Sind Verlierer die besseren Beobachter? Lässt die Niederlage schärfer sehen? Psychologisch gesehen ist vom Typus des zu kurz Gekommenen zunächst nicht zu erwarten, dass er leichter die Übersicht gewinnt als Siegertypen. Die Ressentimentkritik belehrt uns im Gegenteil, dass aus Niederlagen eine dauerhafte Deformation der Wahrnehmung erwachsen kann. Vor hundert Jahren setzte sich Max Scheler in seinem Buch „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“ (1912) kritisch mit dem universalen Ressentimentverdacht Nietzsches auseinander. Darin gelingt Scheler eine Phänomenologie des Ressentiments, deren Pointe gerade die Trübung der Erkenntnis ist, ein Realitätsverlust durch gestaute Negativität: Durch die „systematisch geübte Zurückdrängung von Entladungen gewisser Gemütsbewegungen“ bleibe das in der Missgunst „verbissene“ Bewusstsein im Wahn gefangen. Vom Gefühl persönlichen Zurückgesetztseins her rühre das heimlich-geduckte, wiederholte „Durch- und Nachleben einer bestimmten emotionalen Antwortreaktion gegen einen anderen“, welche den Kern der Persönlichkeit zerfresse und den Geist vernebele.
Im kühnen Überschritt ließ der Historiker Reinhart Koselleck solche Annahmen hinter sich, als er in den achtziger Jahren eine weitgehend psychologiefreie Erkenntnistheorie des Besiegten entwarf. Von Herodot bis Marx: Geschichtsschreibern mit der Erfahrung einer Niederlage im Rücken spricht Koselleck besondere diagnostische Fähigkeiten zu. Mit Bezug auf das populäre Diktum, die Geschichte werde von den Siegern geschrieben, erklärt Koselleck: „Mag die Geschichte - kurzfristig - von Siegern gemacht werden, die historischen Erkenntnisgewinne stammen - langfristig - von den Besiegten.“
Hellsicht oder Verzerrung?
Nachdem der Koselleck-Nachlass ans Marbacher Literaturarchiv gegangen ist, befasst sich nun die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (Jg. 6, Heft 1, C.H. Beck Verlag 2012) mit der Genese von Kosellecks historiographischer Verlierer-Figur. Hier findet sich die vom Autor verbesserte Transkription eines 1985 gehaltenen Bochumer Vortrags - als Vorstufe zum einschlägigen Kapitel des Aufsatzes „Erfahrungswandel und Methodenwechsel“, welcher dann 1988 in Band fünf der Reihe „Theorie der Geschichte“ veröffentlicht wurde.
Wie begründet Koselleck seine These vom Erkenntnisvorsprung der Besiegten in der Geschichtsschreibung? Er diskutiert in der endgültigen Fassung den Opferstatus unter anderen von Herodot, Thukydides, Polybios, Tacitus, Augustin, Machiavelli, Niebuhr, Wilhelm von Humboldt und Marx. In der Bochumer Transkription von 1985 heißt es: „Meine Überlegung ist nicht, dass man sagen kann, weil sie Opfer ihrer politischen und militärischen Situation waren, deshalb wurden sie gute Historiker, aber ich glaube, dass die formale Bedingung, ein guter Historiker werden zu können, in diesem Status des Besiegten oder des Verlierers enthalten ist.“
Ohne näheren mentalitätsgeschichtlichen Aufweis bleibt die Begründung freilich merkwürdig kategorial. Ähnlich wie bei Georg Simmels Ausführungen zum Fremden, der über eine vermeintlich privilegierte Erkenntnis verfüge, lässt sich auch hier einwenden: Beide, Hellsicht und Verzerrung, können in der Position des Marginalisierten angelegt sein. Koselleck führt denn auch bestimmte „methodische Zugriffe“ an - Sorgfaltspflichten im Umgang mit Quellen -, die „zweifellos“ auf einer gewissen Nichtidentität mit der politischen Handlungseinheit, in der sie ursprünglich lebten, „beruht haben mochten“. Es ist, als würde in der versuchsweisen Schlusswendung der zuvor ausgeschlossene Zweifel heimlich wieder eingeführt. Als würde er die Arbitrarität seines Besiegten-Theorems erspüren, scheint Koselleck die Dinge hier lieber in der Schwebe lassen zu wollen.
Mag sein, dass die erzwungene Distanz im Einzelfall den besseren Historiker hervorbringt. Doch ein Automatismus zwischen Niederlage und Erkenntnis kann daraus nicht abgeleitet werden - wie Koselleck im Blick auf die deutsche Uneinsichtigkeit nach 1918 selbst bekräftigt: „Die Hypothese, dass von den Besiegten die weiterreichenden Einsichten in die Geschichte stammen, erlaubt natürlich nicht den Umkehrschluss, dass jede von Besiegten geschriebene Geschichte deshalb ertragreicher sei.“
Wo liegt der methodische Mehrwert?
Pikanterweise ist das, was Koselleck hier als Umkehrschluss beschreibt, logisch gar kein Umkehrschluss, sondern nur die Wiederholung der Ausgangsthese in anderen Worten: dass von den Besiegten die besseren Geschichtsdarstellungen stammen. Der hier verworfene Umkehrschluss müsste korrekt lauten: Jede gute Geschichtsdarstellung stammt von Besiegten. Und das wäre ja in der Tat noch schöner! Genau dies wird aber durch das faktische Festhalten des Besiegtenstatus als der „formalen Bedingung“, ein guter Historiker zu sein, andererseits dann doch wieder nahegelegt.
So heißt es im Text von 1988: „Gewiss führen empirisch gesehen zahlreiche Stränge dahin, dass ein Historiker, wie Lukian fordert, apolis seine Geschichte betreibe, seien sie psychologischer, sozialer, religiöser Art oder von den obligaten Reisen abhängig, die ihn kundig machen, um Nähe und Ferne sowohl räumlich wie zeitlich zu vermitteln.“ Aber, so fährt Koselleck fast trotzig fort, das Besiegtwerden sei nun einmal „eine spezifische, nicht erlernbare und nicht austauschbare, genuin geschichtliche Erfahrung, die, wie in den genannten Fällen, eine Methode ermöglichte, die den Erfahrungsgewinn auf Dauer stellte“. Ein methodischer Mehrwert, auf dem Koselleck in beiden Textfassungen beharrt. Je nach rhetorischer Gangart wird gefolgert oder nur geglaubt, dass von den Besiegten allein schon als Besiegten die weiterreichenden Einsichten in die Geschichte stammen.
Es geht nicht ohne Trotzbehauptung
Die mal forcierte, dann wieder abgemilderte Zuspitzung macht die These fassbar und gibt ihr Durchschlagskraft. In diesem Sinne hat Koselleck hier eine theoretische Figur erprobt, die - begreift man sie nicht als eine gleichsam naturwissenschaftliche Gesetzesform, sondern als heuristische Wünschelrute - einen immensen Ertrag abwirft.
Christian Meier, dem das Verdienst zukommt, Koselleck seinerzeit unter Aufbietung strengster Überredungskunst zur Publikation des Beitrags bewegt zu haben, ist in dem Zeitschriftenheft mit einem Interview vertreten. Da wird er auf Carl Schmitt angesprochen, der im „Glossarium“ nach dem Zweiten Weltkrieg einen Beleg dafür geliefert habe, dass das Besiegten-Theorem auch dem Ressentiment gegen den Sieger ein Versteck biete. Meiers Antwort: „Es gibt ein zweites noch unveröffentlichtes Glossarium. Da heißt es einmal: ,Der Gescheiterte ist der Gescheitere’. Zunächst einmal ist das nur eine Trotzbehauptung: Ich bin zwar gescheitert, aber nun bin ich der Gescheiterte. Indes - er hätte etwas daraus machen sollen, eben indem er die Gründe seines Scheiterns schonungslos aufgedeckt hätte, zumindest intellektuell und gern auch nur für sich - aber mit Folgen für sein weiteres Werk.“ Eine Fußnote, an der sich die Theorie vom methodischen Mehrwert der Niederlage messen lassen muss.