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Exilgrüße

Jeder akademische Verlag in den Vereinigten Staaten, der auf sich hält, leistet sich dieser Tage ein reichhaltiges Angebot im Bereich der Jüdischen Studien. Wenn es weiterer Indizien bedarf, daß diese ...

Jeder akademische Verlag in den Vereinigten Staaten, der auf sich hält, leistet sich dieser Tage ein reichhaltiges Angebot im Bereich der Jüdischen Studien. Wenn es weiterer Indizien bedarf, daß diese Disziplin in herrlicher Blüte steht, so darf man auf das Programm der Jahreskonferenz der Association for Jewish Studies hinweisen, die Mitte Dezember im kalifornischen San Diego stattfinden wird. Professoren und Studenten, Rabbiner und Schriftsteller, Orthodoxe, Liberale und Radikale, Europäer und Amerikaner tragen sich dort ihre Funde vor. Mittelalterliche Texte werden auf neue Lesarten, linke und rechte Intellektuelle (in diesem Jahr Stanley Cavell, Emanuel Levinas, Leo Strauss) auf jüdische Ideen abgeklopft.

Die sieben substantiellen Aufsätze in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Jewish Social Studies" (Jg. 12, Heft 3) präsentieren ein Konzentrat des gelehrten Reichtums und belegen den hohen Stand der Jüdischen Studien in Geschichte und Sozialwissenschaften. Eine zusätzliche Wohltat: Der in den amerikanischen Geisteswissenschaften rituell gepflegte Vatermord, die narzißtische Selbstprofilierung junger Professoren durch die Verwerfung der Anschauungen ihrer Doktorväter, hat die Jüdischen Studien noch nicht infiziert. Vielleicht, weil sie eine junge und überschaubare Disziplin sind, in der es ausreichend Stellen gibt. Vielleicht auch, weil in der jüdischen Geschichte die Instabilität der örtlichen Verankerung die Genealogie, sei es in der Familie, sei es in der akademischen Welt, um so wichtiger macht. Wenn von jemandes yiches die Rede ist, er also "von Familie" ist, sind weder Geld noch Gene gemeint, sondern Verbundenheit mit einem Gelehrtenstammbaum. In diesem Sinne sind die Jüdischen Studien eine konservative Disziplin.

Die sieben Aufsätze in den "Jewish Social Studies" sind inhaltlich wie methodisch allesamt Teil dieser Dynamik. In jedem Artikel ist von örtlicher Entwurzelung und ihrer gedanklichen Auswirkung die Rede. Rebecca Kobrin untersucht die in Amerika gedruckten jiddischen Zeitungen der Landsmannschaften aus Bialystok zwischen 1921 und 1945 und findet, daß entgegen der vielbeschworenen Zionssehnsucht als transportabler Heimat diese Juden Amerika als Exil und Bialystok als konkrete Heimat empfanden. Gur Alroey dokumentiert die aktive Rolle der Frauen in der ostjüdischen Auswanderung um 1900. Oft auf ihr Betreiben reisten die Männer allein voraus, die Frauen kamen später nach in Begleitung ihrer fünf, sechs, sieben kleinen Kinder. Diese physische Leistung hatte emanzipierenden Charakter.

Allison Schachters Aufsatz über die späten autobiographischen Romane des jiddischen Schriftstellers Sholem Abramovitsh beschreibt mit Benjamins Theorien über den Erzähler die formalen Innovationen in diesem Werk. Zu ihnen gehört auch der bei diesem Satiriker ungewöhnliche Gebrauch der Nostalgie. Diese gedankliche Strategie soll, wie bei Benjamin entwickelt, in einer Zeit des Traditions- und Wissensverlustes im osteuropäischen Judentum zwischen der Vergangenheit des Autors und der zeitgenössischen Ignoranz literarisch vermitteln.

Susan A. Glenn untersucht eine gedankliche Spätfolge der osteuropäischen Entwurzelung. Die Assimilation der Emigranten und ihrer Kinder in der antisemitismusfreien Zone der amerikanischen Nachkriegsjahre unterminierte den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft. Es kam zum Einsatz diverser ideologischer Klammern (Holocaust, Israel), die durch Infusion von Schuldgefühlen den Abfall von der Gemeinschaft oder die Kritik an ihr verhindern sollten. Glenn untersucht den Vorwurf des "jüdischen Selbsthasses", dem so unterschiedliche Geister wie Hannah Arendt und Philip Roth ausgesetzt waren, als einen solchen Gummiknüppel.

Jeffrey S. Gurock, zu dessen Forschungsgebieten die Anpassung der jüdischen Orthodoxie an die Moderne gehört, beschreibt, wie unter dem Druck des amerikanischen Arbeitsalltags zwischen 1920 und 1940 orthodoxe Gemeinden sich zu Veränderungen des traditionellen Freitagabendgebets hatten entschließen müssen, die sich mit dem Selbstverständnis dieser Gruppe nur schwer vertrugen.

Marjorie Lamberti hat sich tief in die Archive philanthropischer und akademischer Institutionen wie der Rockefeller Foundation und Harvard University vergraben, um zu ermitteln, welche Strategien nötig waren, um für bedrängte deutsch-jüdische Gelehrte Arbeitsplätze zu schaffen. Man darf den amerikanischen Kollegen zugute halten, daß sie um 1937 nicht wissen konnten, daß die Juden todgeweiht waren. Die damals wie heute häufig anzutreffende Mischung aus Weltabgewandtheit und eigensüchtigem Kalkül (nur ja keine Konkurrenz einführen) kann einen wieder einmal zu Spekulationen über institutionelle Deformation veranlassen.

Shaul Magid schließt den Reigen mit einer sowohl von Edward Said als auch vom Slonimer Rebben Shalom Noah Barzofsky inspirierten Reflexion über die unsinnige Dominanz Israels in der Exil-Identität der Juden. Allerdings strebt Magid keine Kurskorrektur im Sinne jener Emigranten an, die sich nach Bialystok mehr als nach Jerusalem sehnten. Er will "Exil" zu einer "positiven und sozial konstruktiven und ideologischen Haltung" machen. Damit steht Magid im Lager der erklärten Antizionisten aller Couleur, zu denen auch die Chassidim in Israel gehören. Magid hat yiches. Gewiß. Und yiches hätte auch der ideologische Streit, den Magid vom Zaun bräche, wenn die "Jewish Social Studies" jene zahlreiche Leserschaft hätte, die man dieser Zeitschrift wünscht. SUSANNE KLINGENSTEIN

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