08.03.2010 · Sein Werk ist eines der kantianischsten und zugleich kantigsten der deutschen Nachkriegsphilosophie. Niemand kritisierte aggressiver und unduldsamer als er. Ernst Tugendhat zum achtzigsten Geburtstag.
Von Jürgen KaubeWas schulden wir einander? Wäre auf diese Frage nur eine einzige Antwort möglich, so würde Ernst Tugendhat sich vermutlich für „Gründe“ entscheiden. Das jedenfalls hat er in seinem Werk getan, das eines der kantianischsten und zugleich kantigsten der deutschen Nachkriegsphilosophie ist. Kantianisch, insofern Tugendhat die Tiefe einer Idee an der Möglichkeit bemessen hat, sie zu rechtfertigen. Aufsätze von Tugendhat sind Modelle für argumentative Insistenz. Es gibt keinen Aphorismus in diesem Werk. Kantig, ja bissig ist es, indem es stets einen Widerwillen gegen alles Spekulative und Rhetorische mitteilt. Aggressiver und unduldsamer als Tugendhat kritisierte niemand. Weshalb? Weil an den letzten Begründungen für den Ethiker die Einstellung zum Leben hängt. Philosophie ist für ihn Besorgnis gegenüber Willkür und Lüge.
Mit fünfzehn las Tugendhat Heideggers „Sein und Zeit“. Das geschah im venezolanischen Exil, in das Tugendhat mit seinen Eltern vier Jahre zuvor vom tschechischen Brünn aus getrieben wurde, weil die Nationalsozialisten seinesgleichen zu Ungeziefer erklärt hatten. Wenngleich er heute zu Heidegger, bei dem er 1951/52 studierte, sowohl was Person wie Denken angeht, das Wort „verlogen“ gebraucht, hat ihn jenes Buch mit seiner Frage nach der Struktur des Verstehens nicht losgelassen.
Was wir ihm schulden
Die Antwort auf sie fand Tugendhat aber nicht in der Ontologie, sondern in der Sprachanalyse. Genuin menschlich sei die situationsunabhängige, prädikative Sprache, die auf singulären Termini („dies“, „ich“, „Tübingen“) sowie auf dem Ansprechen von etwas „als etwas“ beruhe. Und auf dem Sich-Verhalten zu Sätzen: Rückfrage, Negation, Überlegung.
Tugendhats „Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie“ von 1976 wurden ein Grundbuch für viele, denen die Pflege des Grabens zwischen angloamerikanischer und „kontinentaler“ Philosophie eine Vernunftverschwendung schien. Sie bestachen durch eine Diktion diesseits des Tiefen- wie des Coolness-Jargons beider Seiten. Seitdem sind viele Bücher hinzugekommen, zuletzt solche über die Mystik als rationalste Form, mit dem Ganzen umzugehen, und über Anthropologie als erste Philosophie. Und was schulden wir Ernst Tugendhat zu seinem achtzigsten Geburtstag am heutigen Tag? Die denkbar größte Achtung - und Lektüre. Man kann keinen seiner Aufsätze lesen, ohne danach klüger zu sein.