http://www.faz.net/-gqz-6wfa4

Dolf Sternberger und das Panorama : Die Illusion des Überblicks

  • -Aktualisiert am

Yadegar Asisi, hier vor seinem Werk, entwarf das Pergamon-Panorama, das seit kurzem in Berlin zu bewundern ist Bild: REUTERS

Der Historismus wollte „alles sehen“ und erfand mit dem Panorama eine neue Darstellungsform. Dolf Sternbergers Bestimmung des Phänomens läuft dem allgemeinen Verständnis zuwider.

          Die Archäologie ist immer schon ein großes Imaginationsunternehmen gewesen. Wer in Troja eine Scherbe oder in Marathon eine Pfeilspitze fand, für den war eine gehörige Portion Einbildungskraft unabdingbar. Selbst die sensationellen Funde, die man seit den frühen siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Pergamon machte, fügten sich ja nicht von selbst zum Bild einer antiken Stadt. Was also lag näher, als die Archäologie mit den großen Illusionsmaschinen des neunzehnten Jahrhunderts, den Panoramen, zusammenzubringen? So zumindest mochte man sich 1886 gedacht haben, als das Pergamon-Panorama in Berlin die antike Stadt wiederauferstehen ließ und die Grabungsergebnisse damit dem großen Publikum zugänglich machte.

          Einem „Dialog aus Kunst und Wissenschaft“, so die Eigenwerbung, verdankt sich auch das privat finanzierte neue Panorama, das man jetzt anlässlich der aktuellen Pergamon-Ausstellung aufgebaut hat. Wie damals ist es ein Unternehmen im industriellen Maßstab. Natürlich, die technischen Möglichkeiten haben sich gewandelt, und auch Licht- und Musikeffekte, deren Abwesenheit im vorletzten Jahrhundert noch bemängelt wurde, dürfen nun nicht fehlen.

          Das Panorama hat Konjunktur

          So ertönen zum rosa Sonnenaufgang sphärische Harfen- und Flötenklänge, irgendwo zwischen Mittelalter und New Age angesiedelt. Dem beeindruckenden räumlichen Effekt, den das Rundgemälde hervorruft, kann das allerdings wenig anhaben. Nach kurzer Eingewöhnungszeit eröffnet sich dem Betrachter eine weite Landschaft, die von der unter ihm liegenden Stadt bis in die fernen Hügel hinein erstaunlich präsent wirkt. Anlass genug, dem so oft beschworenen Realitätseffekt der Panoramen noch einmal auf den Grund zu gehen.

          Die Forschungskonjunktur der letzten Jahrzehnte rund um das Panorama war bemerkenswert. Von einer vergessenen Kunst ist es zu einem der wohl bestuntersuchten Gegenstände der historischen Geisteswissenschaften geworden. Eine Frage stand dabei immer wieder im Mittelpunkt: Wie gelang es den Panoramen, ihre illusionäre Wirkung zu erzielen? Es sei, so lautete die Antwort darauf oft, vor allem die fotorealistische Malweise gewesen, die in Verbindung mit der besonderen Raumkonstruktion dazu geführt habe, dass der Betrachter glaubte, nicht auf ein Bild zu schauen, sondern einen wirklich Ausblick vor sich zu haben.

          Von Sternberger als „Stückwerk“ charakterisiert

          Nun wissen wir seit Roman Jakobson, spätestens aber seit Roland Barthes, dass Realismus keine Darstellungsweise ist, sondern ein ästhetisches Verfahren. Und vielleicht lässt sich das nirgends so gut nachvollziehen wie in den Panoramen, die ja einen enormen technischen Aufwand betrieben, um die Grenze zwischen Betrachter- und Bildraum zu verschleifen. Es lohnt sich an dieser Stelle, an einen Text zu erinnern, der in der bisherigen Diskussion merkwürdig wenig rezipiert wurde. Dolf Sternbergers „Panorama - Ansichten vom 19. Jahrhundert“ ist eine rezeptionsästhetische Studie avant la lettre, die nach den Bedingungen der Einbildungskraft im Panorama fragt - und daraus eine historiographische Methode entwirft.

          Als das Buch 1938 erschien, war die Zeit der Panoramen längst vorüber. Umso mehr taugten sie als Metapher: für die Sehnsucht einer ganzen Epoche nach dem Überblick. Das vielleicht entscheidende Wort, mit dem Sternberger das Panorama charakterisierte, war jedoch ein anderes, das dem Überblick und der mit diesem suggerierten Vollständigkeit und Illusion geradezu entgegengesetzt schien: Es lautete „Stückwerk“. An Anton von Werners Sedan-Panorama, 1883 am Berliner Bahnhof Alexanderplatz eröffnet und die Schlacht am 1. September 1870 repräsentierend, beschrieb er den „gebannten historischen Augenblick“ als Effekt der Zusammensetzung vieler einzelner, voneinander unabhängiger Komponenten.

          Weitere Themen

          Verblüffende Kunst am eigenen Körper Video-Seite öffnen

          Bodypainting : Verblüffende Kunst am eigenen Körper

          Mirjana Milosevic, alias Kika, kann Knoten in ihren Körper machen oder den Kopf abtrennen. Die Serbin schafft perfekte Illusionen. Sie bemalt ihren eigenen Körper so, dass der Betrachter seinen Augen kaum traut.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.