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Erleuchtungserlebnisse (2): Jean-Jacques Rousseau Die Tränen der Reflexion

28.01.2010 ·  Tränennass und von tausend Lichtern geblendet, ereilte Jean-Jacques Rousseau im Wald von Vincennes die Erkenntnis, dass Wissenschaft und Moral getrennte Wege gehen. Teil zwei unserer Serie über intellektuelle Erweckungserlebnisse.

Von Iris Wenderholm
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Wie kaum ein anderes Ereignis der französischen Aufklärung ist das Inspirationserlebnis des Jean-Jacques Rousseau fest im kollektiven Gedächtnis des achtzehnten Jahrhunderts verankert. Jedoch allein der deutsche Maler Januarius Zick (1730 bis 1797) hat es damals ins Bild gesetzt: Die kleine Kupfertafel zeigt die schicksalsträchtige Wende im Leben des Jean-Jacques Rousseau, die ihn zum wirkmächtigen Philosophen und Zivilisationskritiker machen sollte. Das Erleuchtungserlebnis, so will es die von Rousseau selbst verbreitete Legende, traf ihn ohne sein Zutun und gegen seinen Willen – die Fiktionalität der Anekdote erkannten allerdings schon seine Zeitgenossen.

In einem Brief an Malesherbes aus dem Jahre 1762 beschreibt Rousseau den kathartischen Augenblick, der ihn 1749 im Wald von Vincennes ereilt haben sollte, in einer medizinisch anmutenden Schilderung als einen körperlichen und geistigen Zusammenbruch: „Ich besuchte Diderot, der damals in Vincennes gefangensaß. Ich hatte ein Heft des Mercure de France in der Tasche, in dem ich unterwegs zu blättern anfing. Ich stoße auf die Frage der Akademie zu Dijon. Hat jemals etwas einer schnelleren Eingebung geglichen, so war es die Bewegung, welche in mir vorging, als ich diese Frage las. Auf einmal fühle ich, daß mein Geist von tausend Lichtern geblendet wird, ganze Massen lebhafter Gedanken stellen sich ihm mit einer Gewalt und in einer Unordnung dar, die mich in eine unaussprechliche Verwirrung versetzt; meinen Kopf ergreift ein Schwindel, welcher der Trunkenheit gleicht. Ein heftiges Herzklopfen bedrängt mich, will mir die Brust sprengen; da ich gehend nicht mehr atmen kann, lasse ich mich am Fuß eines Baumes am Wege hinsinken und bringe eine halbe Stunde dort in einer Erregung zu, daß ich beim Aufstehen den ganzen Vorderteil meiner Weste mit Tränen durchnäßt finde, ohne gefühlt zu haben, daß ich welche vergoß.“

Verbildlichung des Innerlichen

Januarius Zick zeigt Rousseau am Fuße eines Baumes niedergesunken und sein tränennasses Hemd betrachtend. In der Linken hält er den „Mercure de France“. Die dort abgedruckte verstörende Preisfrage aus Dijon war die für das Jahr 1750: „Hat das Wiederaufblühen der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen?“ Im Zuge des zeitgenössischen Fortschrittsoptimismus war zu erwarten, dass diese Frage nur mit „Ja“ beantwortet werden könnte. Rousseau aber verneinte sie und formulierte seine Position entsprechend anti-aufklärerisch. Sein „Discours sur les Sciences et les Arts“ brachte ihm den ersten Preis der Akademie ein und gilt als sein philosophisches Gründungsmanifest.

Das intime Erlebnis seiner philosophischen Eingebung hat Rousseau, immer bedacht auf den Eindruck, den er gegenüber der von ihm verachteten Gesellschaft machte, nicht etwa in geheimen Tagebüchern festgehalten, sondern in bald kursierenden Briefen, die das Vincennes-Erlebnis als konstituierend für seine Initiation als Moralist in der Pariser Gesellschaft verbreiteten. In den Briefen an Malesherbes sind alle Informationen enthalten, die Zick als Grundlage für das Gemälde benötigte. Wie sind Erleuchtung und Inspiration jedoch im Bild darstellbar?

Das Problem, den entscheidenden Moment der Eingebung als einen inneren Vorgang bei einem Künstler, Wissenschaftler oder Gelehrten ins Bild zu setzen, stellte für Maler seit je eine besondere Herausforderung dar. Während in der Antike die Musen und im Mittelalter Engelsboten die göttliche Inspiration anzeigten, wird das Motiv in den Porträts des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts profanisiert, die Rolle von einer realen weiblichen Person übernommen. In anderen Porträts wird die Abwesenheit der Muse bildbestimmend. Der Dargestellte wirft nurmehr einen Blick über die Schulter gen Himmel als Zeichen einer unerklärlichen Eingebung.

Das Genie im Herzen

Zick setzt hingegen auf die Analogie von Heiligen- und Künstlerporträt im Moment der Entrückung. Dies war umso naheliegender, als Rousseaus Schilderung des Erlebnisses im Wald von Vincennes selbst stark an ein christliches Konversionserlebnis erinnert: Abwesenheit klarer Gedanken, helles, blendendes Licht, Schwindel, Atemnot, Herzklopfen, tränendurchnässte Kleidung. Es werden die gängigen Versatzstücke aufgerufen, die gemeinhin die Gotteserfahrung in der frühen Neuzeit begleiten. Auch mit Diderot lässt sich das portrait de génie als profanes Pendant zu einem Heiligenbildnis lesen, wenn der eine die Gegenwart des Göttlichen, der andere die intellektuelle Inspiration erfährt. Es scheinen in der Tat die damals maßgeblichen naturphilosophischen, medizinischen und christlichen Wissensinhalte zu sein, auf die Rousseau selbst in seinem Erleuchtungserlebnis anspielt, die von Zick verbildlicht werden. In Zicks Gemälde bildet folgerichtig der Griff ans Herz, der noch im frühen achtzehnten Jahrhundert das Ergriffensein von Göttlichem anzeigte, und – empfindsame Umdeutung – ins tränennasse Hemd den Kulminationspunkt der Eingebung. Genau hier, im Herzen, ist der Sitz des Sentiments zu vermuten, das Rousseaus génie wesentlich bestimmt.

Es ist jedoch nicht irgendein Gotteserlebnis, auf das sich Zick bezieht, sondern ikonographisch eindeutig die Konversion des Augustinus. Diese Überblendung erfolgt nicht ohne Grund, bezieht sich Rousseau selbst in der Schilderung seiner Erleuchtung doch strukturell und lexikalisch auf die Bekehrung des Kirchenvaters, die dieser in seinen „Bekenntnissen“ schildert (Confessiones VIII, 12, 29). Das Konversionserlebnis im Garten war der entscheidende Wendepunkt im Leben des Augustinus. Einige Bildmotive in der Darstellungstradition des Augustinus machen dessen Bekehrung mit Zicks Darstellung Rousseaus vergleichbar: Beide Autoren lagern ausgestreckt in der Natur unter einem Baum, halten ein Buch in der Linken, vergießen Tränen. Augustinus hört dann eine Kinderstimme „Nimm und lies“ (tolle lege).

Tränen der Menschheit

Rousseau dürfte aus vielen Gründen Augustinus zum Vorbild für sein fiktives Erleuchtungserlebnis gewählt haben. Neben der Tatsache, dass Rousseau als Titel für sein autobiographisches Œuvre Confessions den Titel des Kirchenvaters aufgriff, lassen sich zahlreiche Belegstellen für Rousseaus Lektüre der „Confessions“ finden. Der Vorfall von Vincennes, den Rousseau schriftlich wie mündlich als den Moment seiner Wandlung zum zivilisationskritischen Schriftsteller verbreitete, ist bereits von seinen Zeitgenossen als literarisches Konstrukt, als pure Erfindung und self-fashioning entlarvt worden, wie Marmontel treffend urteilt: „Voilà une extase éloquemment décrite“, eine wortreich beschriebene Ekstase.

Aus seinem engsten künstlerischen Umfeld kannte Zick das Bildmotiv der Tolle-lege-Szene bei Augustinus als vorbildliche Formulierung eines umwälzenden Erlebnisses, aus den durch seinen Vater Johann Zick 1745 vollendeten Augustinus-Fresken der Konventskirche im schwäbischen Schussenried. Januarius Zick zeigt Rousseau niedergesunken am Fuße eines Baumes, wie er sein feuchtes Hemd betrachtet. Empfindsam vergossene Tränen bezeugen als Erinnerung an das Inspirationserlebnis einen eigentlich undarstellbaren Vorgang. Rousseaus Tränen gelten ihm selbst als Vertreter der Menschheit. Es ist der Moment der Reflexion über das eben Geschehene, der von Zick eingefangen ist, und der zugleich auf das Zukünftige verweist.

In der bildlichen Tradition haben Tränen die Konnotation der (christlichen) Bekehrung, doch ist hier auch an die starke Bindung an den sentimentalischen Tränendiskurs in der zeitgenössischen Literatur zu erinnern. Die parallel inszenierte, beiderseits tränenreiche Konversion von Augustinus und Rousseau wird in Zicks Gemälde in ihrer ganzen Schärfe akzentuiert, religiöse Tränen werden sentimentalen Tränen gegenübergestellt. Zick nimmt ganz im Sinne Rousseaus eine wichtige Umdeutung vor: Der göttliche Eingriff, der zur Bekehrung des Augustinus führt, wird bei Rousseau zur moralischen Einsicht und Selbsterkenntnis.

Erleuchtung durch die Natur

Zick konnte auf keine vorgängige Bildtradition zurückgreifen, um Rousseaus Eingebung darzustellen. Für den zeitgenössischen Betrachter besaß die Verwendung eines bekannten Bildformulars wie das der Tolle-lege-Szene jedoch Signalwirkung. Zick betont mit ihrem motivischen Einsatz, dass Rousseau in seinem Erleuchtungserlebnis die zentrale Schwelle von Aufklärung und Anti-Aufklärung überschreitet und sich nun – eins mit der Natur, die aber ein Park ist – auf der Seite der Zivilisationskritik befindet. Zugleich betont der Maler durch die Verwendung eines anerkannten Bildformulars die Wahrhaftigkeit und Wahrscheinlichkeit des Ereignisses.

Wie Augustinus nach seiner Konversion über die Einsicht in die Weisheit Gottes verfügt, so hat Rousseau in Zicks Inszenierung einen Blick in die ursprünglichen Zusammenhänge der Natur getan und ist damit in die Lage versetzt, der Menschheit missionarisch die Augen zu öffnen. Die Erleuchtung trifft einen Anti-Aufklärer, es ist die Illumination eines Anti-Illuminierten. Seine nahezu prophetische Gabe, die ihn – in der Fiktion – in dem dargestellten Moment ereilt und die sein Leben schlagartig änderte, soll den Betrachter des Gemäldes zum Verständnis der unverstandenen Seele und Mitleid mit dem unschuldig schuldig gewordenen animieren, vielleicht sogar zu Tränen rühren. Dies wäre ganz im Sinne Rousseaus gewesen: „Nichts verbindet die Herzen so sehr, als die Süße, miteinander zu weinen.“

Iris Wenderholm lehrt Kunstgeschichte an der Universität Hamburg.

Quelle: F.A.Z.
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