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Ernst Nolte zum Neunzigsten Vernichtung denken

Ein philosophierender Historiker im Widerstreit: Heute wird Ernst Nolte neunzig Jahre alt. Sein F.A.Z.-Artikel „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ löste 1986 den Historikerstreit aus.

© dpa Vergrößern Der Historiker Ernst Nolte, geboren am 1.. Januar 1923

Stößt man im Werk eines Historikers auf das Wort „Transzendenz“, dann mag man zunächst stutzen. Zumal Ernst Nolte dem Begriff, je länger je mehr, eine eigentümliche Schlüsselrolle in seinen Schriften gegeben hat. Philosophie hatte Ernst Nolte studiert, bei Martin Heidegger noch während des Krieges.

Lorenz Jäger Folgen:    

Nolte ist mindestens so sehr ein „Geschichtsdenker“, wie er ein Historiker ist. Die rein pragmatische Art der Geschichtsschreibung konnte bei dem Gegenstand, den Nolte sich wählte, angesichts seines Alters fast zwingend wählen musste - nämlich dem Zusammenhang von Krieg, Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus - zu einer philosophischeren Art des Fragens drängen.

In Witten an der Ruhr wurde Ernst Nolte geboren. Sein Vater leitete die katholische Volksschule und war ein Mann der Zentrumspartei; ihres linken, pazifistischen Flügels. Eine angeborene Behinderung der Hand brachte es mit sich, dass Nolte dem Kriegsdienst entging.

1942 wurde er Zeuge einer Deportation. Fast mehr als der administrative Vorgang selbst erschütterte ihn dessen konkrete Gestalt: Im Zug, von SS bewacht, sah er eine alte Frau, die von einer jüngeren, wohl ihrer Tochter, unter Tränen Abschied nahm. Der „unmenschliche, ja widermenschliche Charakter des nationalsozialistischen Regimes“ ging ihm auf. Siegfried Gerlich erzählt in seiner sympathetisch geschriebenen Biographie (Ernst Nolte. Porträt eines Geschichtsdenkers, 2009) diese Episode.

„Und doch“, „aber“, „andererseits“

Und doch. Immer gibt es bei Nolte dieses „und doch . . .“, gibt es ein „aber“, ein „andererseits“. Bei seinen Studien, die ja mit einer Dissertation über „Selbstentfremdung und Dialektik im deutschen Idealismus und bei Marx“ (1952) begonnen hatten, musste ihm klarwerden, dass die Vernichtungsintensität der gesellschaftlichen Konflikte einen langen Vorlauf gehabt hatte.

Als der Anarchokommunist Johann Most im späten neunzehnten Jahrhundert über die „Kapitalistenbrut“ nachdachte, kam er zu dem Schluss, nur fünf Prozent der Bevölkerung seien nach der Revolution zu vernichten: „Man möge sie übrigens - um kein übel angebrachtes Mitleid zu erwecken - möglichst human wissenschaftlich, etwa vermittelst Elektrizität abtun! Wir empfehlen keine Grausamkeiten, sondern nur Notwendiges.“

Das war im neunzehnten Jahrhundert eine exzentrische Stimme des kichernden Wahns; nach der Oktoberrevolution 1917 konnte man sie nicht mehr als bloßes Hirngespinst abtun.

„Vergangenheit, die nicht vergehen will“

Ernst Nolte sah den nationalsozialistischen Vernichtungswillen als Antwort auf solche und ähnliche Erklärungen und traf damit auf heftigen Widerspruch. Hitlers politisches Testament klingt wie ein fernes Echo auf Johann Most - die Ermordung der europäischen Juden sei „wenn auch durch humanere Mittel“ erfolgt. Und so kam es 1986 zum „Historikerstreit“, der von einem Artikel Noltes in dieser Zeitung seinen Ausgang nahm: „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, erschienen im Feuilleton vom 6. Juni 1986.

Fast zehn Jahre sind vergangen seit einer denkwürdigen Frankfurter Diskussion zwischen Raul Hilberg, dem großen Erforscher der Vernichtungspolitik, und Götz Aly. Hilberg sprach damals von den europäischen „Mitläufern“ des Holocaust, Aly hielt diesen Begriff für zu schwach. Er machte auf einen weiteren Unterschied aufmerksam: In Belgien, in Dänemark, in Italien wurden viele Juden gerettet. Aus dem Baltikum und aus Rumänien, auch aus der Ukraine kamen dagegen überdurchschnittlich viele der Mittäter.

Wenn man dieses Ungleichgewicht von West- und Osteuropa einmal als Forschungsresultat annimmt, dann kann man der Frage nicht mehr ausweichen, welche Rolle dabei die dem deutschen Angriff vorhergegangene sowjetische Besatzung spielte und welche die politisch gewollte Hungersnot, deren Opfer die Ukraine Anfang der dreißiger Jahre geworden war.

Markant Konsensverletzendes

Und Götz Aly merkte (damals) im Gespräch mit dieser Zeitung an, die Frage sei nun nicht mehr ein bloßes Ja oder Nein zu Nolte, sondern vielmehr: Wie viel Nolte die Geschichtswissenschaft brauche, und wie viel Nolte sie ertragen könne. (Aber hat Götz Aly sein Versprechen gehalten?)

Kaum etwas von dem, was Nolte schrieb, auch markant Konsensverletzendes über Juden im Bolschewismus oder Juden als aktive Gegner Hitlers und der NS-Politik, ist an sich schon skandalisierbar. Der unlängst verstorbene Arno Lustiger hat in „Shalom Libertad“ (2001) den Beitrag jüdischer Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg auf republikanisch-sozialistischer Seite gewürdigt, die Erz-Liberale Sonja Margolina schrieb in ihrem Buch „Das Ende der Lügen“ (1992) über prominente und weniger prominente Bolschewiki jüdischer Herkunft ebenso unbefangen-kritisch wie Yuri Slezkine in seiner glänzenden Abhandlung „Das jüdische Jahrhundert“ (2007).

„Ich bewundere den ,Naturgott’, in dem ,wir leben, weben und sind’, aber ich verehre ihn nicht, denn er kennt weder Barmherzigkeit noch Gnade.“ So lautet eine späte Reflexion Ernst Noltes, Goethe zitierend, und noch hier finden wir seine rhetorische Zentralfigur des abwägenden „zwar - aber“, mit der er in seinen historischen Schriften so viel Ärgernis gestiftet hat.

Eines aber ist er definitiv nicht

Wer den Satz liest, mag sogar ein zögerndes, ein „Zwar“-Bekenntnis heraushören, das sich in dem Postulat „Gerechtigkeit für das Heidentum“ zusammenfassen ließe. Wäre das nicht schon fast eine Summa seines Denkens? Aber nun kommt unüberhörbar das „aber“: Der Mann, der diesen Satz niederschreiben konnte, mag in manchem geirrt haben, durch Eigensinn, sicher auch durch disziplinäre Isolation und Einsamkeit.

Eines aber ist er definitiv nicht: Ein Parteigänger Hitlers und des Nationalsozialismus. In deren Wortschatz ist Barmherzigkeit nicht verzeichnet.

Am 11. Januar - 1923 war es der Tag des Einmarschs der Franzosen ins Ruhrgebiet, eines der großen Krisendaten der Weimarer Republik, noch lebte Lenin und Mussolini war schon an der Macht - feiert Ernst Nolte seinen neunzigsten Geburtstag.

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Quelle: F.A.Z.

 
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