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: Exil-Modelle

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Angesichts der aktuellen Nachrichten über israel- und judenfeindliche Tendenzen in dem türkischen Film "Tal der Wölfe" sollte man auf die derzeit leiseren Stimmen hören, die einer langfristigen Allianz zwischen Juden und Türken das Wort reden.

          Angesichts der aktuellen Nachrichten über israel- und judenfeindliche Tendenzen in dem türkischen Film "Tal der Wölfe" sollte man auf die derzeit leiseren Stimmen hören, die einer langfristigen Allianz zwischen Juden und Türken das Wort reden. So sprach Deirdre Berger, Leiterin des Berliner Büros des "American Jewish Congress", in einem Interview über die Anstrengungen, die ihre Organisation unternehme, um einzelne Meinungsführer der Türken in Berlin für die Angelegenheiten Israels zu sensibilisieren, sie etwa zu Besuchen einzuladen. Die Voraussetzungen einer solchen Partnerschaft sind nicht schlecht, denn anders als in vielen arabischen Staaten ist (oder war) beispielsweise das türkische Militär traditionell israelfreundlich eingestellt, und in der international so umstrittenen Frage des Genozids an den christlichen Armeniern hat Israel stets eine Haltung der maßvollen Sympathie für die türkische Darstellung der Geschichte erkennen lassen.

          Der Frage, ob und in welchem Maße die türkischen Zuwanderer in der Bundesrepublik in dem Versuch, sich als "eigenständige Ethnie zu behaupten", an das Vorbild der Juden in Deutschland anknüpfen können, widmen sich die Soziologen Y. Michal Bodemann und Gökce Yurdakul ("Geborgte Narrative: Wie sich türkische Einwanderer an den Juden in Deutschland orientieren", in: Soziale Welt, Jg. 56, Heft 4, Nomos-Verlag, Baden-Baden 2005). Es sei, schreiben die beiden Autoren, bisher nur selten untersucht worden, wie verschiedene Einwanderergruppen zueinander in Beziehung treten und welche Modelle und "Narrative" sie dabei von den jeweils anderen zu übernehmen willens sind.

          Die organisatorischen Muster der Herkunftsländer erweisen sich in der neuen Heimat schnell als unbrauchbar, so daß der Blick auf andere Gruppen naheliegt, "doch im Gegensatz zu den meisten klassischen Einwandererländern gibt es in Deutschland nur wenige Vorbilder - oder genauer: es gibt nur eines, nämlich das der jüdischen Gemeinschaft". Beklagt wird in der Bestandsaufnahme die wirtschaftlich schlechte Lage der Türken in Deutschland. Vor sechs Jahren etwa waren in Berlin Türken doppelt so häufig arbeitslos wie ihre deutschen Mitbürger, hinzu kommen die "Diskriminierungen gegen Eiwandererkinder im Bildungssystem".

          Anders als Zuwanderer aus den arabischen Ländern seien "viele westlich orientierte Türken Juden gegenüber traditionell positiv eingestellt", von einer ausschließlich palästinenserfreundlichen Haltung könne nicht die Rede sein. Vielmehr gebe es "historisch starke Aversionen gegenüber der arabischen Welt". Die beiden Soziologen weisen außerdem nicht nur auf eine Parallele zwischen Israel und der kemalistischen Türkei hin, sondern auch auf praktische Zusammenarbeit in der Vergangenheit, wie bei der Festnahme des Kurdenführers Öcalan.

          Solche Haltungen und Stimmungen in der Türkei fänden, so Bodemann und Yurdakul, auch bei den Türken in Deutschland ein lebhaftes Echo, noch verstärkt seit den Terroranschlägen auf Istanbuler Synagogen vor drei Jahren. Aus Berlin berichten die Autoren von wachsenden Bemühungen der beiden Gruppen, zu einer Verständigung zu gelangen, etwa bei einer jüdisch-türkischen Hanukkah-Party. Erinnert wird auch an die Zeit des Osmanischen Reiches, als die Juden in der muslimisch-türkischen Gesellschaft ungehindert leben konnten: "Der Berliner Jüdische Kulturverein tat sich in seinem Zusammengehen mit türkischen Gruppen besonders hervor."

          Der "Rassismus" in Deutschland zwinge die deutsch-türkische Führung "praktisch in eine Allianz mit Juden". So komme es, daß junge Türken das "kulturelle Repertoire der deutsch-jüdischen Beziehungen positiv gebrauchen, für ihre ureigenen Zwecke", sie nähmen die Juden als "konkretes Beispiel einer Minorität, sowohl hinsichtlich der Geschichte wie auch der Organisation". Eine antitürkische Karikatur im "Stern" etwa sei von dem türkischen Unternehmer und Europa-Abgeordneten Vural Öger in einem offenen Brief an das Magazin mit dem Verweis auf nationalsozialistische Rassenhetze gegeißelt worden. Eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Brandanschlages von Mölln (1992), die im November 2002 stattfand, sei in deutlicher Parallele zum Gedenken an das Progrom von 1938 angelegt gewesen. Der Berliner Safter Cinar plädierte damals in seiner Ansprache für eine Übernahme der Gedenkpolitik durch die türkische Gemeinschaft: "Es gibt keine Gnade der späten Geburt, und es gibt keine Gnade des anderweitigen Geburtsortes!" Bodemann und Yurdakul sehen hier eine schwierige Doppelstrategie: man benutze das "jüdische Narrativ", versuche jedoch gleichzeitig, sich "kontrastierend zu den Juden als ,normale' deutsche Bürger" darzustellen.

          All dies betrifft die säkularen Türken. Bei den religiösen Organisationen dagegen sei der Versuch erkennbar, jüdische institutionelle Strukturen zu übernehmen. Schon bei dem Namen "Cemat, Türkische Gemeinde zu Berlin" sei man auf die Ähnlichkeit zum Namen "Jüdische Gemeinde zu Berlin" erpicht gewesen. Interessengemeinschaft gab es darüber hinaus - hier wird ein Rechtsanwalt der "Milli Görüs" zitiert - auch beim Rechtsstreit um das Schlachten nach islamischem Ritual. Andere religiöse Führer der Türken in Deutschland bezogen sich positiv auf das, was ihnen als die jüdische Erfolgsgeschichte in Deutschland erscheint. Die Autoren schließen, daß die "quasi staatstragende symbolische Rolle" der Juden in Deutschland ein attraktives Modell für die Türken sei, und daß dieser "Trialog" die Zukunft noch stärker prägen werde. Lorenz Jäger

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