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Exotische Schriften : Das lateinische Alphabet ist viel zu einfach

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Ge’ez-Bleilettern des äthiopischen Alphabets aus dem Nachlass von Hiob Ludolf in der Universitätsbibliothek Frankfurt. Bild: Frank Röth

Wenn junge Gelehrte im Europa der Frühen Neuzeit auf Reisen gingen, hatten sie eine Art Poesiealbum dabei. Viele von ihnen sammelten fremde Schriftzeichen.

          „Fremdwörter ließen damals erröten“, erinnerte sich Theodor W. Adorno 1959 in einem Essay für den Hessischen Rundfunk, „wie die Nennung eines verschwiegenen geliebten Namens.“ Was Adorno mit Blick auf seine Jugend über die Exogamie der Sprache sagte, über die Liebe zu exotischen Wörtern, als wären es exotische Frauen, taugt auch für ein Verständnis der Gelehrtengeneration nach dem Dreißigjährigen Krieg.

          Der junge Adorno musste seine Liebe zum Fremden gegen die Tendenz zum sprachlichen „Eintopfgericht“ der völkisch gesinnten Zeitgenossen behaupten. Die jungen Gelehrten im verheerten deutschen Reich nach 1648 hatten sich von lateinischem Eintopf zu ernähren. Konnten die Generationen vor ihnen den Kitzel des Errötens noch aus dem wiedererweckten Griechisch beziehen, so war der neuen Generation diese Freude schal geworden. Sie suchte nach neuen Exotinnen – und fand sie im Orient. Man wollte Syrisch, Äthiopisch, Arabisch lernen, und nicht nur lesen, sondern auch schreiben können.

          Appetit auf fremdländische Buchstabensuppen

          Zu drucken waren die Buchstaben dieser Sprachen damals noch kaum. Junge Sprachgenies wie Hiob Ludolf ließen sich ihre eigenen Lettern gießen. Sein Kästchen mit Drucktypen in Ge’ez (Altäthiopisch) befindet sich noch heute in der Universitätsbibliothek Frankfurt. Leichter war es, die Lettern per Hand in die Äquivalente dessen zu malen, was für uns die Poesiealben sind. Diese „alba amicorum“ oder Stammbücher führte man mit sich, wenn man seine Initiationstour durch die europäische Gelehrtenrepublik machte. So etwa der neunundzwanzigjährige Johann Ernst Gerhard, der 1650 in Holland und Frankreich die großen Geister der orientalischen Philologie aufsuchte. Bevor er sich von ihnen verabschiedete, ließ er sich noch einen freundlichen Spruch in sein Büchlein schreiben, und das taten die Gelehrten nur allzu gern mit exotischen Lettern. Auch wenn sie diese selbst noch nicht völlig beherrschten.

          So geriet Antonius Deusing, einem Mediziner in Groningen, der sich orientalisch fortgebildet hatte, der Versuch, arabische Verse in Reimform zu bringen, um eine Variation des Gedankens „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ auszudrücken, noch etwas unbeholfen und fehlerhaft. Auch Gerhards eigene Bemühungen, etwa Ge’ez zu sprechen, mussten zwangsläufig hanebüchen wirken, da er sich nicht, wie Ludolf, von einem echten Äthiopier korrigieren lassen konnte. Immerhin: Man verstand sich als Pioniergeneration und landete, wenn nicht auf dem Mond, so doch in unbekannten Textwelten.

          Das ganz Andere auf dem Titelblatt der Dokotorarbeit

          Einige Jahre nachdem Gerhard zurückgekehrt und in Jena Professor geworden war, ließ er eine Reihe von Dissertationen über orientalische Kirchen und über die Religionen der Welt verfassen. Auf den Titelblättern waren in großen Typen Worte auf Samaritanisch, Koptisch, Armenisch und Kyrillisch zu sehen. Sie prangen dort mit ihren fremdartigen Lettern wie die „silberne Rippe“, von der Walter Benjamin in seinem Denkbild „Poliklinik“ schreibt, wo er den Autor im Café beschwört, der Fremdworte in seine Texte wie ein Chirurg das Implantat setzt: „In den behutsamen Lineamenten der Handschrift wird zugeschnitten, der Operateur verlagert im Innern Akzente, brennt die Wucherungen der Worte heraus und schiebt als silberne Rippe ein Fremdwort ein.“

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