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Erinnerung an Friedrich Kittler : Jedem Satz wohnte ein Zauber inne

Ein funkelnder Geist: Friedrich Kittler Bild: dpa

Vom Malteser Falken bis zu Jacques Lacan gelang ihm die Austreibung der Langeweile aus den Geisteswissenschaften: Friedrich Kittler als Lehrer.

          Die akademische Welt hat es ihm wirklich nicht leichtgemacht. Es gab Vertreter des Fachs Germanistik, die ihn allen Ernstes an der Universität verhindern wollten. Nun können sie zu dem einen aus ihren Reihen aufschauen, der sie alle überstrahlt. Wer Friedrich Kittler kannte und erleben durfte weiß, wie stark sein Geist war - und ist und es bleiben wird. Und wie schlimm es ist, dass er nun gegangen ist. Viel zu früh, als dass er seine großen Vorhaben noch hätte verwirklichen können. Er wollte uns allen noch eine andere Geschichte des Abendlands erzählen, nachdem sein grundstürzendes Programm der Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften den wahren Geist durch die Hintertür wieder hineingelassen hatte. Er hat eine Generation von Schülern geprägt, die überall unterwegs sind, nicht von ungefähr (diese Formel mochte er) auf der ganzen Welt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Nachleben? O ja, weiterleben in den Köpfen - und in den Seelen. Dass die "Medien neue Seelen hergestellt haben", wusste er schon vor einem Vierteljahrhundert; denn Friedrich Kittler hat immer von der Geschichte aus gedacht. Als Medienhistoriker fühlte er sich am besten verstanden. Weshalb er längst von "Codes" sprach, ehe jeder diese nun als Gesetz begreifen lernen muss. "Medien bestimmen unsere Lage, die (trotzdem oder deshalb) eine Beschreibung verdient", heißt der erste Satz seines Buchs "Grammophon, Film, Typewriter" von 1986. Wir haben ihm das schon damals geglaubt - und wie recht er hatte. Und heute? Ach . . . "Die deutsche Dichtung hebt an mit einem Seufzer", so beginnt im Jahr zuvor seine noch immer uneingeholte Habilitationsschrift "Aufschreibesysteme 1800/1900", auch damit arbeiten wir alle weiter.

          Ein verständlicher Lehrmeister

          Es konnte so sein, damals in Freiburg am Deutschen Seminar, dass Kittler einfach nur aus Dashiell Hammetts "Malteser Falken" vorlas oder andere lesen ließ, und dann wollte er hören, was wir dazu sagen würden. Wahrscheinlich hatte keiner von uns zuvor so rein die Rolle des Falken begriffen - in seinem ganzen Wirken als Signifikant, selbstredend -, keiner so gefährlich die Logiken des Begehrens.

          Dabei war er durchaus streng, um ihn herum musste gedacht werden, sonst langweilte er sich merkbar. Er war keiner, der die gelegentlich nachgerade kultische Verehrung, die ihm von manch einem entgegenschlug, erfolgversprechend durchgehen ließ; er verschenkte nichts, schon gar nicht für Schmeicheleien. Aber er war von wunderbarer Zuwendung, wenn er spürte, dass sein Denken auf fruchtbaren Boden fiel. So großzügig wie er hat niemand anderen seine Gedanken gespendet - und sie sind gern und viel genommen worden. Er bleibt der tollste Errichter kühner Gedankengebäude, und er konnte sie herrlich erzählen. Als er längst berühmt war, hat er seit den neunziger Jahren viele Artikel für diese Zeitung geschrieben. Und wieder staunte die Gemeinde: Ja, Friedrich Kittler war, wenn er das wollte, der verständlichste Lehrmeister, den man sich nur wünschen kann.

          Der weit offene Himmel des Wissens

          Irgendwann einmal hat er mir seine Mitschrift einer "Begegnung mit Jacques Lacan", wie er das Typoskript selbst überschrieb, gegeben, vom 26. Januar 1975, ich glaube in Straßburg. Lacans, des französischen Häretikers der Psychoanalyse und Philosophie, komplizierte Ausführungen, die vom Ursprung des Begehrens handeln, das - weiß Gott! - mehr und anderes ist als blödes Habenwollen, gipfeln in Kittlers Notat dieser Sitzung so, wie er selbst Lacans Suada ins Deutsche übersetzte: "Man schließt den Kreis, wie man kann. Darum hat Freud übrigens seine ,Traumdeutung' mit der Formel begonnen, die Sie kennen: ,Wenn ich die Götter nicht bewegen kann, nehme ich den Weg' - worüber? ,über die Hölle', eben. Wenn es irgendetwas gibt, was Freud offenkundig macht, so dies, dass aus dem Unbewussten resultiert, dass das Begehren des Menschen die Hölle ist und dass man nur so etwas begreifen kann. Darum gibt es keine Religion, die ihr nicht einen Platz einräumte. Die Hölle nicht zu begehren ist eine Form des Widerstands."

          Friedrich Kittler hat seinen eigenen Kreis geschlossen, und er hat seinen Widerstand geleistet. Er hat den ganz weit offenen Himmel des Wissens gewollt, des Erkennens, das sich in nichts und von nichts festbinden lässt, schon gar nicht von den Grenzen altvorderer Schulweisheit. Wer ihn kannte, wünscht ihm, dass auf den Wiesen um Bletchley Park, wo einst Alan Turing arbeitete und wo die englischen Kryptoanalytiker die "Enigma"-Maschine der deutschen Wehrmacht entschlüsselt haben, Pink Floyd in voller Besetzung für ihn aufspielen. Möge dieser wunderbare Gelehrte dort entzückt sein von den Tönen seiner Lieblingsband, oder besser noch in den Gefilden von Elysion selig, denen seine letzte Sehnsucht galt. Mit diesem wissenden Lächeln im Gesicht, das immer ein wenig Anerkennung, ein wenig Frage war und das keiner, der ihn kennen durfte, je vergessen wird.

          Quelle: F.A.Z.

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