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Ein Fall Habermas? Der verschluckte Zettel

„Vergeßt Habermas!“ fordert das Magazin „Cicero“ in seiner jüngsten Ausgabe - und versucht, einer seit Jahren verbreiteten Anekdote neue Theorien abzugewinnen: Der Philosoph habe einst einen kompromittierenden Zettel aus seiner Hitlerjugend-Zeit verschluckt.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Schluckt dieser Mann verräterische Zettel? Jürgen Habermas

„Er nahm den Zettel heraus, entsiegelte und überlas ihn: und das Auge unverwandt auf den Mann mit blauen und weißen Federbüschen gerichtet, der bereits süßen Hoffnungen Raum zu geben anfing, steckte er ihn in den Mund und verschlang ihn.“

Christian Geyer-Hindemith Folgen:  

Haben Sie es auch schon gehört? Ebendieser Schluck-Report wird seit Jahr und Tag gerüchteweise über den Philosophen Jürgen Habermas kolportiert. Sicher belegt ist eine derartige Zettel-Schluckerei freilich nur in der Literatur, am Ende von Kleists „Michael Kohlhaas“, dem wir die zitierte Stelle entnehmen. Doch heute wird diese Urszene im gefühlten geistigen Zentrum der Republik neu aufgerufen. Hat Habermas geschluckt, oder hat er nicht geschluckt, fragt ein Mann mit blauen und weißen Federbüschen, der mit dieser Frage wie aus der schönen Literatur gesprungen scheint, würde man ihn, den Federbusch-Mann, nicht aus der Wirklichkeit kennen und wissen: Kleists Federbuschmann ist Jürgen Busche, seines Zeichens Reporter des Satans bei „Cicero“, dem „Magazin für politische Kultur“. Unter der dämlichen Hauptüberschrift auf dem Titelblatt des Magazins „Vergeßt Habermas! Das Ende der politischen Philosophie naht“ und unter dem Konterfei des Philosophen hat Busche es unternommen, die Frage zu stellen, die Kleist sich nicht getraut hat zu stellen: Was stand drauf auf dem verflixten verschluckten Zettel?

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Ein Aufforderungszettel von 1943

Doch nun erst einmal raus aus der Literatur und rein in die Realität. Dort, in der Realität, gibt es seit eh und je das Gerücht, Jürgen Habermas habe einen Zettel verschluckt. Und zwar nicht ohne einiges Herauf- und Herunterwürgen. Dieses Gerücht schleppt inzwischen einen ganzen Variantenapparat mit sich herum und wird als Bonmot zur fortgesetzten Stunde von Freunden wie Feinden Habermas' erzählt - unter ihnen auch große Namen wie Reinhart Kosellek, Hermann Lübbe oder Joachim Fest, der die Geschichte in seiner Autobiographie „Ich nicht“ aufgreift.

Gibt es diesseits der Fiktion so etwas wie einen Sachgehalt? Ja, den gibt es. Er läßt sich in etwa so umreißen: Jürgen Habermas hatte als Sanitäter in der Hitlerjugend 1943 Ausbildungskurse gehalten, zu denen auch Hans-Ulrich Wehler, der spätere Historiker, kam. Als Wehler ein paar Mal nicht erschienen war, ließ ihm Habermas eine der damals üblichen „Aufforderungen“ zukommen, einen vorgedruckten Zettel. Diesen Zettel habe Habermas - so will es jetzt wieder das Gerücht, nicht etwa der nachprüfbare Sachverhalt -, diesen Zettel habe er in kleinem Kreise Jahrzehnte später unter Würgen heruntergeschluckt, nachdem Wehler ihm das Schriftstück zugeschickt hatte.

„Er hat's verschluckt“

Wehler selbst bezeichnet die Schluck-Story als frei erfunden. Wie der Historiker zur Aufklärung des Sachverhalts jetzt mitteilte, haben die Familien Habermas und Wehler in den siebziger und achtziger Jahren mehrmals gemeinsam Urlaub auf Elba gemacht: „Auf dem Weg zurück habe ich dann eines Nachts in Starnberg - wir waren beide ziemlich betrunken - den Jürgen auf diesen Zettel angesprochen und ihm dann auch zugeschickt.“ Die Frage nach dessen Verbleib ein Jahr später am Strand von Elba sei von Ute Habermas mit einer „schnoddrigen“, natürlich nicht ernst gemeinten Antwort versehen worden: „Du weißt doch, wie der Jürgen ist - er hat ihn heruntergeschlungen.“ Wehler: „Er ist wohl im Papierkorb gelandet.“ Wehlers Darstellung deckt sich in allen Details mit jener von Habermas, das windige Dokument betreffend. „Wo anders als im Papierkorb sollte es gelandet sein? Meine Frau muß das auch so wahrgenommen haben, denn sie gab auf Ulis Nachfrage - während eines gemeinsamen Sommerurlaubs am felsigen Strand von Elba - die unverkennbar ironische Antwort: ,Er hat's verschluckt'.“

Natürlich fällt einem sogleich eine Rückfrage ein: Wie ist die ironische Antwort von Elba dann eigentlich in die intellektuellen Party-Kreise Deutschland gelangt? Durch die Eheleute Habermas wohl kaum. Dann wohl schon eher durch die Eheleute Wehler, die die drei Worte „Er hat's verschluckt“ in erheiternder Absicht zu Hause erzählt haben werden. Oder sollten hinter den Büschen von Elba noch andere Federbuschmänner auf der Hut gewesen sein?

Ein Fehlschluß aus der Pulle

Die vielleicht erheblichere Frage lautet: Warum kommt der Federbuschmann Busche erst jetzt aus dem Busch, da die Sache doch schon so abgestanden ist? Soll hier im Windschatten der Affäre Grass eine Habermas-Suggestion erzeugt werden? Wie billig, wie abgeschmackt, wie geschichtsklitternd. Busche kann dem Gerücht nicht ein einziges neues Faktum hinzufügen, das es auch nur in die Nähe der Verifizierbarkeit rücken würde. Statt dessen sieht er in einer aberwitzigen Logik in den Dementis von Habermas und Wehler den „Kern der Geschichte bestätigt“ und mutmaßt, auf dem Papier müsse noch anderes als das Vorgedruckte gestanden haben - Kompromittierendes.

Wie das? Hier ist der Federbuschmann in seinem quellenkritischen Element: „Wenn“, so raunt er, „wenn das Schriftstück nach so langer Zeit gesprächsweise wieder in Erinnerung kommen konnte, wenn es für wert befunden wurde, es dem ursprünglichen Absender eigens zuzuschicken, wenn sich der vielbeschäftigte Geschichtsprofessor dann noch nach dem Verbleib erkundigte, dann hat wohl mehr darauf gestanden als nur das Vorgedruckte.“ Wohl mehr, wohl wahr: das nennt man einen hochprozentigen Fehlschluß aus der Pulle.

„Cicero“ scheint seinem Satansbraten, der Schluck-Geschichte, selbst nicht recht zu trauen. Wie eine Art Schadensabwicklung liest es sich, wenn im selben Heft, das sich an Habermas verschluckt, zwei seiner Schüler, Lutz Wingert und Rainer Forst, mit großformatigen Fotos als Denker von morgen gefeiert werden. So pfeift Cicero, das „Magazin für politische Kultur“ politische Theorien hoch und wieder herunter: gerüchteweise. Jürgen Federbuschmann trifft Jürgen Habermas - Mummenschanz und geistige Größe versammeln sich um einen Müllschlucker.

Quelle: F.A.Z., 27.10.2006, Nr. 250 / Seite 35

 
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