsaussichten der gesamten Mannschaft erheblich sinken. Für Mannschaften, deren Wert wesentlich von einem oder wenigen Spielern abhängig ist, muss man wie bei der Portfolioanalyse auf dem Aktienmarkt also einen Risikoabschlag berücksichtigen.

Andere Mannschaften - darunter fällt auch die deutsche Mannschaft - sind im Vergleich zu Portugal oder auch Schweden wesentlich homogener. Beim teuersten Spieler der DFB-Auswahl, Mario Gomez (42 Millionen), ist noch gar nicht sicher, ob er oder vielleicht der preiswertere Miroslav Klose spielen wird. Berücksichtigt man neben dem Marktwert also zusätzlich ein Maß, das die Homogenität einer Mannschaft bestimmt, dann ergeben sich einige Verschiebungen in den einzelnen EM-Gruppen. So vermuten wir, dass sich in der Gruppe B neben Deutschland die Niederlande und nicht Portugal durchsetzen werden. Allerdings ändert diese verfeinerte Rechenmethode nichts an dem von uns prognostizierten Endspiel der EM. Der Turnierplan lässt es zu, dass die beiden nach Marktwert besten Mannschaften, die deutsche Mannschaft und die Spaniens, erst im Endspiel aufeinandertreffen. Dann ist allerdings wiederum Spanien Favorit. Denn Spanien ist nicht nur die Mannschaft mit dem höchsten Marktwert, sondern zugleich auch die ausgeglichenste Elf. Allein vier Spanier befinden sich in der Gruppe der zehn teuersten EM-Spieler.

Welches Trikot trägt der Zufall?

Es wäre aber falsch anzunehmen, die EM sei damit schon entschieden. Was für einen nicht prognostizierten Europameister spricht, ist die vergleichsweise bedeutende Rolle des Zufalls. Dabei hat diese beim Fußball einen systematischen Grund: Im Fußball werden insgesamt sehr wenige Tore geschossen, so dass ein Treffer schon den Sieg bedeuten kann, eine Fehlentscheidung des Schiedsrichter oder ein aufgrund schlechter Platzverhältnisse versprungener Ball. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein einzelner Torschuss auch wirklich trifft, beim Fußball im Vergleich zu anderen Sportarten recht gering. Beim Basketball, Tennis oder beim Handball ist dies völlig anders. Ein deutscher Fußballmeister schießt pro Saison etwa siebzig Tore. Im Basketball werden allein in einem Spiel in der Regel mehr Punkte erzielt. Man kann zeigen, dass in Sportarten, in denen viele Tore oder Punkte erzielt werden, die nominell schwächere Mannschaft seltener gewinnt. Der THW Kiel ist gerade deutscher Handballmeister geworden, ohne ein Spiel verloren zu haben. Dies ist im Fußball unmöglich.

Der Zufalls spiel vor allem bei Turnieren, in denen im K.O.-System gespielt wird eine besondere Rolle. Wir haben mit unserer Methode der Marktwertanalyse auch versucht, den Ausgang von 25 europäischen Fußballligen zu prognostizieren, und sind damit recht erfolgreich. Bei der Berechnung des Ausgangs von Turnieren schneidet unsere Methode schlechter ab. Während in der Liga eine Mannschaft einen schlechten Tag oder eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, die ein Spiel entschieden hat, in den nächsten Spielen kompensieren kann, kann man sich bei einem Turnier wie der EM maximal einen Ausrutscher in der Vorrunde leisten. Falls die DFB-Elf die nach Marktwerten sehr enge Gruppenphase übersteht, hat sie gute Chancen, ins Endspiel vorzustoßen, und dann, da sind wir uns sicher, trägt der Zufall eine schwarze Hose und ein weißes Trikot.

Jürgen Gerhards und Michael Mutz lehren Soziologie an der FU Berlin, Gert G. Wagner Wirtschaftswissenschaft an der TU Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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