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Eschenburg-Preis : Ein Grandseigneur der Politikwissenschaft wankt

  • -Aktualisiert am

Theodor Eschenburg (1905-1999) Bild: picture-alliance / dpa

Der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Politikwissenschaft in Deutschland war an einer Arisierung beteiligt. Deshalb gibt es nun Kontroversen um den nach ihm benannten Preis.

          Theodor Eschenburgs Ruf als hochgeachteter Vater der deutschen Politikwissenschaft ist beschädigt. Doch damit nicht genug. Sein drohender Absturz könnte den Gründungsmythos einer in Deutschland relativ jungen akademischen Disziplin erschüttern. Wie konnte es so weit kommen? Der Osnabrücker Politikwissenschaftler Rainer Eisfeld hatte im Frühjahr 2011 in einem Aufsatz ausgeführt, dass Eschenburg - in der Nachkriegszeit der erste Lehrstuhlinhaber für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen - 1938 administrativ an einem Arisierungsverfahren in der holzverarbeitenden Industrie beteiligt war. Zwar habe er „dabei keine maßgebende Rolle“ gespielt, wie es in einem von der Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) in Auftrag gegebenen Gutachten heißt. Trotzdem werde „aus dem Archivmaterial doch klar ersichtlich“, schreibt Hannah Bethke, „dass er von 1933 bis 1945 als industrieller Geschäftsführer reibungslos funktioniert hat und offenbar keine Schwierigkeiten hatte, sich den Erfordernissen der NS-Diktatur anzupassen“. Ein weiterer Stein des Anstoßes ist seine kurze Mitgliedschaft in der Motor-SS. Eschenburg selbst kommentierte sie im zweiten Teil seiner „Erinnerungen“ mit den Worten: „Es war eine Episode, nicht sehr rühmlich, aber ich fühlte mich durch sie auch nicht sehr belastet.“

          Mehr noch als diese Verstrickungen missfällt den Kritikern aber Eschenburgs Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Als die DVPW jüngst ihren nach dem Gescholtenen benannten Preis an den Politikwissenschaftler Claus Offe verlieh, fand dieser in seiner Dankesrede deutliche Worte: „Es überwiegt der Eindruck der verständnisheischenden Beschönigung, Verharmlosung und Rechtfertigung - ein Eindruck, der verstärkt wird durch apologetische publizistische Stellungnahmen zum Handeln anderer, wie Ernst von Weizsäcker und vor allem Hans Globke.“ Es hätte, so der Geehrte, „Eschenburgs seit den fünfziger Jahren gefestigtem Status als vielbeachteter Publizist und Politikberater sowie als hochangesehener akademischer Lehrer nicht schaden können, wenn er auf sein eigenes Handeln vor jener vermeintlichen ,Stunde null’ jemals explizit und ungeschönt zu schreiben gekommen wäre.“

          Eine Generaldebatte über das Fach ist nötig

          Ein Ausschuss der DVPW soll nun darüber beraten, ob Eschenburg als Namensgeber für den Preis weiter tragbar ist. Dabei werde es allerdings nicht um den „praeceptor Germaniae“ alleine gehen, versichert die DVPW-Vorsitzende Gabriele Abels. Sie will den Fall in eine Generaldebatte über die Geschichte des eigenen Fachs eingebettet sehen. Im Frühsommer des kommenden Jahres werde es dazu eine Tagung geben, so dass man im Herbst 2013 „wohl informiert und beraten“ eine Entscheidung werde treffen können. Bis zur nächsten Preisverleihung 2015 sei schließlich noch Zeit.

          Claus Offe fragt auch, was die seinerzeit amtierenden Mitglieder von Vorstand und Beirat der DVPW wohl veranlasst habe, für einen Preis den Namen Eschenburgs zu wählen. Schon damals war bekannt, dass der glühende Verehrer Gustav Stresemanns während der NS-Zeit „kein Held“ (Hans-Georg Wehling) war. Dabei wird Eschenburgs Eignung als Namenspatron nicht mehr nur aufgrund jener Verstrickungen angezweifelt. Denn manchem fällt es schwer, Eschenburgs Gedankenwelt als Wissenschaft zu begreifen - zumindest im Sinne einer modernen, quantitativ-empirisch arbeitenden Politologie. „Eine gewisse Nähe zum Staatsrecht ist unverkennbar“, schreibt sein Schüler Wehling lapidar. Dementsprechend habe seine Fragerichtung darauf gezielt, wie eine dauerhafte, gute Staatsordnung zu errichten sei und wie die Institutionen konstruiert sein müssten, um dieses Ziel zu gewährleisten.

          Eschenburg erfand die „Kanzlerdemokratie“

          Freilich, er sei „kein Politologe im heutigen Sinne“, sagt auch Frau Abels. Die ersten Lehrstuhlinhaber hätten ihre geistige Heimat samt und sonders in anderen Fächern wie der Volkswirtschaftslehre oder eben dem Staatsrecht gehabt. Insofern sei der Vorwurf ungerechtfertigt. Im Übrigen habe Eschenburg nie einen Hehl daraus gemacht, dass er kein „gelernter“ Politikwissenschaftler war. Begrifflich habe er bis heute Spuren hinterlassen.

          So hat Eschenburg - aus der Erfahrung der Adenauer-Zeit - das deutsche Regierungssystem als „Kanzlerdemokratie“ charakterisiert und als Erster die wichtige Funktion des Bundeskanzleramtes als „oberstes Koordinierungsministerium“ beschrieben. Hans Globke, über den Eschenburg kein schlechtes Wort verloren hat, habe das Amt „kunstvoll in das Exekutivplateau des gerade eben gegründeten Bundes eingebaut“. Neben die Kanzlerdemokratie tritt seine These von der „Herrschaft der Verbände“. Dabei geht er mit der massiven Mitwirkung von Verbandsvertretern bei der Formulierung von Gesetzentwürfen im „Gefälligkeitsstaat“ hart ins Gericht. Das Problem der „heimlichen Gesetzgeber“ ist ungebrochen aktuell.

          Ob seine Verdienste groß genug sind, um einen Sturz abzuwenden, ja, ob man beides überhaupt gegeneinander aufwiegen kann, wird die DVPW in den nächsten Monaten klären. Sollten seine Tage als Namenspatron gezählt sein, Alternativen gäbe es: „Der Preis“, so Gabriele Abels, „muss ja nicht nach einer Person benannt sein.“

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