24.09.2007 · Er war einer der bedeutendsten europäischen Sozialtheoretiker und gehörte zum Umfeld von Jean-Paul Sartre. Sein letztes Werk ist ein ergreifender Liebesbrief an seine Frau Dorine: „Lettre à D.“ Mit ihr ist André Gorz im Alter von 84 Jahren aus dem Leben geschieden.
Von Jürg AltweggJetzt werden sie sehen, ob ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung geht. An ein Jenseits wollte André Gorz allerdings nicht so richtig glauben. Er war kein Romantiker. Aber lange ein (undogmatischer) Marxist und (philosophischer) Materialist. Sein Leben war der politischen Philosophie gewidmet, der Emanzipation des Menschen vom Geld und von der Ware. Sein großes Thema war die Entfremdung und ihre Überwindung.
Den Schlusspunkt zu seinem Werk hatte er vor einem Jahr gesetzt - mit einer grandiosen Liebeserklärung an seine Frau Dorine: „Lettre à D.“ Darin ist von einem alten Mann die Rede, der hinter einem Leichenwagen geht. „Der alte Mann bin ich“, schrieb er. Und im Leichenwagen liegt seine Frau. An sie war der Brief gerichtet: „Ich will nicht an Deiner Kremation teilnehmen. Ich will keine Büchse mit Deiner Asche bekommen.“ Diese Vorstellung war André Gorz unerträglich - und hat ihn als Albtraum immer wieder heimgesucht.
Einer der originellsten Sozialtheoretiker
Seine Frau und er hatten einander in Lausanne in der Schweiz kennengelernt. Seine Eltern - Wiener Juden - hatten André Gorz, der damals noch Gerard Horst hieß, im Krieg in ein Internat geschickt. Als Jean-Paul Sartre nach 1945 in Lausanne einen Vortrag hielt, hatte Gorz längst alle seine Bücher gelesen. Er folgte ihm nach Paris, wurde Mitherausgeber der Zeitschrift „Les Temps modernes“ und nach materiell schwierigen Jahren Redakteur beim „Nouvel Observateur“. Zu seiner frühen Autobiographie „Der Verräter“ schrieb Sartre ein Vorwort. Mit Werken wie „Abschied vom Proletariat“ und „Wege ins Paradies“ erwies sich Gorz als einer der originellsten Sozialtheoretiker.
In seinen jüngsten Büchern - die nicht mehr die verdiente Anerkennung fanden - befasste sich Gorz mit der Entwicklung der „Wissensgesellschaft“. Er blieb dabei stets seinen Idealen verpflichtet: der Utopie, der Rebellion, der Selbstbestimmung des Menschen. Die - zumindest kurzfristig - höchsten Auflagen erreichte André Gorz mit seinem „Lettre à D.“. Die wahre Liebesgeschichte zweier alter Menschen kam auf die Bestsellerlisten.
Im Tod haben sie ihre Liebe vollendet
Er hatte sich noch einmal in sie verliebt. „Du wirst 82, du bist um sechs Zentimeter geschrumpft, du wiegst nur noch 45 Kilo und bist immer noch schön und begehrenswert“, schreibt er. Kinder wollten sie keine, sie haben sich stets selbst genügt. Und wenn André Gorz aus seinen Albträumen erwachte, lag Dorine jeweils im Bett neben ihm. An ein Leben nach dem Tod konnten beide nicht wirklich geglaubt haben. Aber sie wollten es zusammen verbringen - das war für sie eine Selbstverständlichkeit.
Von „Lettre à D.“ hatte sein Autor gesagt, es sei sein unwiderruflich letztes Buch. Jedes schriftliche Lebenszeichen von ihm war eine gute Nachricht und schien zu bedeuten, dass sich Dorines Gesundheitszustand nicht verschlechtert hatte. In der sozialistischen Schweizer Zeitschrift „Widerspruch“ hat André Gorz gerade einen Aufsatz veröffentlicht und darin seine Position über des gesellschaftlich garantierte Mindesteinkommen präzisiert - auch korrigiert. Doch auf die jüngste Nachricht war man gefasst.
Im Tod haben Gorz, der 84 Jahre alt wurde, und Dorine ihre Liebe vollendet. Zusammen sind sie an ihrem Wohnort Vosnon in Frankreich aus dem Leben geschieden. Postum muss sein „Brief an D.“ in deutscher Übersetzung erscheinen. Sie ist für diesen Herbst angekündigt.