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Autonome Autos : Fahren nach Zahlen

Dieses vom chinesischen Militär entwickelte Auto fuhr am 24. November 2012 114 Kilometer von Peking nach Tijuan. Bild: Picture-Alliance

Selbstfahrende Autos müssten auch über Leben und Tod entscheiden. Nach welchen ethischen Prinzipien soll der autonome Straßenverkehr fließen? Soll er überhaupt?

          Rücksicht und Vorsicht, heißt es im ersten Paragraphen der Straßenverkehrsordnung, sind oberstes Gebot im Personenverkehr. Beides sind reflexive Verhaltensformen, über die selbstfahrende Autos nicht verfügen. Wenn sie in Zukunft auf deutschen Straßen fahren sollen - was sie mit Sonderzulassungen bereits seit einigen Jahren tun -, werden sie jedoch in Situationen geraten, in denen sie über Leben und Tod entscheiden müssen. Die ethische Reflexion muss ihnen vorher einprogrammiert sein.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Informatik wird zu angewandter Ethik. Es versteht sich von selbst, dass die folgenschweren Entscheidungen nicht einzelne Programmierer übernehmen können. In Deutschland wurden politische Kommissionen und juristische Forschungsstellen geschaffen, Autofirmen haben eigene Ethik-Abteilungen eingerichtet, die im Austausch mit Wissenschaft und Politik stehen. Die rechtliche Debatte ist im Gang, die meisten Fragen aber sind offen. Es ist nicht nur die unübersehbare Zahl von Szenarien, die zu klären sind, es stehen auch ethische Grundsatzentscheidungen an.

          Ein Auto, das die Sicherheit seines Besitzers vor alles andere stellt, wird so wenig gesellschaftliche Akzeptanz finden, wie ein Fahrzeug Käufer finden wird, das seine Insassen zum Heldentod zwingt. Soll die Entscheidung über Leben und Tod einem Zufallsgenerator überlassen werden, oder soll die letzte Autorität doch beim Fahrer liegen, und wird das mit fortschreitender Technik überhaupt noch möglich sein? Die Mikrosensorik wird die menschliche Wahrnehmungsgeschwindigkeit wahrscheinlich bald übertreffen. In der sensiblen Korrespondenz der Sensoren innerhalb und außerhalb des Autos kann der humane Eingriff zum unkalkulierbaren Störfall werden.

          Programmierte Moral

          In Kalifornien, wo autonome Fahrzeuge bereits auf freier Straße fahren, regelt es die Praxis. Die Steuermodule sind mit einem groben Reaktionsmuster ausgestattet und verzichten auf Kollisionsvermeidungsassistenten, über deren Programmierung in Deutschland bereits vor ihrem Einsatz intensiv diskutiert wird. Man will auf den Tag vorbereitet sein, an dem das erste Todesopfer im autonomen Straßenverkehr eine Grundsatzdebatte entfachen wird.

          Die Verteidiger des autonomen Fahrens führen die geringere Zahl von Verkehrstoten an. Autonome Autos sind nie abgelenkt, betrunken oder irrational. Und wer überblicke schon im Unfallmoment die Tragweite seines Handelns? Dagegen steht die Ansicht, dass mit dem Autofahrer auch eine mit dem Gefühl für die Situation und den Wert der Beteiligten vermittelte Entscheidungsmoral aus dem Straßenverkehr verschwinden würde; dass mehr als der Affekt das Steuer führt, wenn der Fahrer in letzter Sekunde den Lenker herumreißt, sondern eine an reflektierte Normen geknüpfte Intuition.

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          Was passiert, wenn Programme sie ersetzen? In der jüngsten Ausgabe der „Zeitschrift für philosophische Forschung“ Julian Nida-Rümelin und Alexander Hevelke gehen einige Szenarien durch. Angenommen, zwei Personen - Nida-Rümelin und Hevelke nennen sie Otto und Max - springen vor ein autonomes Fahrzeug, dem auf der anderen Spur ein Lastwagen entgegenkommt und dem zur Rechten ein dicht begangener Bürgersteig liegt. Soll das Auto mit einem Ausweichmanöver Lastwagenfahrer oder Passanten für einen Fehler gefährden, der eindeutig bei Max und Otto liegt? Die Autoren verneinen das. Die Erwartung an regelkonformes Verhalten sei die Basis des Straßenverkehrs und die Voraussetzung für die Unversehrtheit seiner Teilnehmer. Der Schutzanspruch regelkonformer Verkehrsteilnehmer sei prinzipiell höherrangig.

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