Home
http://www.faz.net/-gqz-u87q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Ferngesteuert von Bonn

Selbsterforschung im Deutschen Historischen Institut Paris

Im November 1958 wurde in Paris eine Deutsche Historische Forschungsstelle eröffnet, die sechs Jahre später den Namen "Deutsches Historisches Institut in Paris" (DIHP) erhielt. Zur Vorbereitung der Feiern zum fünfzigsten Jahrestag, für die Festschrift, Ausstellung und Staatsakt geplant werden, befaßte sich nun in den 1994 bezogenen Räumen des Instituts im Marais ein Kolloquium mit den Wurzeln des Pariser Instituts. Man hatte einen personengeschichtlichen Ansatz gewählt. Der jetzige Institutsdirektor Werner Paravicini erklärte zu Beginn zwar, er erwarte keineswegs "Selbstlob und Vergoldung der Vergangenheit", doch stand für ihn zugleich fest, daß es "nichts a la Götz Aly zu enthüllen" gebe. Schließlich sei das Pariser Institut "von Anfang an eine Erfolgsgeschichte" gewesen.

Diese Zielvorgabe verwunderte, da die Auffassungen ganz unterschiedlicher Richtungen aufeinandertreffen sollten. So betonten Peter Schöttler und Christoph Cornelißen die Nähe der Zunft zum Nationalsozialismus und mangelnde Einsicht nach 1945 auch in Paris. Differenzierungen blieben den sich konkret mit den Gründungsvätern beschäftigenden Referenten wie Konrad Repgen und Matthias Pape überlassen. Denn das für die Pariser Gründung so wichtige Bonner Historische Seminar hatte mit seiner rheinisch-katholischen Prägung während des Dritten Reichs nicht dem Idealbild der Nationalsozialisten entsprochen. In der Bundesrepublik wurde es zum Sammelbecken derjenigen, die andere Traditionslinien als die der Erbfeindschaft zu Frankreich früh betont hatten und mit einem Deutschen Historischen Institut in Paris auch ein politisches Zeichen zu setzen beabsichtigten.

Der älteste von ihnen war Max Braubach (1899 bis 1975), den Konrad Repgen (Bonn) als in sich ruhenden Wissenschaftler beschrieb. Während des Krieges abgeordnet zum Stab des Militärbefehlshabers in Frankreich, kam er mit Männern des Widerstands in engsten Kontakt. Auch deshalb war er prädestiniert, 1957 in die Kommission zur Vorbereitung einer damals noch so genannten "Historischen Station" in Paris einzutreten. Als Braubachs wichtigsten Beitrag würdigte Repgen die Präsentation seines Schülers Hermann Weber, der bis 1968 de facto als Gründungsdirektor des Pariser Instituts fungierte. Repgen distanzierte sich scharf von den "flotten Sprüchen" Hans-Ulrich Wehlers, der Braubach vor kurzem in einem Interviewbändchen (F.A.Z. vom

25. September) nicht zum erstenmal angegriffen hat. Die monumentale Biographie des Prinzen Eugen und vor allem Braubachs Breitenwirkung durch seine Beiträge im Gebhardt, dem renommierten geschichtswissenschaftlichen Handbuchs, sprächen für sich.

Noch schwieriger als für den 1933 bereits etablierten Braubach war es für Eugen Ewig (1913 bis 2006), den Versuchungen des "Dritten Reichs" zu widerstehen. Braubach wurde Ewigs Doktorvater, nachdem dessen jüdischer Lehrer Wilhelm Levison 1935 entlassen worden war. Die Diskussion entzündete sich an Ewigs Aufgaben als faktischer Leiter des lothringischen Staatsarchivs in Metz von 1942 bis 1944. Für den von Peter Schöttler (Berlin) geäußerten Generalverdacht, deutsche Archivare hätten im besetzten Frankreich geplündert, verlangte Matthias Pape (Aachen) Belege. Nach Pape hat Ewig dazu beigetragen, die Metzer Bestände zu bewahren.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Serge und Beate Klarsfeld Die berühmteste Ohrfeige der Nachkriegsgeschichte

Ihre Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger machte Beate Klarsfeld weltberühmt. Mit ihrem Mann Serge brachte sie viele Nazi-Verbrecher vor Gericht. Nun werden beide mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Mehr

20.07.2015, 14:44 Uhr | Politik
Präsident des ifo Instituts Jetzt hilft nur noch die Drachme - Grexit auf Zeit?

Schon vor fünf Jahren kursierten die ersten Grexit- Ideen, umgestetzt wurden sie nicht. Seitdem sind die Schulden gestiegen und Griechenland ist dauerhaft abhängig von Krediten. Das ist keine Dauerlösung, sagt Hans Werner Sinn, Präsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung - kurz ifo Institut . Er fordert seit langem den Austritt Griechenlands aus dem Euro. Mehr

23.06.2015, 11:23 Uhr | Wirtschaft
Hochschulen Russische Exzellenz, auf Linie gebracht

Russlands Universitäten bemühen sich um den Anschluss an westliche Standards. Die russische Exzellenzinitiative lenkt der Staat, der den Fortschritt durch politische Repression gleich wieder gefährdet. Mehr Von Kerstin Holm

15.07.2015, 14:02 Uhr | Feuilleton
Kopenhagen Wikinger-Models zeigen handgemachte Kleider

Auf einem Seminar für Wikinger-Experten an der Universität Kopenhagen haben Models gezeigt, wie die Kleidung im Frühmittelalter ausgesehen hat. Mehr

23.02.2015, 15:47 Uhr | Gesellschaft
Erster Holocaust-Lehrstuhl Kein Vergessen im Land der Täter

Im Ausland längst Normalität, hierzulande ein Novum: Die Frankfurter Goethe-Universität richtet Deutschlands ersten Holocaust-Lehrstuhl ein. Das Land sorgt für die Finanzen. Mehr Von Hans Riebsamen, Wiesbaden

22.07.2015, 07:29 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 01.01.2007, 13:42 Uhr

Glosse

Palermo Looting

Von Andreas Rossmann

Die Diva am Rhein und die Grande Dame Siziliens: Mehr Gegenteil lässt sich nicht so leicht finden. Und doch sind Düsseldorf und Palermo gerade eine Städtepartnerschaft eingegangen. Eine Mesalliance? Mehr 0